Jeder bloggt für sich allein

Bürger- oder Graswurzeljournalismus Theoretisch könnte mittels Internet eine Gesellschaft aus Laienreportern das beste Korrespondentennetz überflüssig machen

Im Jahr 1998 veranstaltete der Bürgernetz-Verein Schleswig-Holstein eine Tagung zum Thema Vernetzung von unten. Es ging um Organisationsformen, Techniken und Ziele der Bürgernetz-Idee. Offenbar ohne längerfristige Ergebnisse, denn die Homepage des Vereins ist hoffnungslos veraltet: "Updated: Wednesday, 31-Aug-2000". Die meisten Bürgernetze wurden Mitte der neunziger Jahre begründet - diejenigen, die heute noch online und aktuell sind, bestehen aus einer Ansammlung lokaler Shopping- und Veranstaltungstipps, oder sie ähneln einem virtuellen Rathaus. Vernetzung von unten? Keine Spur. Die Chatrooms, wenn überhaupt vorhanden, sind oft verwaist, oder es gibt sie schlicht nicht mehr wie in Arnstein: "Hier geht es nun nicht mehr zum Forum. Da das Forum offensichtlich nur genutzt wurde, um möglichst viele Kraftausdrücke zu platzieren, haben wir uns entschlossen, das Forum zumindest vorübergehend zu schließen!", schreibt der Webmaster.

Bei lokalisten.de, einem Münchner Netzwerk, sieht das ganz anders aus: "leah" sucht ein Zimmer, "DieSteffi" bietet eines an; "fabe" braucht einen Posaunisten für seine Band; "Giovanni79" hat die Fotos von seinem Snowboard-Tag gerade eingestellt; andere suchen eine Party für heute abend oder einen Jogging-Partner. Von Politik keine Rede. "Wer kennt wen und woher kenn ich den?" lautet der Slogan der Lokalisten. Ihr Portal ist nur eines von vielen, die zusammen das so genannte Web 2.0 bilden sollen, die zweite Generation des WWW, das nicht ohne die Partizipation der User funktioniert. "Social Software" nennt man das: Die Nutzer sorgen für den Content, das Programm stellt eine auch für Laien bedienbare Benutzeroberfläche zur Verfügung, gibt ein paar Ordnungen vor und vereinfacht so das Durchsuchen und Verlinken der Inhalte. Ein ähnliches Konzept hat bereits das Bloggen zur weit verbreiteten Freizeitbeschäftigung werden lassen.

Blogs mögen jedes für sich genommen selten von globaler Bedeutung sein, in ihrer Gesamtheit aber sind sie gerade deshalb ein nicht mehr zu übersehendes Zeichen für das Misstrauen viel zu vieler Individuen - angeblich gibt es bereits mehr Blogschreiber als Blogleser - in die Massenmedien. Nicht zufällig behandelt das Blog, das als erstes Blog überhaupt mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde, die meist gelesene deutsche Boulevardzeitung. Stefan Niggemeier, einer der Gründer des Bildblogs und zudem Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, schrieb jüngst erst von der fatalen Ignoranz der medialen Alt-Autoritäten gegenüber den neuen Entwicklungen. Die etablierten Medien haben verpasst, dass das Internet langsam der Pubertät entwächst. Viel zu spät wollten sie den viel zu oft berechtigten Zweifel ihrer Leser an den Wahrheiten der Informations-Gatekeeper wahrhaben, viel zu lahm und dann zu hektisch haben sie sich um schmähliche Abhilfe bemüht. Statt jedoch die Stimmen von außerhalb einzubinden, wollte man sich lieber selbst in die "Szene" einschleichen: Plötzlich bloggten auch Redakteure. Allein, das Bemühen um lockere Authentizität wirkt oft wie eine marktgerechte Maske - Bloggen muss man eben können. Nicht jedem Journalisten ist das gegeben.

Und nicht jeder Blogger hat das Talent zum Journalisten. Alle zusammen aber, vernetzt an einer Sache, an einem virtuellen Ort gemeinsam arbeitend, sind sie eine kritische Konkurrenz - siehe die Enttarnungen der aus der Wikipedia kopierten Artikel von spiegel-online; oder siehe die Wikipedia selbst, die im vergangenen Jahr gleich zwei Grimme-Online-Awards einheimste. Für Meinungs- und Willensbildung mag die Öffentlichkeit des WWW zu zersplittert sein. Um schnell und lokal zu agieren, scheint es jedoch das ideale Medium. Nun steht also auch die Autorität der Nachricht auf der Agenda der ehrenamtlichen Netzarbeiter.

Abgezeichnet hat sich das spätestens während der jüngsten Katastrophen: bei dem Bombenanschlag in London; dem Tsunami in Südostasien; dem Hurrikan über New Orleans; während sich französische Zeitungen Bilder der brennenden Vorstadt-Autos versagten, zirkulierten sie im Netz. Die Times-Picayune, die New Orleanser Tageszeitung, verwandelte nach Katrina ihren Online-Auftritt zum Blog, in dem auch Eingeschlossene ihre aktuelle Situation berichteten. Nicht die wildgewordenste Natur kann Datenströme aufhalten: Die Stadt versank, in ihren Trümmern erstand das Local Area Network.

Dan Gillmor, Vordenker des neuen Bürgerjournalismus, weil Autor des Buches We the Media (erschienen 2004 im Computerbuch-Verlag von Tim O´Reilly, der den Begriff "Web 2.0" erfand), weist gerne darauf hin, dass auch die Ermordung Kennedys von einem Privatmann gefilmt wurde. Und spätestens seit jeder jederzeit eine Kamera - mindestens im Mobiltelefon - mit sich führt, könnte tatsächlich eine Gesellschaft aus Laienreportern das beste Korrespondentennetz überflüssig machen. Die Frage ist, ob man darauf Wert legt.

Wikipedia hat im Jahr 2004 Wikinews erfunden, ein kostenloses Nachrichtenportal mit fast ausschließlich ehrenamtlichen Mitarbeitern. Ein Vorbild ist sicher OhmyNews, die südkoreanische Netzzeitung von Bürgern für Bürger. Dessen Gründer Oh Yeon Ho ist der eigentliche Papst der Bewegung. Weil er Sätze sagt wie "Jeder Bürger ist ein Reporter" und das Ende des Journalismus, wie wir ihn kennen, prophezeit; Konsumenten sollen endlich Produzenten werden. OhmyNews nahm die Arbeit im Februar 2000 auf, mit 727 news guerillas. Heute sind es über 41.000 Bürgerreporter, die regelmäßig Meldungen und Texte einreichen. Als ein japanischer Journalist (etwas hämisch vielleicht) nach der größten Exklusiv-Geschichte von OhmyNews fragte, antwortete Oh Yeon Ho schlicht: "Das Konzept selbst."

Südkorea sei klein genug für ein solches Projekt, darauf wies der Ohmy-Geschäftsführer hin. Deshalb sind es in Europa und vor allem in den USA hauptsächlich die lokalen Projekte, die Erfolg versprechen oder bereits haben. Schließlich ist gerade der Lokaljournalismus ständig bedroht von Vetternwirtschaft und anderen Kungeleien. In den vergangenen Jahren war eine Überregionalisierung vieler Sender und Verlage zu beobachten, Lokalfenster oder -teile wurden eingestellt. Die taz wies in einer Serie zurecht auf die zahlreichen "Einzeitungskreise" im Land hin. Gerade im globalen Dorf bleibt Nähe jedoch ein Nachrichtenfaktor.

Und es scheint, als ob just das WWW die Möglichkeiten bereit hielte, um das Netz zu re-lokalisieren - obwohl man immer dachte, es drifte woanders hin. In den USA sammelt etwa Northwestvoice die "Stimmen" der Bürger aus Northwest Bakersfield. Andere amerikanische Projekte heißen ChiTownNews, FredTalk oder CitizenJoe (mit dem Slogan: "Hey, es ist auch deine Demokratie!"). Dan Gillmor hat sein Projekt Bayosphere (San Francsico) mittlerweile sich selbst überlassen, um sich ganz dem Aufbau des Center for Citizen Media zu widmen, einem Weiterbildungsportal für Graswurzel-Journalisten.

In Deutschland dagegen bedienen sich die Bürgernetze bis auf sehr wenige Ausnahmen alter Einweg-Kommunikation: hier Bereitsteller, dort Konsument. Ganz langsam etablieren sich Lokalblogs wie minga.de oder hauptstadtblog.de. Von einem regelrechten Bürgerreporter-Netzwerk ist außerhalb der etablierten Medien wenig zu sehen (Indymedia mal ausgenommen, das schon sehr viel länger existiert). Wo doch mittlerweile nicht mehr nur geschrieben und bebildert werden kann, sondern längst die Technik bereitsteht, Hörfunk und Fernsehen selbst zu machen und online zu verbreiten. Hierzulande aber sind es bis auf Weiteres die altvorderen Medien, die die Leser einbinden - um sie an sich zu binden. Der Trierische Volksfreund hat seit November 2005 eine Online-Kategorie namens "Bürger bloggen für Bürger"; die Saarbrücker Zeitung fordert ebenfalls seit Januar ihre Leser zu Text- und Bildbeiträgen auf. Dabei bräuchte es diese offiziellen Absegner längst nicht mehr. Wenn die Bürger nur die Signale hörten.


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00:00 24.02.2006

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