Jeder ist seines Unglückes Schmied

Armut schändet Über die Zumutungen der "Minderleister"

Beginnen wir in Belo Horizonte. Immer wenn ein guter Freund, der schon Jahre in Brasilien wohnt, auf Österreich-Besuch ist, muss er sich erst wieder daran gewöhnen, hier am Abend ungestört durch die Straßen schlendern zu können. In Belo Horizonte ist solches Flanieren praktisch unmöglich.

Was sagt uns das? Was zeigt uns die lateinamerikanische Millionenstadt? Eine Vergangenheit? Eine Parallelwelt? Die Zukunft? Ist es ausgeschlossen, dass sich bei uns ähnliche Zustände durchsetzen, die anderswo schon als Selbstverständlichkeit empfunden werden? Ich denke, die Schicht der Zivilisation ist dünn, und darunter liegen das nackte Leben und die nackte Gewalt. Und am gewaltigsten ist der Kapitalismus dort, wo die Gewalt überhaupt nicht mehr äußerlich wahrnehmbar ist, weil sie im innersten Wesen der Subjekte eingeherrscht ist. Die sich beherrschen, fühlen sich nicht mehr beherrscht. Ihr Zustand ist ihrer sinnlichen Wahrnehmung entzogen. Die Wahrheit geht in ihrer Wirklichkeit unter.

Auch Armut ist strukturelle Gewalt - mag ihr der Einzelne entgehen, die vielen Armen können es nie. Sie gehören dazu, vor allem wenn wir den Planeten als globalen Wirtschaftsraum betrachten. Die Armen sind die systematische Auslese der Minderwertigen. Sie leiden an mangelnder Marktfähigkeit, die einer sozialen Immunschwäche gleicht.

Es gibt kaum eine größere Schande als arm zu sein, weder Krankheit, Leid, ja nicht einmal Krieg werden bei aller Bedrohung als Schande empfunden. Armut schon. Armut schändet. Sie ist ihren Trägern nicht bloß äußeres Merkmal, besser eigentlich: Mahnmal, sondern sie ist innerstes Wesen, die Personen prägend. In einer Gesellschaft, die vom Wert beherrscht wird, kann sich der Arme nur als minderwertig fühlen. Der Satz "Armut ist keine Schande" ist dezidiert falsch.

Dass man Armut zum Speiben findet, ist schon berechtigt, doch seit der Satz "Eure Armut kotzt uns an" als Verachtung der Armen gilt und eben nicht der Armut, drückt er nichts aus als die Arroganz der Mehrhaber gegen die "Minderleister". Ein Makel der Gesellschaft erscheint als Makel der Leute, die von ihm befallen sind. Da laufen welche mit zerschlissenen Kleidern durch die Gegend, sitzen bettelnd in den U-Bahnstationen und verärgern die Touristen in den Fußgängerzonen. Sie stören die Kreise, sie sind schwer zu kontingentieren und zu platzieren. Sie sind einfach lästig. Warum sollen wir sie uns anschauen müssen?

Das Spiel "Wem schneiden wir was weg?"

Schon die klassische politische Ökonomie zerbrach sich den Kopf, was man mit den Armen anstellen sollte. Ihre Muster erinnern durchaus an die aktuellen Debatten über so genanntes Schmarotzertum. David Ricardo schrieb 1821: "Es ist eine nicht zu bezweifelnde Wahrheit, dass die Annehmlichkeiten und das Wohlergehen der Armen nicht auf die Dauer sichergestellt werden können ohne ihre eigene Einsicht oder ohne ein Bemühen der Gesetzgebung, ihr zahlenmäßiges Wachstum zu regulieren und die Zahl früher und unüberlegter Heiraten zu beschränken." Die Armen müssen also kurz gehalten werden.

