Jedem sein Jenseits

HOHEPRIESTER DES AUssENSEITERTUMS Auf dem neuen Album "Pure Vernunft darf niemals siegen" hat sich die produktive Ratlosigkeit von Tocotronic in mystisches Wohlgefallen aufgelöst

Gäbe es die "Hamburger Schule" noch, würde sie sich sehr wundern über ihre ehemaligen Sprösslinge. Die Trainingsjacken eingemottet, die Frisuren auf Beatles-Länge zurückgestutzt, der trotzige Punkgestus längst abgelegt: Tocotronic sind nun in den Tagesthemen angekommen, und die onkelhafte Gemütlichkeit, mit der Ulrich Wickert die ehemaligen Verneiner der Erwachsenenwelt anmoderiert, erfüllt den Zuschauer mit sanftem Schrecken. Kein Feuilleton weit und breit, das sich nicht in allem Umfang dem neuen Album Pure Vernunft darf niemals siegen widmen würde. Gleichzeitig werden die vier höflichen Thirty-Somethings von einer Heerschar von Teenagern angebetet, die ihre Konzerte zu irritierenden Ereignissen machen. Tocotronic sind zum Phänomen geworden, auf das sich die Top of the Pops-Kids genauso wie die Michael Endes dieses Landes einigen können. Was ist da passiert?

Für die "Hamburger Schule", jener popmusikalischen Bewegung der neunziger Jahre, die Songwriting mit Popschläue und Diskursnähe vorantrieb, bedeuteten die damals noch als Trio agierenden jungen Herren eine Art Frischzellenkur. Während etwa Blumfeld ihre Verstärker mit Penismonologen und tendenziell verkopften Sprechgedichten fütterten, die dem Popdiskurs seinen empfindsamen Cut-Up-Reim lieferten, hatte der Zugriff von Tocotronic etwas Unmittelbares, Rotziges, fast Unverschämtes. Die Larmoyanz des orientierungslosen Slackers wurde in melancholischen Sets unverhohlen gefeiert. Der randständige Hass auf unschuldige Bevölkerungsgruppen wie Fahrradfahrer, Kleinkünstler und Gitarrenhändler brach sich in wohlgenölten Punksongs Bahn. Die ersten dreieinhalb Alben Digital ist besser (1995), Nach der verlorenen Zeit (EP, 1995), Wir kommen um uns zu beschweren (1996) und Es ist egal, aber (1997) ließen Tocotronic zu "Identifikationsdienstleistern" einer recht breiten Anhängerschaft werden, die jugendliche Schwermut, stolzes Außenseitertum und ratlose Renitenz in den eingängigen Texten des Frontmanns Dirk von Lowtzow ausformuliert fand wie nirgendwo anders.

Als Vehikel des Ausdrucks fungierten sperrige Slogans, die wie von einer besonders schlauen Werbeagentur erdacht schienen: Den zwischen Ironie und Ernst schwebenden Parolen war der eigene Widerspruch bereits eingeschrieben. Jungs, hier kommt der Masterplan, Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht soweit, Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein: In solcher Sprücheklopferei schien die handlungsarme Nervosität einer ganzen linken Generation auf. Der Handlungsimpuls reichte nicht mehr oder noch nicht zum aktiven Engagement - Altpunks und Hausbesetzer gaben schon aus Stilgründen kein geeignetes Vorbild ab, und die Attac-Jugend samt Antiglobalisierungsbewegung hatte sich noch nicht formiert. Fahrige Bewegungen mussten herhalten zum Protest. Selbstmitleid verschränkte sich mit Alltagsweltverdammnis zur nerdigen Dissens-Pose. Der Hass auf Welt und Selbst zog sich in Formen rebellischer Lethargie zusammen, deren bekannteste Formel die Schuldfrage an einem nahezu willkürlichen Objekt abarbeitete, um der namenlosen Wut wenigstens irgendeinen Namen zu geben: "Michael Ende, nur du bist schuld daran / Dass aus uns nichts werden kann / Du hast uns mit deinen Tricks / Aus der Gesellschaft ausgeixt / Mit den Eltern aller Schichten / Willst du uns vernichten / Michael Ende / Du hast mein Leben zerstört."

