Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

ALLTAG Porträt der Leipziger Unternehmerin Doris Günther

Normal ist es, mit Siebzig im Lehnstuhl zu sitzen und auf ein Arbeitsleben zurück zu blicken. Als Doris Günther siebzig Jahre wurde, bereitete sie sich darauf vor, ihr Familienunternehmen zurückzuerobern.

Die Wende erlebte ich in Leipzig. Ich war zu diesem Zeitpunkt bei der Evangelischen Haupt-Bibelgesellschaft beschäftigt und habe in der DDR die Heilige Schrift gedruckt und vertrieben", erzählt die 81-Jährige bei einer Tasse Kräutertee in den gediegenen Geschäftsräumen von Messedruck. "Eine schöne, schlichte Bibel herzustellen, hatte mich immer schon gereizt." Der Kontakt zu ihren ehemaligen Mitarbeitern bei VEB Messedruck war jedoch nie unterbrochen, und als sie in den Wendewirren von Demontage der Gerätschaften hörte, stellte sie im Februar 1990 den Antrag auf Rückübertragung ihrer Firma. Der gute Ruf der 1906 in Stötteritz gegründeten Buch Kunstdruckerei Günther, Kirstein Wendler sollte wieder hergestellt werden - das war sie sich schuldig. Sie war einundsiebzig und kein bisschen Greisin, als sie ihren ersten Millionenkredit beantragte.

Die Szene, die sich in der Bank abspielte, ist fast schon legendär, so oft wurde sie erzählt und so begeistert wird sie von Mal zu Mal ausgeschmückt und weitergetragen. Doris Günther allein weiß, wie es wirklich war: "Vor dem Gespräch mit der Bank hatte ich überschlagen, was ich an neuen Maschinen alles brauchen würde in diesem veralteten Betrieb. Und da wurde mir leicht schwindelig: polygraphische Maschinen sind teuer, und auch wenn ich nicht sofort mit funkelnagelneuen beginnen würde - eine Million wäre nötig, und mit diesem Gedanken bin ich zur Bank gegangen und habe dort ohne Umschweife erklärt: Ich möchte bitteschön eine Million haben, ich bekomme voraussichtlich meinen Betrieb zurück, und dann muss es blitzschnell gehen mit dem Wiederaufbau. Die Herren hörten sich das alles durchaus beherrscht an und fragten dann in aller Ruhe und ohne auf meine Konzepte näher einzugehen: Wie alt sind Sie denn? Ich bin 71. Da lachten sie mich über den Tisch an und erwiderten, 50 Jahre ist das Äußerste für einen Kredit, und eine Million schon gar nicht."

Im Oktober 1990 bekam Doris Günther ihren Kredit - eine Grundbucheintragung und ein beherzter Treuhänder hatten das Wunder möglich gemacht - heute wird sie von der Commerzbank bestens und zuvorkommend bedient.

Geschichten dieser Art gibt es einige im dritten Leben der Doris Günther. Als die Tochter der Schuhmachermeister-Dynastie Birke in der Nachkriegszeit Schuhe benötigte, kaufte sie sich in Westberlin ein paar schicke, trennte sie auf, guckte sich an, wie's gemacht wird, und entwickelte fortan die Fertigkeit, aus alten Aktentaschen und breiten Ledergürteln hochwertige Fußbekleidung herzustellen.

Als die Existenzgründerin Doris Günther 1990 ein Betriebskonzept benötigte, hörte sie sich sehr genau an, was potenzielle Käufer, die in Scharen aus dem Westen kamen, mit der Firma vorhatten, um sie leistungsfähig zu machen. Die besten Ideen packte sie zu ihrem eigenen Konzept.

"Welchen Managementkursus haben Sie besucht, Frau Günther? "Gar keinen!" ruft sie belustig. "Nicht einen!"

Heute lesen sich ihre Auftragsbücher wie ein Gotha der Hochkultur: Gewandhaus, Oper, Museen gehören zu ihren Kunden, der MDR und die Leipziger Messe und manch großer Verlag. Wer ihr Herz erobert hat, kann sich freuen: die Thomaner, deren Mäzenin sie ist, und der Bachverein; der Fußballclub aus Stötteritz.