Und ein Zeitgenosse Ricardos, sein Gegenspieler und Freund, ein gewisser Thomas Malthus schreibt: "Da die Bevölkerung unaufhörlich die Subsistenzmittel zu überschreiten strebt, so ist die Wohltätigkeit eine Narrheit, eine öffentliche Aufmunterung für das Elend. Der Staat kann daher nichts tun, als das Elend seinem Schicksal zu überlassen und höchstens den Tod der Elenden erleichtern." Karl Marx dazu: "Mit dieser menschenfreundlichen Theorie verbindet das englische Parlament die Ansicht, dass der Pauperismus das selbstverschuldete Elend der Arbeiter sei, dem man daher nicht als einem Unglück zuvorkommen, das man vielmehr als ein Verbrechen zu unterdrücken, zu bestrafen habe."

Gradmesser bürgerlicher Exponate (der Personen wie der Sachen) ist das Geld. Es drückt die Gewalt des Einzelnen am Markt aus. "Natürlich ist Geld in unserer Gesellschaft noch immer ein Wertmaßstab für die eigene Person", sagt die Meinungsforscherin Helene Karmasin. "Der Kontostand gilt ja im professionellen Bereich noch als qualitative (sic! F.S.) Aussage über den Menschen."

Wie muss sich eins fühlen, wenn es solcherlei ernst nimmt? Aber es ist die herrschende Sicht, die hier ausgesprochen wird. Nichts anderes, und sie wird im Allgemeinen sehr ernst genommen, denn sie ist ernst. Die böse Wahrheit der Gesellschaft lautet: Wie viel jemand verdient, sagt aus, was eins verdient. Und zwar im Sinne von zusteht. Einkommen ist wie ein Anteilsschein, der die gesellschaftliche Teilhabe reguliert. Und das wird gespürt. Auch wenn es nicht begriffen wird, hat es einen ergriffen, ja regelrecht im Griff. Wenn der eine Sohn des Handlungsreisenden in Arthur Millers wohl bekanntestem Stück zum anderen sagt: "Das Problem ist, wir haben nicht gelernt, hinter dem Geld her zu sein", dann ist der zentrale Defekt ausgesprochen, aber nicht jener der Gesellschaft, die das verlangt, sondern jener der Individuen, die auf Gedeih und Verderb ihr ausgeliefert sind.

Schlimm ist, dass Menschen nichts wert sind, aber schlimmer noch ist, dass Menschen überhaupt etwas wert zu sein haben. Dass eine ökonomische Abstraktion - der WERT! - diese Gesellschaft beherrscht und die Rangordnung der Mitglieder vorgibt. Dass sie wie selbstverständlich auf dieser Skala sich offenbaren müssen. Jede Kaufentscheidung ist Ausdruck dieses Zwangs. Geld dimensioniert Verfügungsgewalt.

Vor dem Geld sind alle Menschen gleich, aber durch das Geld erhalten sie verschiedene Wertigkeiten. Natürlich ist die monetäre Differenz einer radikalen Kritik zu unterziehen. Aber eben einer radikalen, die einhergeht mit einer umfassenden Abrechnung verschiedener Wertigkeiten menschlicher Tätigkeit. Bedingungen sind zu thematisieren, nicht bloß deren Auswüchse. Die Kritik an den Einkommensdifferenzen (etwa gar als unsägliche Privilegiendebatte) hat zu einer des Einkommens, ja zu einer Kritik von Arbeit und Geld aufzusteigen. Bleibt sie darunter, dann ist sie der Bodensatz, der es ermöglicht, die soziale Frage als populistische Veranstaltung zu inszenieren. Das Spiel "Wem schneiden wir was weg?" hat kannibalistische Züge.