Hatten Tocotronic in ihren ersten Alben von den Rändern aus agiert, immer das Davor und Danach, das Außerhalb der Ereignisse, niemals aber das Mittendrin besungen, so kam, wenn nicht schon mit K.O.O.K. (1999), so doch spätestens mit dem selbstbetitelten weißen Album Tocotronic (2002) die Wende. Die Musik war jetzt von einem forcierten Kunstwillen beseelt. Elektronische Einflüsse wurden geltend gemacht. Der Akzent verschob sich von Rock auf Pop, von Gitarre auf Synthesizer und Streicher. Textlich ging es von den Rändern in die Zwischenräume: "Verführer im Dazwischensein" nannte von Lowtzow selbst sein lyrisches Ich in dem Titel Neues vom Trickser, welcher das weiße Album abschloss - und steckte so die Claims ab, die auf Pure Vernunft darf niemals siegen weiter durchwandelt werden. Obwohl (allein schon durch die Beförderung des Live-Keyboarders Rick McPhail zum zweiten Gitarristen und vollständigen Bandmitglied) weitaus gitarrenlastiger als sein Vorgänger, stellt das neue Album musikalisch eine so konsequente wie reduktionistische Weiterentwicklung des Pop-Ansatzes dar. Es herrscht fast durchgehend ein nobler Ton der Zurückhaltung. Der Opener Aber hier leben, nein danke bildet da die rockende Ausnahme. Ansonsten wird viel und schön gesungen. Dirk von Lowtzow hat die Bandbreite seiner immer hörenswerten Stimme von Album zu Album erweitert, und es macht Spaß, ihm bei der Präsentation der neuesten Möglichkeiten zuzuhören. Das Spektrum reicht von der Elektro-Etüde (Cheers for Fears) im Stil von Phantom/Ghost, einem Nebenprojekt Dirk von Lowtzows, bis zum Schalalala-Schunkel-Chanson (Pure Vernunft darf niemals siegen). Das solide Songwriting wird von gefälliger Instrumentierung unterstützt (Bass: Jan Müller, Schlagzeug: Arne Zank) und am Ende von liebevoller Produktion dezent abgemischt. Harmonie und Harmlosigkeit liegen jedoch nahe beieinander. Hier und da möchte das Ohr noch geschmeichelt sein, ertappt sich aber schon bei der Langeweile.

Die "Hamburger Schule" hatte ein gewisses Faible fürs Autorentum. Das zeigt sich bereits, wenn man die derzeitigen Aktivitäten so mancher Alumni betrachtet: Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen) etwa versuchte sich als Theaterautor, Kristof Schreuf (Kolossale Jugend) meldete sich im Klagenfurter Kampflesen zu Wort. Godfather Jochen Distelmeyer (Blumfeld), dessen Texte den Hang zum Literarischen besonders ambitioniert ausstellten, pflegte auf diesbezügliche Nachfragen zu antworten, das sei alles gar nicht so absichtlich, er habe diesen Habermas beispielsweise gar nicht gelesen, und überhaupt, wichtig sei doch vor allem die Musik. Dirk von Lowtzow verhält sich hier konträr. Seine Verse haben noch immer etwas Hingeworfenes, Unmittelbares, kaum Konstruiertes und müssen dem Hörer nicht ständig beweisen, welch mächtigem Hintergrund sie sich verdanken. Genau dieser aber wurde nun in einem aufschlussreichen Interview in der FAZ wie mit dem Scheinwerfer erhellt. Erstaunlich die Liste an intellektuellen Größen, in deren Tradition sich von Lowtzow qua namedropping leichtfüßig einklinkt. Es hagelt Namen wie Breton, Bernhard, Bataille, Baudelaire, und der Ausdruck "Nietzsche für Arme" dürfte als weiterer "Toco"-Klassiker von progressiven Germanistikseminaren bereits im nächsten Semester mühsam ausbuchstabiert werden. Was ist das nun? Echte Skizze der geistesgeschichtlichen Einflüsse eines belesenen Sängers - oder doch nur eine lustige Strategie, den intellektuellen Überdruck der Institution Feuilleton durch fröhlichen Overkill zu sprengen? Wahrscheinlich beides. Von Lowtzow ist ein Agitator der Polysemie, und er hat jedes Recht, neue Spuren zu legen und alte zu verwischen (und umgekehrt). Bei Tocotronic war von je her noch die deutlichste Geste gebrochen. Man mag sich jedoch fragen, ob er nicht Gefahr läuft, seine Songs durch übermäßiges Herbeizitieren kultureller Autoritäten von außen überzudeterminieren und das Projekt Tocotronic a posteriori seiner schwer erkämpften Leichtigkeit zu berauben - im angestrengten Hinblick auf das "Gesamtwerk" und dessen "Phasen".

