Jedem Gackerl sein Sackerl

Nicht in Berlin Die Wiener lieben ihre Müllabfuhr so, wie anderswo nur Sportclubs verehrt werden. Auch wegen des Humors der „48er“

Dieser Wiener Typ reißt seinen Mund wirklich überall auf. Vor der Staatsoper prahlt er: „Das Publikum gibt mir alles.“ Vorm Parlament jammert er: „Brauche mehr Input“, oder er poltert: „Ihre Papiere, bitte!“ Vorm Kunsthistorischen Museum umschmeichelt er die Passanten: „Darf ich Ihnen etwas abnehmen?“ Vor der Hofburg versucht er es auf die persönliche Tour: „Mir kannst du ruhig alles anvertrauen …“ Vor der Uni heult er ein bisschen: „Gib meinem Hängen einen Sinn!“ Vor dem Wahlzelt der Rechtspopulisten schreit er: „Ich bin für jeden Dreck zu haben!“ Und an manchen Ecken macht er auch ganz einfach auf den guten alten Falco, indem er singt: „Ganz Wien bleibt clean!“ Die Rede ist vom Wiener Mistkübel.

Er ist das Baby der „48er“, wie man die Müllabfuhr in der österreichischen Hauptstadt liebevoll nennt, denn die Müllabfuhr trägt die Magistratsnummer 48, und das ist die einzige Verwaltungsnummer, die vermutlich jeder Wiener im Schlaf kennt. Das Image der Müllabfuhr ist nicht nur knallorange, sondern auch urkomisch. Wobei das Wort „Mistkübel“ überhaupt nicht als Witz gedacht ist, auch wenn es für deutsche Ohren gewisse ländliche Assoziationen wecken mag, Bilder von einem Bauernhof-Idyll vielleicht. Mistkübel ist in Österreich ein völlig normales Wort. Müll heißt dort einfach Mist, und Eimer heißt Kübel. So weit schon mal eine erste kurze Einführung in den Wiener Mülljargon.

4.000 „Feng-Pfui“-Vorschläge

Die 48er umgibt ein heroischer Kult. Das zeigt sich dieser Tage auch im österreichischen Trailer für die sechste Staffel der US-Zombie-Serie The Walking Dead, die vergangene Woche in Austria angelaufen ist. Zur hymnenartigen Serienmusik fährt ein orangefarbener Müllwagen vor, darauf ist die Aufschrift „Beim Mist geigma auf“ zu lesen. Dann stopft eine 48er-Kehrforce Leichenteile und Untote furchtlos in eine Tonne für Restmüll. „Sammas?“ – „Glaub scho!“, Achselzucken, fertig, sauber. Furchtlos, wie Helden das halt so machen.

Ähnlich charmant ist die überdimensionale Zigarette, die auf jedem Mistkübel thront. In bewährter Beisel-Manier haut sie das vorbeigehende Rauchervolk mit dem ortsüblichen Standardsatz um eine Kippe an: „Host an Tschick?“ Aber gerne doch! Die Entsorgung des Zigarettenstummels im Gully kann nämlich teuer werden. Auch ein falsch platziertes, nicht vom Halter entsorgtes „Hundstrümmerl“ (Kothaufen) kostet mindestens 36 Euro Strafe. Für Mist wie diesen sind die „Orangekappler“ zuständig, spezielle Kontrolleure.

Ohnehin sagt der Wiener Müllkult viel über die Stadt und ihre Bewohner aus. Um die Jahrhundertwende wurde dort die Blechtonne – vulgo: Coloniakübel – eingeführt. Noch heute weht ein Hauch der alten K.-u.-k.-Monarchie herüber, wenn man seinen Abfall in so einem „Coloniaraum“ entsorgt. Auch das österreichische Paradoxon aus Laissez-faire-Prinzip („Biomüll? Flaschenpfand? Hau einfach eine dein’ Dreck, des geht scho!“) und lähmender Bürokratie (Hausmeister fürchten die Beantragung eines neuen Mistkübels wie nichts anderes) spiegelt sich im Umgang mit dem Abfall.

Die 48er treffen mit ihren Kübelsprüchen exakt den Schmäh, dessen sich die Stadt so rühmt. Eigentlich mag es der Wiener am liebsten, wenn alles bleibt, wie es immer war. Andererseits möchte er konsequent humorvoll und selbstironisch sein, und so erfindet er ständig neue, ureigene Slogans. Beim jüngsten „Feng-Pfui“-Wettbewerb für neue Kübelsprüche gingen gut 4.000 Vorschläge ein, so viele wie noch nie zuvor. Die besten zehn landeten am Ende als Sieger auf dem Müll. Wenn Sie verstehen ...

Testanruf beim Misttelefon

Welch ungeahnte Nebeneffekte ein Witz entfalten kann, zeigt der Reim: „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl!“ Dieser Satz steht auf Schildern, die aktuell zu Hunderten in den städtischen Grünstreifen stecken. Das Schild zeigt einen süßen Hund mit sehr traurigen Augen, Hundeaugen eben. Das niedliche Tierchen fordert sein „Herrl“ oder „Frauerl“ mit dem Spruch dazu auf, im Bedarfsfall eine Kackatüte aus dem Gestell zu entnehmen und damit das „Trümmerl“ zu entsorgen. Ein befremdlicher Trend machte sich daraufhin unter Schülern breit: Für eine Weile waren die Gackerl-Sackerl bei 10- bis 15 Jährigen so en vogue, dass sie ihre Pausenbrote darin einwickelten. An den Sackerlspendern entstanden Engpässe, Hundehalter waren erbost über den Missbrauch. Eine Gackerl-Sackerl-App hat inzwischen aber wieder geordnete Verhältnisse geschaffen. Die Kackatüten können nun digital geortet werden.

Wie beliebt die 48er sind, zeigte sich jüngst bei einer großen Demonstration: 12.000 Cannabis-Befürworter spazierten durch Wien. Offiziell aus beruflichen Gründen, insgeheim vielleicht aus Sympathie, mischten sich etliche 48er in den Zug. Sie wurden nicht nur beklatscht, sondern auch mit schwingenden Hanfblättern bejubelt.

Die Liebe zu den Müllmännern drückt sich mittlerweile auch darin aus, dass die Telefonnummer „546-48“ wohl die am meisten geinstagramte Wiener Telefonnummer ist. Sie prangt auf jedem der 18.000 öffentlichen Mistkübel, dazu die erklärende Aufschrift: „Misttelefon“. Vor allem deutsche Touristen amüsieren sich darüber.

Was erwartet einen, wenn man die Nummer tatsächlich anwählt? Es dudelt Musik, und es heißt: „Herzlich willkommen beim Mist-und-Schmäh-Telefon.“ Das ist aber lustig! Erst bei mehrmaligem Nachhören und schließlich durch Nachfragen zeigt sich, dass es nicht „Schmäh-“, sondern „Schneetelefon“ heißt. Dann erklärt mir ein Mann, dass das Misttelefon eben für Mistfragen da sei: „Wann kommen endlich die Mistkübler?“ Oder: „Hilfe, der Mistkübel dort ist defekt/voll/brennt!“ Ob es zwischendrin nicht auch Witzanrufe wie diesen gebe, möchte ich wissen. „Witzig is da eigentlich nix. Dass jemand nur anruft, um zu fragen, was das Misttelefon is’, is’ mir noch nie passiert“, sagt der Mann trocken. Mit „Hasta la Mista, Baby“ verabschiedet er sich nicht. Sehr schade. Dieser Schmäh klebt dann doch nur als PR-Spruch auf den Kübeln.

06:00 04.11.2015
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