Jeder Film ist ein Vorwand

Im Gespräch Valeria Bruni-Tedeschi über ihre zweite Regiearbeit "Actrices", eine Versöhnung mit Turgenjew und einsame Frauen, die allein in ihren Küchen essen

Schon das Regiedebüt der Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi, Eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr gab sich listig den Anschein eines Selbstporträts, schürte den Verdacht, der Part der wacker neurotischen Frau sei ihre Lebensrolle. Auch die Heldin ihres zweiten Films Actrices, eine gefeierte Theaterschauspielerin, mogelt sich durch eine Sinnkrise. Die chaotischen Vorbereitungen einer Turgenjew-Inszenierung geraten zu einer tragikomischen Reflexion über Egozentrik und Interaktion.

FREITAG: Der Filmtitel spricht von Schauspielerinnen im Plural. Ist das der Versuch, den Verdacht des Autobiographischen zu entkräften? Was war der Ausgangspunkt?
VALERIA BRUNI-TEDESCHI: Am Anfang stand das spiegelbildliche Verhältnis der beiden Hauptfiguren: Einerseits Marcelline, eine Schauspielerin, die im Rampenlicht steht und lieber im Schatten stände, und dann ihre ehemalige Kollegin Nathalie (Noemie Lvovsky), bei der es genau umgekehrt ist. Diese Dualität wollten Noemie und ich in unserem Drehbuch dann noch dadurch auffächern, dass Marcelline die Figur erscheint, die sie darstellen soll, Natalja Petrowna in Turgenjews "Ein Monat auf dem Lande". Daraus entstand nach und nach ein Spiel mit dem Widerhall, den Korrespondenzen zwischen Stück und Leben. Bei Turgenjew verliebt sich die Frau in den Hauslehrer ihres Sohnes, im Leben verliebt sich der junge Darsteller in sie.

Weshalb gerade dieses Stück? Weil es ein so geeigneter "Echo-Raum" ist?
Mich verbindet mit ihm eine eigene Geschichte. Ich bin selbst einmal in "Ein Monat auf dem Lande" aufgetreten, bin aber der Figur der Natalja damals nicht gerecht geworden. Ich hatte das Bedürfnis, mich mit dem Stück wieder zu versöhnen. Denn ich bewundere die Poesie in Turgenjews Bühnensprache ungeheuer und habe vielleicht insgeheim gehofft, dass sie ein wenig auf den Film abfärbt. Ich fand, dass der Bezug zu Turgenjew - im Gegensatz zu Tschechow, den ich auch sehr liebe -, besonders zu diesem Stoff passte, weil seine Figuren so wirken, als hätten sie sich bereits einer Analyse unterzogen. Sie bespiegeln sich unablässig selbst, sezieren ihre Gefühle, als würden sie auf der Couch liegen.

Darin ist das Stück ein recht kompliziertes Beispiel, um vom Paradoxon des Schauspielers zu erzählen, der Frage nach der Authentizität.
Jeder Film ist ein Vorwand: Man braucht eine Geschichte, um Leute zu filmen, man macht einen Film über das Theater, weil man von Schauspielern erzählen will. Natürlich drängt sich die Frage nach den echten und den simulierten Gefühlen auf, nach dem Widerspruch zwischen ihnen. Aber in "Actrices" geht es nicht nur um diesen Gegensatz, sondern es werden ständig Grenzen aufgehoben: zwischen Leben und Fiktion, zwischen Leben und Tod. Diese Dimensionen vermischen sich, Marcelline erscheint nicht nur ihre Rollenfigur, sondern sie hält auch Zwiesprache mit Verstorbenen.

Das Problem der Identität spielt eine zentrale Rolle. Wenn Natalja Petrowna sie fragt: "Aber wer sind Sie?" - ist das für einen Schauspieler eine verunsichernde, verstörende Frage, oder eine, die auch befreiend wirken kann?
In dem Augenblick, als sie gestellt wird, ist sie schmerzlich, kann einen aus der Bahn werfen. Das ist eine Schlüsselszene des Films, der ja lauter Indizien dafür sammelt, weshalb es Marcelline immer unmöglicher wird, diese Rolle zu spielen. Sie weiß nicht, wo sie sich in ihrem Leben befindet, in welche Richtung sie gehen soll. Aber natürlich eröffnet diese Frage auch Möglichkeiten, neue Horizonte, wie jeder Schmerz, den man übersteht. Sie flieht aus dem Beruf, die Welt der Fiktion ist für sie ein Gefängnis geworden. Umgekehrt empfindet Nathalie ihr Leben, ihre Familie, als ein Gefängnis. Ich wollte also die Geschichte zweier Frauen erzählen, die entgleisen wollen. Und in diesem Sinne hat der Film für mich ein Happy-End.

Ein fast noch schlimmerer Moment ist der, als ihre Bühnenfigur Marcelline vorhält, sie würde in deren Spiel keinen Herzschlag spüren.
Ich glaube, dass Natalja Petrowna sich da irrt. Marcelline empfindet durchaus etwas. Sie ist in den jungen Schauspieler verliebt, hat aber Angst, das zu zeigen; wie viele Menschen, die zu lange allein waren. Während der Drehbucharbeit hat sich immer stärker herausgestellt, dass das ein Film über Einsamkeit werden würde, über eine bestimmte Art von Einsamkeit, wie sie berufstätige Frauen in Großstädten erleben. Es gibt für mich kaum ein traurigeres Bild als das einer Frau, die allein in ihrer Küche isst.

Ist die Figur eine Erbin, eine Nachfolgerin der Heldin aus "Eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr"? Marcelline teilt die Furcht vieler Ihrer Leinwandfiguren, nicht erwachsen zu werden.
Der Film ist keine direkte Fortsetzung, die Verbindung ist eher vage. Marcelline hat einen anderen Beruf, sie gehört einer anderen Klasse an. Sie ist keine reiche Tochter, sondern in ihrem Beruf erfolgreich und bekannt, verdient eigenes Geld. Aber es bestehen geheime Verbindungen zwischen den zwei Filmen, Themen und Obsessionen, die ich unter einem anderen Aspekt weiter verfolge, die Religion etwa oder die familiären Bindungen. Auch Marcelline gelingt es nicht, als Erwachsene eine eigene Familie zu gründen, sie lebt noch bei ihrer Mutter. Im ersten Film habe ich meinen Vater sterben lassen, vielleicht gelingt es mir im nächsten, meine Mutter zu töten. Natürlich nur symbolisch.

Das Gespräch führte Gerhard Midding

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00:00 18.04.2008

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