„Jeden Tag bin ich etwas schlauer“

Die Ratgeberin Mit Selbsthypnose zum Erfolg? Aber ja! Bei unserer Autorin hat das funktioniert!
Susanne Berkenheger | Ausgabe 10/2016 1
„Jeden Tag bin ich etwas schlauer“
Hypnotize me! Diese hier schlummern gerade mit ihrem Lieblingskuscheltier

Foto: David McNew/Getty Images

Bis spät in die Nacht habe ich gestern noch an meinen Suggestionen gearbeitet. Das sind kurze Sätze, mit denen ich mich selbst hypnotisiere. Einer davon lautet: „Jeden Tag bin ich etwas schlauer.“ Jahrelang versuchte ich es mit „Ich werde immer schlauer“. Ich Idiotin! Erstens braucht man einen zeitlichen Anker in der Suggestion (jeden Tag). Zweitens soll man sich nicht im Futur hypnotisieren, weil man dann stets nur in der Zukunft schlauer ist, während man in der Gegenwart immer gleich dumm bleibt. Genauso ist es mir ergangen.

Glücklicherweise ist mir Jan Beckers Buch Du kannst schaffen, was du willst. Die Kunst der Selbsthypnose in die Hände gefallen, und ich konnte meine Suggestionen entsprechend bearbeiten. Wenn Sie, liebe Leser, jetzt denken, was schreibt sie da wieder Unsinniges, vergessen Sie nicht: Ich bin jetzt bereits viel schlauer als in dem Moment, in dem ich diese Kolumne schrieb. Mittlerweile kann ich Beckers Buch schon auswendig. Und das ist gut so. Denn natürlich funktioniert Hypnose! Die von Becker allemal. 2009 hypnotisierte er seinen damals zermürbten Lieblingsclub Borussia Mönchengladbach und pushte ihn damit zum entscheidenden Sieg gegen den HSV. Wie hat er das gemacht? Hexerei? Nein, gar nicht. Hypnose wirke wie ein Placebo, sagt Becker. Sprich: Ob er wirklich ein Hypnotiseur ist, spielt keine Rolle, solange die Hypnotisierten an ihn glauben. Dieser Glaube, sagt Becker, entstehe aber durch nichts anderes als Selbsthypnose.

Daher kann man auch seine eigene Hypnotiseurin sein, spektakulärer ist es natürlich mit Becker. Der Trick aber bleibt derselbe: Er habe lediglich den Glauben der Borussen an sich selbst gestärkt, sagt Becker. Aber ja! Das funktioniert. Davon bin ich überzeugt. Gerade deshalb treibt mich die Borussen-Hypnose immer wieder um. Denn: Was wäre passiert, wenn die Hamburger zeitgleich einen eigenen Magier engagiert hätten, der sie ebenfalls im Glauben an sich selbst gestärkt hätte? Hätten die Borussen zwei Hypnotiseure gebraucht, um das wettzumachen? Hätte der HSV-Magier diese wiederum mit tagelangen Magiertänzen schlagen können? Wäre es zu einem aberwitzigen Wettrüsten des An-sich-selbst-Glaubens gekommen? Und wer gewinnt eigentlich, wenn alle maximal an sich glauben? Die Fitteren? Hm.

Ein guter Ausgangspunkt, um vertieft weiterzugrübeln: Das Selbsthypnosebuch ist ein Bestseller, der Autor füllt seit Jahrzehnten große Hallen und hält atemberaubend teure Seminare ab. Da bin ich doch sicher nicht die Einzige, die hypnotisiert durch die Gegend läuft. Das macht mir Sorge. Vielleicht ist das An-sich-selbst-Glauben schon längst total verbreitet. Dann komme ich zu spät! So wie bei diesen illegalen Schneeballsystemen sahnen doch auch hier nur die Ersten alles ab. Wie sonst soll das in unserer Konkurrenzgesellschaft sonst enden? Allerdings, überlege ich, wenn alle maximal an sich glauben, könnte das Nicht-an-sich-selbst-Glauben zu einem Alleinstellungsmerkmal werden. Das könnte meine Chance sein.

Ich könnte öffentlich vorführen, was ich dank meines schwachen Glaubens an mich selbst alles nicht schaffe: Keinen Pieps bringe ich heraus, ich kann nicht mal stehen, ich falle von der Bühne. Das Publikum jubelt frenetisch. Und wenn ich dann erst anfange, einzelne Zuschauer zu dehypnotisieren! Und auch das nicht schaffe! Das wird der Hit. Oder nicht? Klar ist jedenfalls: „Schon morgen bin ich schlauer! Schon morgen bin ...“

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