Der musikalischen Erneuerung entspricht die inhaltliche. Die Texte sind nun aller Konkreta bereinigt. Das ist ein alter Vorwurf: Was seid ihr doch abstrakt geworden, Dirk. Kein Bahrenfeld im Bus mehr, kein Abend im Rotary Club, nicht einmal eine schnelle Pizza mit Mark E. Smith wird dem Hörer gegönnt. Das ist nicht an sich verwerflich. Aber es riecht verdächtig nach Programm. Alles ist nur noch in Umrissen und Schemen vorhanden, Metaphysik und Vieldeutigkeit erstarren zum Konzept, und es wird vom "Tag der Toten" und vom "Prinzen, der uns begleitet" geschwärmt, als wäre das Jenseits nur ein Riff um die Ecke. Das Raunen geht jetzt eins zu eins, denn im Zwischenraum ist alles unendlich und ohne Definition. Von Lowtzow kokettiert mit der Rolle des antipopistischen Dichtersehers, des Mediums zwischen Tag und Nacht, Hier und Da, Diesem und Jenem. So wird beliebig, wo wir uns gerade befinden auf der Reise durch den Dämmer. Und es scheint, als würden Tocotronic, diese Gegenspieler der Generation Golf, mit der Logik der Rollenspiele austesten, wie es sich als aufgeklärte Mystiker so musizieren lässt auf der Suche nach dem ganz Anderen. Aber die Kloßbrühe ist nur dünne Suppe. Denn es geheimnist zu gewollt, zu offensichtlich auf diesem Album. Weil die Irritation allgegenwärtig ist, irritiert nichts mehr. Befremden über die aktuelle Realität hat sich zur Entfremdung von Realität an sich gesteigert, und es führt kein Weg zurück aus diesem dandyesken Eskapismus. An der Verehrung ändert das wenig; aus Projektionsflächen einer richtungslosen Jugend sind Hohepriester des Außenseitertums geworden. Im Halbdunkel klirren die Weizenbiere, verflacht die Sprache, werden die Melodien getauscht: Ein Song, sie zu blenden, sie alle zu tricksen, ins Dunkel zu treiben und auszuixen.

Alles nur Trickser-Tarot also, Mummenschanz und fauler Zauber? Herrgottnochmal! Tocotronic wären nicht die spannendste deutsche Band, wenn sie nicht eben doch jene drei, vier Songs mitlieferten, die es schaffen, selbst den säkularisierten Hörer mit links für sich einzunehmen. Gegen den Strich, Keine Angst für Niemand und Ich habe Stimmen gehört vermögen zu versöhnen. Allein für Aber hier leben, nein danke lohnt es sich, die ganze Messe brav durchzustehen. Das Album ist jedoch von einer Patina aus Irrationalismus und Fake-Metaphorik überzogen: ein gotisch verhangenes Testbild, ein verrauschtes Spiritual in der Warteschleife. Wenig Traute und viel Dünkel. Vielleicht gerät Pure Vernunft darf niemals siegen deshalb zum größten kommerziellen Erfolg der Band, weil die Tocotronic-Generation selbst in den Eskapismus regrediert und sich eigentlich freut, nicht erwachsen und diesseitstauglich werden zu müssen. Dabei dürften wir es noch aus Jugenddiscozeiten wissen: Künstlicher Nebel riecht nicht gut.

Pure Vernunft darf niemals siegen ist bei L´Age d´Or (Rough Trade) erschienen.


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00:00 18.02.2005

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