Jede Menge Brandbeschleuniger

Libanon Mit dem anti-syrischen Protest werden erstmals die Konturen einer Nation sichtbar - nur die Schiiten und die Hizbollah-Milizen bleiben auf Distanz

Eine Kirche, eine Moschee und die Umrisse des libanesischen Staatsgebietes sind auf ein Transparent am Eingang des Zeltlagers am Märtyrerplatz von Beirut gemalt. Auf einem Stein, der zum Podest wurde, liegen zwischen Nationalflaggen der Koran und die Bibel unter einer Drusenkappe - jugendliche Oppositionelle wollen mit dieser Symbolik an den vor fast drei Wochen ermordeten früheren Premierminister Rafik Hariri erinnern, vor allem aber für die "Unabhängigkeit des Libanon" Stimmung machen. Ihr Arrangement soll zugleich ein Sinnbild für den neuen libanesischen Nationalismus sein, der vereint, was sich bisher oft in erbitterter Feindschaft gegenüberstand.

Mythen der christlichen Elite

Rafik Hariri war im Oktober aus Protest gegen die weitere Präsidentschaft Emile Lahouds zurückgetreten und hatte in den vergangenen Monaten vorsichtig Tuchfühlung mit der Opposition um den Drusenführer Walid Jumblat gesucht. Dass Syrien seine heute noch 14.000 Soldaten abziehen und sich jeder Einmischung in die libanesische Politik enthalten soll, fordern libanesische Nationalisten seit Jahren, sofern mit diesem Begriff maronitische Christen gemeint sind. Während des Bürgerkrieges, der 1990 nach anderthalb Jahrzehnten zu Ende ging (s. Übersicht), kämpften sie gegen einen muslimischen und drusischen Gegner, der einem arabischen Nationalismus, teilweise einem libanesischen Sozialismus, später auch dem islamischen Fundamentalismus anhing. Auch der Sunnit Rafik Hariri galt als arabischer Nationalist, obgleich der mehrfache Milliardär gewiss keinen Drang zu sozialistischen Ideen verspürte, geschweige denn einem islamischen Fundamentalismus etwas abgewinnen konnte. Wenn seine Anhänger nun zur Speerspitze der anti-syrischen Proteste werden und Libanons Unabhängigkeit fordern, so offenbart das einen ideologischen Sinneswandel. Bisher betrachteten arabische Nationalisten die "Nation Libanon" mehrheitlich als eine Kreatur des europäischen Kolonialismus und hatten damit historisch durchaus Recht.

Als Frankreich und Großbritannien nach dem Ende des Ersten Weltkrieges das Osmanische Reich aufteilten, schufen die Franzosen 1920 in ihrem Mandatsgebiet - es umfasste die heutigen Territorien Syriens und Libanons - eine libanesische Nation und gaben ihr Grenzen, die zuvor so nie existiert hatten. Doch sie wollten den von ihnen protegierten Maroniten um jeden Preis einen eigenen Staat in den Schoß legen. Diese christliche Glaubensgemeinschaft hatten schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Theorie entwickelt, in der vom Libanon als einer souveränen Nation die Rede war. Als Nachfahren der Phönizier - und damit nicht als Araber - begründete die christliche Elite den Mythos vom Libanon als einer ehemals phönizischen Nation. Es störte die Protagonisten dieser Glaubenslehre wenig, dass es die Griechen waren, die den Phöniziern ihren Namen gaben und als ein seefahrendes Volk beschrieben, das von der arabischen Halbinsel an die levantinische Küste gelangt sei. Abgesehen von ihren historischen Schwachstellen konnten derartige Theorien kaum geeignet sein, die sunnitischen Muslime, die in den libanesischen Küstenstädten eine Mehrheit bildeten, von der Legitimität eines libanesischen Staates zu überzeugen.

Die Sunniten mussten sich in diesem Konstrukt als Fremdkörper begreifen und entwickelten wenig Neigung, den phönizischen Phantomen der Maroniten zu folgen. Als die Franzosen dem Libanon 1926 eine republikanische Verfassung gaben, fanden sich denn auch kaum Sunniten, die bereit waren, in der Regierung mitzuwirken. Auch Drusen und Schiiten verhielten sich reserviert. Nach der Unabhängigkeit von Frankreich wurden 1943 im "Nationalpakt" schließlich die Grundlagen eines politischen Konfessionalismus gelegt, der im arabischen Raum seinesgleichen sucht. Danach musste der Präsident der Republik Libanon stets eine Maronit sein, der Premierminister ein Sunnit und der Parlamentssprecher ein Schiit. Auch die Nationalversammlung wurde nach einem konfessionellen Proporz gewählt. Zwangsläufig verstärkte dieses System die Bindung an die religiösen Gemeinschaften und verhinderte jedes Nationalbewusstsein. Diese konfliktgeladene Form des Nationbuildings war gewiss nicht der entscheidende Grund, auf jeden Fall aber ein Brandbeschleuniger für den 1975 ausbrechenden Bürgerkrieg.

