Japan unverzichtbar

Kommentar Bushs globale Raketenabwehr

20 Abfangraketen, absolut treffsicher dank fortschrittlichster Radartechnik, aufgestellt in Alaska und Kalifornien, außerdem auf Grönland und in Großbritannien. So sehen die Anti-Raketenpläne der USA bis 2005 aus, vorgestellt am 17. Dezember von George Bush höchstpersönlich. Zweifellos ein wichtiger Schritt hin zu einem Nationalen Raketenabwehrsystem, wie ihn die Administration seit langem plante. Aber längst nicht der erste und entscheidende, wie es der Präsident der Welt glauben machen will. Den ging Washington bereits 1998, als Japan genötigt wurde, für eine Gemeinsame Raketeninitiative technologisches know how in die Entwicklung eines regionalen Raketenschirms - es basiert auf dem maritimen US-Waffensystem Aegis - zur Verfügung zu stellen. Damals schon waren Amerikas Spezialisten davon überzeugt, Grundlage einer effektiven nationalen Raketenabwehr könne kein gewaltiger terrestrischer Raketenschirm über dem eigenen Territorium, sondern nur ein System global vernetzter regionaler maritimer Schirme sein. Seither gilt der asiatisch-pazifische Raum als Experimentierfeld einer derartigen Strategie. Nach den Japanern sollen sich auch Seoul und Taipeh für Aegis erwärmen. Die Zeit scheint reif dafür, haben doch US-Verteidigungsminister Rumsfeld und sein japanischer Amtskollege Shigeru Ishiba unlängst entschieden, von der theoretischen Debatte zur praktischen Entwicklung regionaler Abwehrkapazitäten überzugehen.

Ein Entschluss, der ungleich schwerer wiegt als Bushs Raketen-Statement vom 17. Dezember. Nicht nur, weil eine äußerst instabile Region dem dynamischsten Wettrüsten seit Ende des Ost-West-Konflikts ausgesetzt wird, sondern weil die genannten Entscheidungen erheblich dazu beitragen werden, Weltmeere endgültig in Zonen permanenter Konfrontation zu verwandeln. Dennoch drängt sich einmal mehr die Vermutung auf, Washington ist sehr daran gelegen, in der Welt eine ganz bestimmte Vorstellung von Nationaler Raketenabwehr zu befördern, die mehr Klischee als reflektierte Realität ist. Nationale Raketenabwehr à la Bush zielt keineswegs auf die bloße Vernichtung gen Amerika fliegender Interkontinentalraketen diverser "Schurkenstaaten". Nationale Raketenabwehr à la Bush bedeutet vor allem, fähig zu sein - auch von sicheren Positionen außerhalb des eigenen Staatsgebietes aus -, die militärischen Potenziale anderer Länder angreifen zu können, wann immer man dies für nötig erachtet. Vor diesem Hintergrund ist die Gemeinsame Raketeninitiative der Amerikaner und Japaner keineswegs eine regionale Angelegenheit, sondern integraler Bestandteil der global agierenden Militärmaschine USA. Höchste Zeit, Tokio darauf anzusprechen.

00:00 27.12.2002

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