Jazz

Kehrseite Am 14. August 1945 gab die kaiserliche Regierung Japans ihrem Volk bekannt, es gebe am nächsten Tag um zwölf Uhr eine sehr wichtige Rundfunksendung, ...

Am 14. August 1945 gab die kaiserliche Regierung Japans ihrem Volk bekannt, es gebe am nächsten Tag um zwölf Uhr eine sehr wichtige Rundfunksendung, die alle hören sollten. Am nächsten Morgen war eine neue Ankündigung zu hören: In der Mittagssendung werde der Kaiser persönlich sprechen. Wer zu Hause ein Radio habe, solle sie zu Hause hören, wer keins habe, solle zur nächsten öffentlichen Einrichtung kommen.

Der Junge eilte also kurz vor Mittag des 15. August mit seinen Eltern zur Schule, von deren Gebäude allerdings nur noch eine verkohlte Ruine übrig geblieben war. Etwa fünfzig Leute hatten sich in der grellen Sonne auf dem Sportplatz versammelt. Niemand war besonders gesprächig. Alle waren mehr oder weniger angespannt. Die Art der Ankündigung an sich war schon beispiellos. Und niemand der Anwesenden hatte je des Kaisers Stimme gehört. Es musste sich also wirklich um eine außergewöhnliche Sache handeln.

Auf einem stählernen Podest, dem einzigen, das in dieser Schule heil geblieben war, stand ein großes, altes Radio. Ein Lehrer suchte nach der richtigen Frequenz. Dann hörte man durch viele Nebengeräusche hindurch die Zeitansage. Es war zwölf Uhr. Der Radiosprecher gab aus der fernen Hauptstadt das Kommando: "Aufstehen!" Die Hymne lief. Anschließend begann eine männliche Stimme zu sprechen.

"Das ist also des Kaisers Stimme?" Der Junge wunderte sich. Er wunderte sich, weil die Stimme so gewöhnlich klang, nicht anders als die eines Onkels aus der Nachbarschaft. Er spürte eine gewisse Sympathie. Gleichzeitig kam ihm der Kaiser fremd vor, da die Art, die Betonung, mit der er sprach, so eigenartig klang. Er hatte noch nie jemanden so sprechen gehört. "Er ist doch anders ...", dachte der Junge. Und er verstand kaum, was der Kaiser zu sagen hatte. Dem zwölfjährigen Schüler waren viel zu viele Worte fremd. Es klang für ihn, als spräche der Kaiser in einer Fremdsprache. Als die kurze Rede endete, fragte er seine Eltern: "Was hat der Kaiser gesagt?" Seine Mutter antwortete mit müdem Gesicht: "Japan hat den Krieg verloren."

Am Spätnachmittag eilte der Junge mit einem Beutel nach Hause. Nach der Rede des Kaisers war er zum Bezirksamt gegangen, um rationierte Lebensmittel abzuholen. Es dauerte stundenlang, weil an diesem Nachmittag sehr viele Leute anstanden. Das Lager war schnell geleert und der Junge musste auf die nächste Lieferung warten. Als er sich mit etwas Reis und Bohnen auf den Heimweg machte, war er völlig fertig. Die Straße war unerträglich staubig und heiß. Die Baracken, die an den Straßen anstelle der ausgebrannten Geschäftshäuser standen, warfen keine richtigen Schatten. Die Weiden, die noch an manchen Ecken standen, zeigten kaum Grün. "Wenn ich mich zumindest mit jemandem unterhalten könnte ..." Vor seinen inneren Augen tauchte flüchtig ein Gesicht auf. "Verdammt!" Er trat gegen einen Stein zu seinen Füßen. Dann wieder. Und wieder. Anschließend nahm er militärische Haltung an, wobei er "Achtung!" schrie. Er hielt eine Hand mit fest geschlossenen Fingern über die Stirn und schrie: "Ich, der Hauptmann, stürme als Erster gegen die gegnerische Stellung an!" Er lief. "Dadadadadada! Dadadadadada!", machte er den Lärm des Maschinengewehrs nach. "Dadadadadada! Dadadadadada!", rief er außer Atem. Als er vor dem Hause anlangte, war er so kaputt, dass er gleich hätte umkippen können.