Im 1989 geschlossenen Taif-Abkommen, das ein Jahr später den Bürgerkrieg beendete, wurde - trotz aller prekären Erfahrungen - das 1943 begründete System konserviert. Allerdings erhielt der sunnitische Premierminister nun ebensoviel Macht wie der maronitische Präsident. Auch wurde der arabische Charakter des Libanon festgeschrieben. Im Gegenzug erkannten die Muslime die heutigen Grenzen Libanons als gegeben an - eine Konzession kriegsmüder Parteien, so glaubte man damals, die jeden anderen Kompromiss für ausgeschlossen hielten. Noch bis vor einem halben Jahr verteidigte die Masse der Muslime die syrische Präsenz im Libanon aus der Überzeugung heraus, dass man das arabische Bruderland nicht kritisieren dürfe, solange Israel noch die Golan-Höhen, die Westbank, und den Gazastreifen besetzt halte. Es galt die Parole: "Keine Stimme darf neben der Stimme des Kampfes zu hören sein!"

Distanz der schiitischen Mehrheit

Ohne jeden Zweifel bricht sich augenblicklich vor allem die Wut auf die mutmaßlichen Mörder Hariris Bahn. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Syrer das Attentat wirklich eingefädelt haben, eher gering. Das weiß oder ahnt zumindest auch die Mehrheit derjenigen, die jetzt demonstrieren. Noch bis vor kurzem hätten Sunniten wie Drusen bei einer solchen Tat zunächst Israel beschuldigt. Nun aber war der Anschlag vom 14. Februar so etwas wie ein letzter Auslöser, um die latente Unzufriedenheit mit einem korrupten und disfunktionalen System in eine höchst explosive Proteststimmung münden zu lassen, die inzwischen zum Rücktritt von Premierminister Omar Karami geführt hat. Die Syrer gelten als eine tragende Säule dieses inkriminierten Systems, auch wenn sie es nicht installiert haben. Dass sie trotzdem als Sündenbock herhalten müssen, hat mit der libanesischen Realität der vergangenen Jahre zu tun, offenbart aber auch einen für nationale Befreiungsbewegungen nicht untypischen Purismus.

Wenn Anhänger einst verfeindeter Ideologien und Konfessionen - Sozialisten und Falangisten, Muslime, Christen und Drusen - jetzt den Schulterschluss suchen, eines sollte nicht übersehen werden: Die schiitischen Parteien des Libanon sind nicht dabei. Neben der Gruppierung des Parlamentspräsidenten Nabih Berri gilt das vor allem für die Hizbollah, immerhin die stärkste Formation in der Nationalversammlung. Mit ihren Anhängern sind die ärmeren und ärmsten Bevölkerungsschichten des Landes nicht am anti-syrischen Aufruhr beteiligt. Sollte die Hizbollah ernsthaft befürchten müssen, dass der syrische Alliierte geht, dürften ihre Milizen das zu verhindern suchen.


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Der libanesische Bürgerkrieg 1975-1990

April 1975 - Falangistische Verbände der maronitischen Christen attackieren erstmals palästinensische Stellungen und die Kommandozentrale der PLO in Beirut.

1975/76 - Gefechte zwischen der Nationalen Bewegung (linke und muslimische Verbände), die für ein Ende der christlichen Dominanz im Libanon kämpft, und den Verteidigern des Status quo in Gestalt der Libanesischen Front.

1976 - Syrien interveniert zu Gunsten der Nationalen Bewegung, wechselt jedoch später die Seiten und unterstützt die Libanesische Front, um eine Niederlage der Maroniten und eine davon ausgelöste Teilung des libanesischen Staates zu verhindern.

1978 - Israelische Truppen liefern sich im Südlibanon Gefechte mit PLO-Einheiten. Christliche Milizen erklären das von ihnen kontrollierte Gebiet im Süden zum Freien Libanon. Entsendung einer Mission der Vereinten Nationen (UNIFIL).

1979-1982 - Libanon wird endgültig zum Schauplatz mehrerer, parallel verlaufender Konflikte. Es kommt zu Kämpfen zwischen schiitischen und sunnitischen Milizen, sowie zwischen pro-syrischen Kräften und der schiitischen Hizbollah. Im Frühsommer 1982 interveniert die israelische Armee im Südlibanon, belagert Beirut und zwingt die PLO im August zum vollständigen Rückzug aus dem Libanon. Yassir Arafat muss ins Exil nach Tunis ausweichen.

Am 14. September 1982 fällt der gerade gewählte Präsident des Libanon, der Maronit und Falangist Baschir Gemayel, einem Attentat zum Opfer. Vier Tage später verüben falangistische Kommandos ein Massaker in den palästinensischen Flüchtlingscamps Shatila und Sabra, bei denen mehr als 1.000 Menschen umgebracht werden.

1983 - bei mehreren Selbstmordattentaten auf die in Beirut stationierten internationalen Truppen, kommen im Oktober 241 amerikanische und 58 französische Soldaten ums Leben. Die internationalen Verbände werden daraufhin abgezogen.

1988 - als sich das libanesische Parlament nicht auf einen Nachfolger für Präsident Amin Gemayel einigen kann, ernennt sich der maronitische Militärstabschef Michel Aoun zum Regierungschef. Der Libanon zerfällt endgültig in mehrere Machtsektoren. Eine muslimische Gegenregierung wird gebildet.

1989 - die libanesische Nationalversammlung verabschiedet im Oktober die Charta der Nationalen Versöhnung, mit der im Interesse der nationalen Integrität die Machtbefugnisse der Christen zugunsten der sunnitischen und schiitischen Muslime beschnitten und Abzugsmodalitäten für die syrischen Truppen vereinbart werden.

1990 - die Charta bewirkt eine Verfassungsänderung, die unter anderem dazu führt, die parlamentarische Parität zwischen Christen und Muslimen festzuschreiben.

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00:00 04.03.2005

Ausgabe 38/2020

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