25 handverlesene Leute, junge und ältere, Frauen und Männer, starteten mit ihr im Oktober 1990 den Neuanfang. Keinem blieben Umschulungen erspart. Der Bleisetzer musste an den Computer, der Buchdrucker an die Offsetmaschine, der Druckvorlagenhersteller an den Scanner. Diese Kerntruppe steht heute als Top-Team hinter ihr. "Ohne Frau Günther wäre ich längst arbeitslos", sagt die 57-jährige Montiererin Karin Heide, "sie kämpft wie eine Löwin - um die persönlichen Belange ihrer Mitarbeiter und für die Firmeninteressen"

Auch mit fast Fünfzig kann man etwas zum ersten Mal erleben. So einen schweren Anfang markierte für Doris Günther das Jahr 1967.

Bis dahin war sie vor allem den Pflichten einer Hausfrau, Gattin und Mutter nachgekommen - die schwerkranke Tochter Cornelia musste gepflegt werden, und versorgt das von Schwiegervater Richard Günther stammende große Haus in Schönefeld mit seinem 5.000 Quadratmeter Garten und den 100 Obstbäumen. Das tiefe Loch, in das Doris Günther durch den Tod ihrer Tochter und das Scheitern ihrer Ehe zu fallen drohte, bekämpfte sie mit viel Arbeit. Die langjährigen Mitarbeiter ihrer Firma hatten sie beschworen: Frau Günther, übernehmen Sie! Wir unterstützen Sie in der Firma, so gut wir können! Aber wie sollte das gehen? Wohl traute sie sich zu, eine Setzmaschine zu identifizieren, aber von Schrifttypen, der Arbeitsweise einer Druckmaschine, von Betriebswirtschaft, geschweige denn von der so unerlässlichen Gebrauchskunst Autofahren würde sie bei Null anfangen müssen.

"Nachdem die Mitarbeiter mir gut zuredeten, fasste ich Mut und sagte ja. Am nächsten Tag meldete ich mich bei einer Fahrschule an und sagte mir: Wenn du das schaffst, schaffst du das andere auch. In der Gutenbergschule besuchte ich Abendkurse über Satz und Druck und an der Leipziger Uni studierte ich abends Betriebswirtschaft. Tagsüber nahm ich mit meinen Mitarbeitern den Stoff durch. Das war für beide Seiten Gold wert; ich jedenfalls begriff mit dieser praxisnahen Methode unerhört schnell. Ein zweites Leben begann für mich, und ich kannte keine Müdigkeit mehr", erinnert sich Doris Günther.

Fünf Jahre später, am 9. Mai 1972, wurde die mittelständische Firma Günther, Kirstein Wendler verstaatlicht. Für Doris Günther eine bittere Stunde - der eingeführte Name musste abgelegt werden, die Konten wurden gesperrt. Die 53-Jährige arbeitete mit voller Kraft weiter - nun als "volkseigene Direktorin", und unter dem anderen, von ihr schließlich selbst kreierten Namen Messedruck - mit 750 Mark Monatsgehalt. "Ich habe mich genauso angestrengt, als wäre es mein eigener Betrieb", sagt sie nicht ohne Stolz, "und da ich mit Geschick die Pläne zu erfüllen verstand, bekam ich immer neue Betriebsteile hinzu, bis die SED auf diese Erfolge aufmerksam wurde und wir den parteieigenen Zentrag-Betrieben eingegliedert werden sollten. Ich fand, das ginge zu weit für eine Christin und Nicht-Genossin. Am 31. März 1981 verließ ich VEB Messedruck und fing tags darauf an, mich um die Bibeln der DDR zu kümmern." Nach ihrer glücklichen Veranlagung, das Beste aus den Verhältnissen zu machen, steht zu vermuten, die Christianisierung der DDR hätte - wäre nicht die Wende dazwischen gekommen - mit Doris Günther einen enormen Aufschwung genommen. Da ist sie erst sechzig und kein Gedanke daran, dass ihre Stunde kommen wird ...

"Um Gottes Willen, es ist ja schon halb eins!" ruft sie erschrocken und springt auf. Jeder Tag in diesem irdischen Leben ist ein Anfang mit vielen Unwägbarkeiten. Schon seit acht Uhr ist Wirbel im Parterre. Das neueste Stück - eine Vier-Farb-Druckmaschine aus Heidelberg - vier Tage alt, 1,8 Millionen teuer, schweigt. Und der neue, ehrenvolle russische Auftrag - ein mehrfarbiger Prachtband über den Kreml - steht und fällt mit der neuen Maschine. Sie eilt in die Druckerei, um nach dem Rechten zu sehen. Liegt's am Feingefühl des Monteurs oder an der Autorität der Prinzipalin, plötzlich läuft das Maschinchen wie geölt. Erleichterung.

"Meine Grundveranlagung ist", sagt Doris Günther, "dass ich Menschen und Dingen erst mal positiv gegenübertrete". Der schnöde Mammon treibe sie nicht um, und der Markt sei für sie kein Glaubensbekenntnis. Wichtiger als die Maschinen sind der Wohlfahrtspflegerin mit Staatsexamen die Menschen. Sie sieht in ihnen, was sie sein könnten, und bestärkt sie, über sich hinauszuwachsen. "Sie können das", sagt sie, die starken Hände fest ineinander verschränkt, und dieses Vertrauen bewirkt oft Wunder. Sie arbeitet gern mit Menschen und sie kennt jeden ihrer 58 Angestellten gut. Piccolo-Sekt und Blumen zum Geburtstag sind nur die äußeren Attribute eines familiären Betriebsklimas. "Mich bringen nur Kleingeist und Engstirnigkeit auf die Palme. Ich habe immer versucht, ohne Gesinnungsschwankungen meine gerade, saubere Linie zu ziehen. Meine Stärke ist, die Dinge beim Namen zu nennen. Oft werde ich gebeten, Firmengründerinnen Tipps zu geben. Ich traue Frauen viel zu und rate jungen Unternehmerinnen: Fangen Sie etwas an mit großer Freude! Stacheln Sie Ihre Phantasie an, um das Unternehmen zum Laufen zu bringen. Bringen Sie sich selbst voll ein, ehe Sie nach Fördermitteln rufen. Sortieren Sie das Terrain und bauen Sie die Geschäftsidee aus. Überlegen Sie erst mal selbst, was Sie alles können. Legen Sie das auf den Tisch und prüfen Sie, ob es ausreicht, eine Existenz zu gründen. Und wenn es nicht ausreicht, legen Sie selbst noch etwas dazu an Kraft und Ideen. Ich habe etwas gegen dieses ständige Sich-helfen-Lassen!"

Das alles kann morgen zu Ende sein, dachte die Geschäftsführerin Doris Günther am ersten Tag, als die Messedruck Leipzig GmbH flott gemacht worden war, und sie regelte die Nachfolge. Ihre Mitarbeiter sollten niemals wieder auf der Straße stehen.

Nach ihrem 80. Geburtstag wollte sie kürzer treten, nachmittags mehr Spaziergänge machen, abends ins Theater gehen, im Gewandhaus den geliebten Mozart hören oder in der Thomaskirche Bach, gesungen von den hochgeschätzten Chorknaben. Aber so einfach in den Tag hineinzuleben, fällt Doris Günther schwer. Ist es das Preußische, oder das Evangelische in ihrer Erziehung, oder einfach nur die unbändige Lust am Schaffen?

Seit zehn Jahren kommt sie täglich kurz vor acht ins Büro; mit nichts als Knäckebrot, einem Joghurt und dem universellen Kräutertee im Magen. Mäßigung ist angesagt, bei Kaffee bestünde die ernste Gefahr des Auf-dem-Tisch-Tanzens. Mit diesem Energie-Cocktail im Magen werden aktuelle Aufträge besprochen, Post bearbeitet, Kunden betreut, Fachzeitschriften ausgewertet, Fachvorträge besucht. Zwischen 17 und 18 Uhr geht die mit guter Konstitution Gesegnete zügig heim, mäßigt sich wiederum - Figur und Herz zuliebe - beim Schokoladenverzehr, legt dafür um so mehr Rouge auf und geht ins Theater oder in die Oper. Durchaus möglich, dass in einer der nächsten Premieren die Bravo- respective Buh-Ruferin aus der vorderen Reihe eine gut aussehende alte Dame mit silberfarbenem Haar ist ...

Ab einer gewissen, oft sehr frühen Altersstufe werden Frauen gefragt: Geht's noch? Und sind Sie nicht eigentlich zu alt für ... Doris Günther kann damit umgehen. Wenn es in Gesellschaft heißt: Ja, wie kommen Sie denn nach Hause?, so antwortet sie nicht ohne Stolz: Ich fahre mit dem Auto.

Aber was heißt hier fahren? Sie ist in Gottes Hand, wenn sie mit ihrem BMW durch die Straßen donnert oder in den Urlaub an die Ostsee braust, das Auto mit Büchern vollgepackt.

00:00 30.06.2000

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