Aus der offenen Tür des Hauses, dessen größter Teil abgebrannt war, tönte Musik. Eine heitere, pfiffige Melodie, die ihm vertraut vorkam. Der Junge hielt den Atem an. Er trat rasch ins Haus und sah gleich am Eingang im halbdunklen kleinen Zimmer einen rötlich glänzenden Holzkasten auf dem kleinen Esstisch stehen. "Ich dachte, das sei auch verbrannt ...", murmelte der Junge. Es war das Grammophon seines Vaters. "Wir hatten es im Garten vergraben.", lächelte seine Mutter, die neben ihrem Mann am Tisch saß. Der hellblaue lilienförmige Schalltrichter, der schwarz schimmernde Tonarm mit einem Nadelhalter in Form einer Lotoswurzel - alles war noch da. Und der schöne türkisfarbene Plattenteller, den er früher immer wieder gern sich drehen gesehen hatte, drehte sich wieder, genauso wie früher.

"Findest du es nicht schön, wieder Jazz hören zu können?", hob seine Mutter ihre aufgeregt hohe Stimme. Sein Vater rauchte langsam eine Zigarette, was er lange nicht mehr getan hatte. "Wie schön, dass niemand sie mehr eine feindliche Musik nennen kann!", lächelte seine Mutter mit großem Mund. Dann drehte sie sich in einem Schwung zu ihrem Mann um. "Wollen wir tanzen? Wie früher?"

Die beiden hüpften im leichten und pfiffigen Rhythmus der Musik, die Trompete, eine Orgel und andere Instrumente spielten, die der Junge nicht kannte. Das Kichern seiner Mutter und das Knirschen der fast kaputten Dielen mischten sich mit den Tönen. Dem Junge war, als kehrten alle angenehmen Erinnerungen auf einmal zurück. "Der Krieg ist zu Ende, wir können wieder genauso leben wie früher!" Er wollte auch hüpfen, tanzen. Aber das Stück endete schnell. Als das nächste Stück aus dem lilienförmigen Lautsprecher strömte und eine sanfte Frauenstimme anfing zu singen, griff dem Jungen etwas Eiskaltes ans Herz. Er hörte nicht mehr die Stimme der Sängerin. Er hörte die Stimme eines Mädchens. Es sang nicht in der Fremdsprache wie die Sängerin, sondern in ihrer eigenen Sprache.

Ich will mit dir tanzen für immer
Weil du so ein schöner, schöner Junge bist

Die kindliche Stimme des Mädchens klang unbekümmert in den Ohren des Jungen. Der Junge sah das Mädchen am Grammophon stehen. Ein leicht gebräuntes rundes Gesicht, zu einem Pony geschnittene glänzende Haare, ein kleiner Kirschblütenmund, eine Stupsnase, große Augen, mit langen Wimpern bedeckt. Es starrte auf die sich drehende Platte und sang das Lied mit ernstem Gesicht. "Michiyo" - murmelte der Junge unwillkürlich. Mit dem Mädchen aus der Nachbarschaft hatte er gespielt, seit er sich erinnern konnte. Immer wieder war es zu Besuch gekommen und hatte besonders das Grammophon und die Platten gemocht. Er wusste nicht, wie oft er zugeschaut hatte, wenn das Mädchen so wie jetzt vor dem Grammophon stand und auf die sich drehende Platte schaute. Dieses Stück hatte es am liebsten. Da es den Originaltext nicht verstand, hatte es sich einen eigenen Text ausgedacht.

"Michiyo, hast du die Bombe doch überlebt?", sprach er das Mädchen an. Das Mädchen aber sang weiter, ohne ihren Blick zu heben, immer auf die sich drehende Platte schauend.

Der Junge fühlte, wie Tränen seine Augen füllen wollten, und er versuchte, sie mit aller Kraft zurückzuhalten. Sein Herz war so voll, er konnte nicht weiter sprechen. Er schaute sie bloß an.

Das Lied endete. Der Junge wischte sich über seine Augen. Im nächsten Moment war das Mädchen verschwunden. Er schaute sich um, aber das Mädchen war fort. Er spürte, wie die ganze Kraft ihn verließ. Er ging vors Haus und setzte sich auf den Boden. "Michiyo, der Krieg ist vorbei, alles wird so sein wie früher. Dann musst du wieder dasein. Wann kommst du zurück?", flüsterte er. Er lauschte. In diesem Moment hörte er im Haus das Lachen seiner Eltern.

