Barbara Schweizerhof
28.07.2010 | 11:08 5

Jede Menge Hermeneutik

Film Leonardo DiCaprio als Jäger der verlorenen Deutung: „Inception“ von Christopher Nolan übersetzt die Rätselhaftigkeit des Träumens in ein actionreiches Jahrmarktprogramm

Freud ahnte es: Wer ins Unbewusste eines anderen Menschen vordringt, begibt sich auf feindliches Terrain. Der menschliche Geist ist berüchtigt für seine Fähigkeit, jedem Geschehen einen nachträglichen Sinn zu verleihen. Einzig der Traum mit seinen verwirrenden Raum-Zeit-Konstruktionen entzieht sich auch ein Jahrhundert nach Freuds schlüssigen Hinweisen wieder und wieder dem rationellen Zugriff.

Man mag kaum glauben, dass dies der Stoff für einen amerikanischen Sommer-Blockbuster sein könnte, aber der große Reiz von Christopher Nolans Film Inception besteht tatsächlich darin, dass er das im Grunde doch dröge Hadern um den Sinn des Träumens als atemlose Action auf die Leinwand bringt. Statt mühsamer Ableitungen aus dem Alltagstrott der Psyche und ihrer dürren Versprachlichungsformeln gibt es hier das volle Jahrmarktprogramm: waghalsige Verfolgungsjagden, trickreiche Schießereien, einstürzende Fassaden, geflutete Städte, Bergbesteigungen, Tauchaktionen und Kampfszenen im Zustand der Schwerelosigkeit. Während der Zuschauer – und darin liegt nun eben das besondere Vergnügen an diesem Film – sich unentwegt in der Kunst der Hermeneutik versucht, also dem Ganzen einen Sinn ablesen will. Der „Suspense“ dabei ist ein anderer als der klassische, wenn man um die Explosion einer heimlich gelegten Bombe fürchtet. Die Fragen, die sich der Zuschauer in Inception wieder und wieder beantworten muss, sind beunruhigender und grundsätzlicher: Sehen wir einen Traum- oder einen Wachzustand – oder träumt hier nur jemand, dass er aufwacht? In welcher Traum-im-Traum-Ebene befinden wir uns, beziehungsweise: in wessen Unterbewusstsein? Und wichtiger noch: Was hat das alles zu bedeuten?

Als eine Art Indiana Jones auf der Suche nach der verlorenen Deutung ist denn auch Leonardo DiCaprios Figur angelegt. Sein Dom Cobb stellt eine Mischung aus Meisterdieb und Agent mit zweifelhafter Vergangenheit dar. Die ersten Szenen zeigen ihn gleich in Aktion: Mit einem kleinen Team an Unterstützern bricht er in den Traum eines Großindustriellen ein, um aus dessen unterbewussten Tiefen geheime Informationen zu extrahieren. Dieser Coup dient dem Zuschauer gleichzeitig als Einführung in die Grundregeln der folgenden Filmerzählung: Ist die Zielperson eingeschläfert, sorgt eine recht unscheinbare Maschine mit Verbindungsschläuchen dafür, dass verschiedene Personen in ihre Träume einfallen können. Was Cobb und sein Team unternehmen, gleicht einem raffinierten Trickbetrug, der schnell in Überfall und Geiselnahme umschlagen kann.

Gedanken einpflanzen

Als wäre das nicht schon kompliziert genug, dreht Nolan die eben erst eingeführte Filmlogik für die Haupthandlung gleich wieder um: Cobb wird als nächstes nicht etwa damit beauftragt, einen weiteren geheimen Gedanken zu stehlen, sondern umgekehrt: einen Gedanken ins Unterbewusstsein einer Zielperson einzupflanzen, so dass er als ihr eigener erscheint; die Spielregeln dafür werden wieder en passant erläutert. Bevor der Zuschauer noch deren Logik in Frage stellen könnte, beginnt auch schon wieder die waghalsige Action auf mehreren Traum- und Zeitebenen.

Mit Memento aus dem Jahr 2000 hat Christopher Nolan sich als Spezialist für vertracktes Erzählen einen Namen gemacht. In seinen beiden Batman-Filme (Batman Begins und The Dark Knight) stellte er diese Vorliebe zugunsten des visuell Spektakulären ein wenig zurück. In Inception gelingt ihm nun eine faszinierende Verbindung von beidem, die vielleicht nicht jedem Zuschauer gleichermaßen zusagt, aber doch fast alle mit dem Gefühl hinterlässt, dass man diesen Film noch ein zweites Mal schauen müsste, um ihn richtig zu deuten.

Kommentare (5)

heinrichpeine 30.07.2010 | 04:10

ich habe grade a) den film in voller länge ertragen und b) nachhaltige kopfschmerzen und c) das netz erfolglos nach einer profunden, eindeutigen negativ-bewertung dieses üblen machwerks durchsucht und....nichts. ich bitte um enstchuldigung für die rein emotionale nicht-diskursivität dieser anmerkung, aber dieser film ist eine traurige aneinanderreihung altbekannter und wesentlich steriler motive, die tim burton mit seinem banalsten popel-witz in ihrer phantasielosigkeit blossstellen würde. die gefühlte drei stunden lang an und abschwellenden pathos-kaskaden von hans zimmer taten ihr übriges um jedes fitzelchen an freude, frische und interesse in genau jenen suizidären bildern zu ersticken wie die auf der finalen ebene des "träumens" manifest werden. tristesse banal.

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Ehemaliger Nutzer 30.07.2010 | 13:01

Ganz so schlimm war der Film nun doch nicht. Gestern schrieb ich bereits an anderer Stelle das folgende. Vielleicht befriedigt das ja Ihr Bedürfnis nach gerechtfertigter Kritik:

»Mit in Inception hat Christopher Nolan tatsächlich noch einmal einen vielschichtigeren Film als Memento, Insomnia oder die Batman-Filme abgeliefert. Leider scheint die Vielschichtigkeit eher zu einer Verflachung geführt zu haben. Anstatt dass sich die unterschiedlichen (Traum)ebenen befruchten und bereichern, treiben Sie die Protagonisten zwanghaft in immer tiefere Ebene. Im gleichen Maß verflacht die Erzählung aber zusehends, weil sie nicht in der Lage ist, sich aus diesem Zwangskorsett zu befreien, was sich leider in den immer dümmlicher werdenden Action-Sequenzen manifestiert. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass der Film einem weder visuell, noch dramaturgisch und erst recht nicht menschlich etwas neues zu sagen hätte. Den letzten Umstand veranschaulicht für mich auf besondere Art eine Szene in Inception. Darin stehen zwei Hauptprotagonisten zwischen Spiegeln. Die beiden Spiegel werden so weit gedreht, bis sie sich gegenüberstehen. In dem Moment wo die Spiegel genau parallel zueinander stehen und eine Kaskade unendlicher Reflexionen erzeugen, müsste man eigentlich den Kameramann oder jemanden sehen, durch dessen Augen man in den unendlichen Regress blickt. Doch das Auge durch das wir die Erzählung sehen bleibt unsichtbar und mich beschleicht der Verdacht, dass dies ein Stück weit auch für die Erzählhaltung gelten mag.«

PS: Der Soundtrack war in der Tat an einigen Stellen viel zu wuchtig.

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Ehemaliger Nutzer 31.07.2010 | 14:19

Als absoluter Kino-Suchtling, habe ich mir via Sneak und Normalvisitierung ca. zwei Jahre lang jeden Mist reingezogen. Bereits bei dem Trailor war mit klar, dass es hierbei eher um bildgewaltiges und "wuchtige" Musike geht, als um ein subtiles Drehbuch.

Generell ist bis auf einige wenige Filme eine absolute Verflachung gerade der Hollywood Blockbuster zu beobachten. Vielleicht wäre es angebracht, sehr viel weniger zu produzieren? Das würde natürlich dem Grundsatz kapitalistischer Verwertungs- und Wachstumsdogmen widersprechen, könnte aber dazu führen, dass die eh scon reizüberfluteten Hirne der Zuschauer mal ein oder zwei Gänge zurückschalten könnten.

Klasse statt Masse und viel kleinere Studios, wäre das nich was?

Ich freue mich auf die Legende von Aang. Die Zeichentrickfolgen sind ein Knaller :)

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Ehemaliger Nutzer 31.07.2010 | 18:17

@Technixer
Was mich am meisten nervt ist das all die talentierten Leute mir nicht mehr zu sagen haben, als dass sie eine clevere Idee hatten (wenn überhaupt) und wissen wie es geht. Im Blockbusterbereich gibt es dann Leute wie J. J. Abrams die richtig gut inszenieren können, deren Erzählung aber inhaltlich derart entkernt ist, dass man glaubt, sie hätten Pessimismus mit Antihumanismus verwechselt (siehe »Cloverfield« oder »Star Trek«).

Tilman Hampl 07.08.2010 | 20:40

Die Überproduktion des Filmes bleibt leider als fader Nachgeschmack im Sinn. Fade Hotelflure, 007mässige CCCP Bauten in den Bergen, die Brose Kunst des Christopher Nolan, eine wirklich komplizierte in ihrer mehrfachen Verschachtelung verständlich zu erzählen wird von der Produktion überdeckt. Gebt das Buch nochmal Herrn Graf oder Rosenmüller, dann wird's ein ein großer Film. In meiner Twittertimeline schrieb ein US-Bürger, daß er, nach einer halben Stunde eingeschlafen, sich nach deutschen Regisseuren sehne. Dem stimme ich in dieser Landeszuordnung zwar nicht zu, man kann heute hierzulande aber einfach besser, pointierter und klarer produzieren.