Angst haben, ohne Angst haben zu dürfen

Was sich nicht rechnet, ist im Kapitalismus bekanntlich zum Untergang verurteilt. Ökonomisch betrachtet sind daher auch Leute, die sich nicht rechnen, unnütz. Und immer mehr fallen die Schranken, sie nicht auch als Überflüssige zu verfolgen. Arbeitsmarkt und Politik behandeln Betroffene zusehends als zu kriminalisierende Elemente. Arbeitslos heißt wertlos. Erstens kann man sich nicht mehr verkaufen und daher nicht kaufen (oder nur sehr wenig), zweitens bedeutet das auch einen immensen Verlust an Würde und Akzeptanz. Der Begriff "erwerbslos" macht es noch deutlicher, dass eins im kommerziellen Wettbewerb nicht mithalten kann. Doch das ist die zentrale Anforderung an alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Arbeitslosigkeit versteht sich als soziale Nichtung, ist Degradierung und Deklassierung. Jene sind nicht einmal mehr Proletarier.

"Ich bin nichts!", "Es geht nichts!", "Aus mir wird nichts!". So wird es empfunden, so tritt es auf, so ist es tatsächlich. Die Folge ist eine extensive Getriebenheit der Subjekte, angehalten, sich zu verwerten (und andere zu entwerten), um ja nicht unterzugehen. Zumutung transformiert sich in Selbstzumutung. Der Knecht ist sein eigener Herr und zu ihm gibt es keine Distanz - er haust im selben Körper. Es herrscht Zucht durch Selbstbeherrschung.

Der Fragesatz "Was bist du?" oder "Was willst du werden?" drückt aus, was einen am anderen primär zu interessieren hat: Die erreichte oder die angestrebte Stellung. Nicht er oder sie selbst, sondern Funktion, Rolle, Karriere. Du bist ein Nichts, wenn du nichts bist. Das Problem ist hier, dass da Biomasse entsteht, die frisst, aber nicht verwertbar ist. Sie muss durchgefüttert werden. Und das ist im Kapitalismus - wie alle anderen Fragen - eine Kostenfrage. Können wir uns das leisten? Nicht erst irgendeine Antwort ist unerträglich, unerträglich ist schon, dass solch eine Frage überhaupt gestellt werden kann. Eine typische Lupus-Frage: Fressen oder gefressen werden.

Für diese Gesellschaft gilt: Gefühlshaushalt und Haushalteinkommen korrespondieren. Die zentrale Angst, aber auch der negative Antrieb des bürgerlichen Individuums ist die Furcht vor der Wertlosigkeit. Die Angst funktioniert wie ein Stachel im Fleisch der Warensubjekte, die sich auf den Markt tragen um sich als Äquivalent in Wert zu setzen. "Ich tausche, also bin ich!", so der Urschrei des kapitalistischen Subjekts.

Angst wird zum wohl vorrangigen, verdrängten, aber immer weniger verdrängbaren Gefühl: Angst um den Arbeitsplatz, Angst um die Aufträge, Angst um den Verlust der Sozialtransfers, Angst vor der Konkurrenz, Angst vor den Ansprüchen von Partnern oder Kindern. Alle stehen unter dem Druck der In-Wert-Setzung. Sie macht Menschen zu rohen und gemeinen Wesen. Angst verdirbt das Leben, macht es bitter. Angst ist ein schlechter Geselle und Ratgeber. Sie erzwingt Anpassung, Unterwürfigkeit, Erniedrigung. Der Kapitalismus ist das System organisierter Ängstigung.

Gehen die Rechnungen nicht oder selten auf, kann nur Apathie oder Aggression folgen. Die Unaushaltbarkeit der Verhältnisse bricht sich Bahn, aber nicht indem sie bewusst wird, sondern weil es ganz einfach für viele Einzelne nicht mehr durchzustehen ist. Reflexartige Entladungen werden sich häufen. Das unbegriffene "Unaushaltbare" tendiert zum falschen Befreiungsschlag.

Die psychische Verarbeitung der Zumutungen liegen meist auf der gleichen Ebene wie diese. Bedrohte bedrohen, Eliminierte eliminieren, Gemobbte mobben. Das haben sie gelernt. Darauf sind sie trainiert. Sie funktionieren auf der Ebene weiter, die sie disfunktionalisiert - Konkurrenzsubjekte ohne Chance auf Durchsetzung. Doch was nun tun, wenn die letzten sozialen Stricke reißen? Sich einen Strick kaufen? Es wieder und wieder versuchen? Sich dem Schicksal ergeben? Kapitulieren? Sich ansaufen? Das Arbeitsamt stürmen? Wahllos um sich schießen? Beschädigte wollen schädigen, um sich zu entschädigen. Koma kippt in Amok.

Freilich ist die Angst verpönt. Wer Angst hat, gilt als Schwächling. Wir leben in einer Situation, wo Leute Angst haben, ohne Angst haben zu dürfen. Verdrängung herrscht nicht nur in der Konkurrenz, Verdrängung herrscht auch in den Psychen der Konkurrenten. Nichts ist tödlicher als diese Anästhesie des Soseins. Ich plädiere entschieden für die Zulassung der Angst, ansonsten habe ich Angst, dass jene, die ihre Ängste nicht mehr aushalten, gierig in die Kiste der falschen Wünsche greifen. Übungen in diese Richtung erleben wir ja permanent.

Angst wird größer, wo die Sicherheiten schwinden. Konnte der von der Arbeiterbewegung wesentlich mitgeprägte Fordismus in Europa als Ära des Versuchs einer sozialen Absicherung gelten, so leben wir nun in Zeiten der Entsicherung. Vor allem so genannte atypische Beschäftigungsverhältnisse bescheren uns immer mehr prekäre Zustände. Das berechnende Subjekt kann sich auf nichts mehr so richtig verlassen, außer dass es Ausgaben hat, die durch Einnahmen zu decken sind. Doch zu Monatsbeginn einen fixen Betrag am Konto aufscheinen zu sehen, wird seltener. Typisch ist der tendenzielle Verfall regelmäßiger Zahlungen im Geschäftsleben ebenso wie die hohe Fluktuation bei den Einkommen so genannter neuer Selbstständiger. Die Erleichterung, wenn auf einmal Geld überwiesen ist - jeder Freelancer kennt sie.

Die Entsicherung bezeugt, dass die Struktur in ihren Grundfesten erschüttert ist. Zeichen eines maroden Systems, das immer weniger gewähren und leisten kann und jetzt auch noch dieses offensichtliche Unvermögen in einen positiven Unwillen übersetzt. "Grundsätzlich muss Vorsorge Vorrang vor Fürsorge haben", heißt es im Regierungsprogramm von ÖVP und FPÖ aus dem Jahr 2000. Jeder soll schauen, wo er bleibt. Jeder ist seines Unglückes Schmied, verkündet das positive Denken.

Wollen die entsicherten Subjekte überleben und von den (neuen) Märkten nicht ausgespuckt werden, müssen sie kleine Konkurrenzmonster sein. Es ist nicht der freie Atem, den das bürgerliche Subjekt, der so genannte freie Bürger, atmen darf, es ist asthmatisches Hecheln. Die Angst, unter die Räder zu kommen, wird größer. Es gilt daher, schnell, schlau und verschlagen zu sein. Vor allem rücksichtslos. Jeder gegen jeden bedeutet auch: Niemand traut jemandem, keiner vertraut einem. "Geld zerstört Freundschaft", lautet eines der klügeren Sprichworte.

Entsichert meint also mehr als verunsichert, entsichert meint auch, dass die flexiblen Subjekte unter Spannung stehen, geladen sind, bereit sein müssen zu schießen - im Kampf der Konkurrenten andere abzuschießen. Am Ende stehen dann Bandenbildung und Amokläufer. Es besteht die Gefahr, dass, wenn die Verwertung und ihre Besteuerung nicht mehr garantiert werden können, die bürgerliche Gesellschaft in einen "molekularen Bürgerkrieg" (Hans-Magnus Enzensberger) zerfällt, dass menschliche Kommunikation sich auf ihren Gewaltkern konzentriert.

Die Langfassung des Textes wird parallel in der Zeitschrift Streifzüge (Wien) veröffentlicht (www.streifzuege.org).


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00:00 23.12.2005

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