Ein Lied mit schnellem Tempo lief im Hintergrund. Eine heitere mädchenhafte Frauenstimme sang fröhlich. Seine Eltern lachten wieder. Er hörte auch ihr Hüpfen. "Ach, ich muss wieder tanzen wie früher!", rief seine Mutter mit einer fast ebenso mädchenhaften Stimme wie die Sängerin. Plötzlich spürte der Junge Zorn. Er stand auf, trat ins Haus, ging zum Grammophon, ergriff die Platte und zerbrach sie in zwei Teile.

Im Zimmer herrschte absolute Stille. Seine Eltern standen wie versteinert da. Erst nach einer Weile murmelte seine Mutter: "Wieso ... was soll das?"

"Ich weiß es nicht ...", wollte er sagen. Aber es kam über seine Lippen: "Die Amerikaner haben Michiyo umgebracht! Sie kommt nie wieder zurück! Nie, nie wieder! Auch Toshiyuki, Daisuke, Onkel Taichi, Frau Nagata! Die Amerikaner haben alle umgebracht! Und was ist mit dieser Platte? Sie kommt auch aus Amerika! Amerikanerinnen singen darauf! Macht euch das Spaß? Wir könnt ihr dazu tanzen? Schämt euch! Schämt euch!"

Akio zerbrach die Plattenhälften nochmals. Er warf die Stücke zu Boden und trampelte auf ihnen herum. Seine Eltern starrten ihn fassungslos an. Aber dann sprang seine Mutter auf und ohrfeigte ihn: "Idiot!" "Idiot! Idiot!", schrie sie und schlug immer wieder zu. "Nicht nur du hast liebe Menschen verloren! Wir alle! Dein Vater hat seinen Vater verloren, wusstest du das nicht? Ich habe auch eine gute Freundin verloren! Und Michiyo macht uns genauso traurig wie dich! Ja, wir trauern sehr! Aber wir Japaner haben genauso viele Menschen im Ausland umgebracht! Man tötet sich gegenseitig, das ist der Krieg! Habe ich dir das nicht erzählt? Habe ich dir das nicht immer wieder erzählt? Und heute ist er endlich vorbei! Endlich keine Bomben mehr! Endlich müssen wir uns nicht fürchten, noch mehr Menschen zu verlieren! Endlich können wir ohne Angst Musik hören! Verstehst du das nicht? Verstehst du das etwa nicht?" Die Mutter wurde plötzlich blass und sackte zusammen. Sein Vater lief zu ihr. Der Junge rannte aus dem Haus.

"Verdammt! Verdammt!", schrie er, indem er die leere, staubige Straßen hinablief. Seine Schläfe pochte. Sein Hals brannte. Er rannte, ohne nach vorn zu sehen. Das Grammophon, Michiyos Gesicht, das Donnern des Flugzeugs, die Flamme, die brennenden Häuser, Michiyos Gesang, die Melodie aus der Platte, das Radio, das Dröhnen der Bombe, die Hymne, die Stimme des Kaisers, das Lachen seiner Eltern - alles drehte sich, als ob sie alle auf einem Plattenteller lagen. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er kippte um. Er drückte beide Hände fest auf die Ohren. Dann - hörte er das Lied. Michiyos Lieblingslied. Michiyo sang. Aber sie sang nicht ihren eigenen Text. Sie sang in jener fremden Sprache, den die Sängerin auf der Platte sang.

Somewhere over the rainbow / way up high
There´s a land that I heard of / once in a lullaby
Somewhere over the rainbow /Skies are blue
And the dreams that you dare to dream / Really do come true

Miyuki Tsuji wurde 1968 in Osaka geboren. Nach einem Slavistik-Studium in Tokio reiste sie die Seidenstraße entlang bis nach Europa und ließ sich schließlich in Hamburg nieder. Außer Kurzgeschichten schreibt sie Texte für Comics und Reiseessays. Im März erschien ihr Buch "Wiedersehen mit Osaka" im Wiesenburg Verlag.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 18.08.2006

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare