Jeder durchquert seine eigene Wüste

DER SCHÜTZENDE HARNISCH DES LACHENS Die Lebensgeschichte des galizischen Juden Isaak Jakob Blumenfeld

Angel Wagenstein beteuert in dem Vorwort zu seinem Buch, außer dem Titel stamme in diesem Werk nichts von ihm. Es handle sich nur um die gewissenhafte Niederschrift dessen, was ihm ein anderer - eben Isaak Blumenfeld - erzählt habe.

Der ist im Bezirk Lemberg geboren, in Galizien, als dieses noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte und selbst für diesen Vielvölkerstaat ein besonders buntes Völkergemisch aufwies - Ruthenen (wie die Ukrainer genannt wurden), Polen, Juden, dazu noch viele Splittergruppen. Die Juden in Galizien waren traditionell eher nach Wien gewandt und schafften es doch, jene Atmosphäre des »Schtetl«, wie Bruno Schulz sie in den »Zimtläden« beschreibt, aufrechtzuerhalten. Ukrainer und Polen lebten unter ständigen Fehden, nur gegen die Juden verständigten sie sich manchmal, vor allem hatten sie - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen - Autonomiebestrebungen gegen Österreich-Ungarn. Dennoch gehört die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu den relativ entspannten Phasen.

In dieser Zeit wird Blumenfeld geboren, als Sohn des Besitzers einer Kaftan-Schneiderei mit dem ambitionierten Namen »Mode parisienne«. In unzähligen »Schnurren«, den unnachahmlichen jüdischen Anekdoten, ist die Atmosphäre dieses bescheidenen, doch unbedrohten Lebens aufgehoben, selbst die Einberufung Isaaks zur k.k. Armee in den letzten Kriegstagen liest sich bei aller Tragik, die historisch belegt ist, wie eine einzige, köstliche, hinreißende Schnurre. Das Lachen sollte einem ob des Wissens im Hals steckenbleiben, allein man schafft es nicht. Etwas anderes geschieht: während man sich die Tränen, die man gelacht hat, abwischt, hält man inne, und das ist der Moment, in dem die Schnurren einem ihre Doppelbödigkeit enthüllen. Genauso verhält es sich mit den Vignetten, Pizzicati und Kapriolen, in denen die Schilderung des Erzählers sich verliert, in denen der Faden der Erzählung sich zu einem Knäuel verwirrt, um dann in den lapidaren Satz zu münden: »Du wirst dich totlachen, aber ich bin als Untertan Österreich-Ungarns in den Krieg gezogen und als Pole heimgekehrt.« und die Entschuldigung anzufügen: »Ich bin also doch über Odessa nach Berditschew gelangt. Aber sag mir, Bruder, kannst du das, was dir von Gott gegeben ist und im Blut liegt, verändern? Kannst du den Tiger dazu bringen, daß er Gras weidet? Oder den Fisch, daß er sich auf der Pappel gegenüber ein Nest baut? Noch weniger kannst du den Juden daran hindern, hier und da vom geraden Weg seiner Schilderung abzuweichen - mal, um ein gelbes Blümchen zu pflücken, ein andermal einfach, um sich umzuschauen, die frische Luft einzuatmen, dir zu sagen, wie schön die große weite Welt Gottes ist, und dir aus diesem oder jenem Anlaß eine Chochma oder eine Schnurre zu erzählen! Da verläßt der Jude plötzlich seinen Weg, um sich eine Herde Kühe anzusehen und dem Kuhhirten wertvolle Ratschläge zu geben, obwohl er im Leben keine einzige Kuh gemolken hat. Er liebt es, Ratschläge zu geben. Er tut das für sein Leben gern. Auch das liegt ihm im Blut. Es gibt eine Deutung der alten Talmudisten vom Babylonischen Synedrion für das Rätsel, warum Jehova erst am Ende, also am sechsten Tag, den Mann und die Frau erschaffen hat. Die Antwort des Weisen ist klar wie Kloßbrühe: Weil Adam und Eva Juden sind. Schon am Anfang erschaffen, hätten sie den Schöpfer mit ihren Ratschlägen konfus gemacht.«

In dieser Chochma steckt die ganze Selbstironie, zu der Blumenfeld fähig ist, und die ihn offenbar davor rettet, wahnsinnig zu werden, denn in Wirklichkeit ist das Schicksal, das der Roman vor uns ausbreitet, beinahe unerträglich.

Das hängt auch mit der Geschichte Galiziens zusammen. Der Verlag wäre gut beraten gewesen, dazu ein kurzes Nachwort anzufügen, denn zum Allgemeinwissen gehört die Kenntnis dieser Geschichte keineswegs. Der Doppelsinn vieler Geschichten beruht aber auf historischem Wissen, genauso wie die vielen Verquickungen in Isaaks Leben, die ohne dieses Wissen zum Teil allzu konstruiert erscheinen könnten. Nach dem Ersten Weltkrieg riß Polen- gegen den Willen der Alliierten - Galizien an sich. Die sogenannte »Curzon-Linie« hatte einen Trennungsstrich zwischen den polnisch und ukrainisch besiedelten Gebieten vorgesehen. Und darauf berief Stalin sich, sodaß es nicht verwundert, daß Blumenfeld auch als polnischer Staatsbürger zu spät zu den Waffen gerufen wurde, denn am 28.8.1939 besetzten aufgrund des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages sowjetische Truppen Ostgalizien, das bis Juni 1941 unter sowjetischer Verwaltung blieb.

Für das Leben des Isaak Jakob Blumenfeld, Schneidermeister, hatte das vorerst folgende Konsequenzen: er mußte das Schild »Mode parisienne« entfernen und wurde stattdessen zum Werktätigen im Artel Nr. 6 des Ukrglaw gorpromtrest. Außerdem hing im Schaufenster statt Modellen nun ein Schild, auf dem es hieß: »Den Fünfjahresplan vorfristig erfüllen.« Nachdem unklar war, um welchen Fünf jahresplan und um welche Frist es sich handelte, scherte es Isaak wenig. Die Familie wuchs, das Leben war erträglich, die Schnurren blühten.

Die Schnurren blühen weiter, doch ab Juni 1941 ist Galizien Teil des Dritten Reichs. Was sich im »Generalgouvernement Polen« abspielte und in vielen Büchern dokumentiert ist, löschte Isaaks gesamte Familie aus. Aber das wird er erst viel später erfahren. Er selbst überlebt zwei Konzentrationslager, und es gelingt ihm, die Begebnisse weiter auf Art des Schelmenromans zu erzählen, ohne je ihre Ernsthaftigkeit zu verletzen oder an Eindringlichkeit zu verlieren. Die Schnurren werden zu Gleichnissen von biblischer Gewalt, und auf den Schuttbergen »ereignet« sich schließlich das Ende des Zweiten Weltkriegs. Isaak bleibt, der er war: er ist zum Hassen nicht begabt. Reiner Tor, der er ist, landet er nach kurzer Zwischenstation in Salzburg und Wien auch noch in einem Strafgefangenenlager »am Ende der sowjetischen Geographie«.

Nach Stalins Tod entlassen, lebt er wieder in Wien, wird endgültig (!) österreichischer Staatsbürger und lernt den Drehbuchautor Angel Wagenstein kennen, einen bulgarischen Juden, der im antifaschistischen Untergrund tätig war. In Deutschland ist Wagenstein durch seine Zusammenarbeit mit Konrad Wolf und Wolfgang Staudte bekannt und - wie aus Zeugnissen Dritter hervorgeht - ein begnadeter Erzähler jiddischer Schnurren. Doch die hier vorliegenden sind allein die seines Freundes Isaak Jakob Blumenfeld, und wenn Wagenstein ihnen den Titel Pentateuch gibt und sie damit den fünf Büchern Mosis gleichstellt, verleiht er ihnen das gebührende Gewicht. Alttestamentarischen Gewalten ausgesetzt zieht Isaak für sich den Schluß: »Jeder durchquert auf der Suche nach seinem Kanaan seine eigene Wüste. Und wenn uns das Leben gegeben ist, um es zu leben, dann werden wir es leben, anders geht es nicht.«Angel

Wagenstein: Pentateuch oder Die fünf Bücher Isaaks. Aus d. Bulgar. von Barbara Müller. Verlag das Neue Berlin, Berlin 1999, 256 S., 34.- DM

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 26.03.1999

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare