Jeder Job zu jedem Preis

Im Gespräch Der Medienexperte Lutz P. Michel über die Krise der Branche, ihr Ausbildungsproblem und den Wandel des Journalistenberufes

FREITAG: Fast täglich machen Meldungen über Stellenabbau und Kürzungspläne bei Zeitungen die Runde. Einerseits sind die Verlage von der Wirtschaftskrise betroffen, andererseits haben wir es mit einem tiefer gehenden Wandel der Medien zu tun. Wo steht die Branche in ein paar Jahrzehnten?
LUTZ P. MICHEL: Man könnte die Frage auch so formulieren: Wie viele Journalisten wird es in Zukunft noch geben? Es gibt durchaus ernst gemeinte Prognosen, dass in etwa 40 Jahren der letzte Leser seine Zeitung zuschlägt. Eine dramatische Entwicklung, die vor allem durch eine veränderte Nachfrage auf Seiten der jüngeren Generation angetrieben wird. Ein Journalismus mit Qualitätsanspruch wird sich gezwungen sehen, auf die Bedürfnisse der neuen Medien-Nutzer zu reagieren und dorthin zu gehen, wo die bereits sind: im Internet.

Dabei verändern sich auch die Bedingungen der Produktion von Inhalten, neue Fertigkeiten drängen in den Vordergrund. Wo bleibt der Journalist alter Schule?
Wenn der Journalist alter Schule sich nur auf seine Kernkompetenzen reduziert, mit denen er bisher gut überlebt hat, wird er Probleme bekommen. Wenn es ihm gelingt, multimedial zu arbeiten, also die gesamte Klaviatur der digitalen Medien zu spielen, dann hat er weiterhin gute Chancen. Denn er bringt einen Vorteil gegenüber halbprofessionellen Quereinsteigern mit: die Fachkompetenz.

Die hat ihren Preis. Wie viel Qualität ist mit dem Primat der Kostensenkung vereinbar, das derzeit angesichts der doppelten Branchenkrise vorherrscht?
Wir sehen täglich, wie mit immer weniger Journalisten versucht wird, die Qualität zu halten - hier in Essen zum Beispiel bei der WAZ-Gruppe, aber auch anderswo. Die verbliebenen Redakteure müssen mehr und mehr organisatorische Arbeiten übernehmen, die Zeit für Recherche und Schreiben geht zurück, immer mehr wird von freien Mitarbeitern zugeliefert. Und es gibt tatsächlich eine ganze Menge Leute, die alle möglichen Medien bedienen, die heute bloggen, morgen einen kleinen Printbeitrag anbieten und übermorgen ein Video drehen. Ohne eine entsprechende Ausbildung entsteht dabei nicht immer Qualität.

Das heißt, die sich wandelnde Branche hat ein Ausbildungsproblem?
So könnte man es sagen. Es gibt zum Beispiel einen viel zu geringen Anteil an Volontariaten für Online-Journalisten, die betriebliche Ausbildung ist immer noch auf den klassischen Printbereich konzentriert. Etwas besser sieht es bei den privaten Weiterbildungsakademien aus, schlechter wiederum in der staatlichen, also in der akademischen Ausbildung. Hier fehlt es an crossmedialen Studiengängen.

Hat der Staat nicht ein - gewissermaßen urdemokratisches - Interesse an Qualitätsjournalismus, Stichwort "vierte Gewalt"?
Der Staat ist notorisch klamm und steckt Geld lieber in wirtschaftlich attraktive Lehre und Forschung, etwa in die Naturwissenschaften. Auf der anderen Seite wollen auch die Journalisten den Staat bei der Ausbildung lieber draußen halten. Das wird mit historischen Erfahrungen der Einflussnahme begründet. Dennoch untergräbt es den Fortbestand eines Berufes, der einem starken Wandel unterworfen ist. Warum sollen die Anforderungen an eine geregelte Journalistenausbildung nicht mit dem Bildungsministerium vereinbart werden? Das geschieht ja auch bei Juristen, die als Richter und Rechtsanwälte später auch ihre Unabhängigkeit wahren können.

An der Finanzierung einer hochwertigen Journalisten-Ausbildung müssten auch die Medienunternehmen ein wirtschaftliches Interesse haben.
Das ist richtig, aber meine Erfahrungen machen mir wenig Hoffnung. In der ganzen Branche sehen wir vor den Türen der Verlage und Unternehmen eine große Zahl engagierter und zur Selbstausbeutung bereiter junger Leute stehen, die jeden Job zu jedem Preis annehmen. Das ist die Crux: Die Masse an zu allem bereiten Bewerbern macht es den Verlegern sehr leicht, auf teure, im besten Falle akademische Weiterbildung zu verzichten. Dass sie sich damit selbst die Zukunft verbauen, wird oft nicht gesehen. Aber die Verlage werden auch weiterhin gut ausgebildete Journalisten in ihrem Redaktionsteam brauchen, mit denen sie die Leser halten können, egal ob es sich um den Print- oder Onlinebereich handelt. Wenn ich meinen Heribert Prantl nicht mehr nur bei der Süddeutschen Zeitung finde, sondern der seine Texte auch bei allen möglichen anderen Blättern verkauft, dann kann ich ihn auch dort lesen.

Das Gespräch führte Tom Strohschneider

Lutz P. Michel leitet das MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung in Essen und Berlin, das gerade das Forschungsprojekt "Strukturwandel in Medienberufen" abgeschlossen hat.

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00:00 04.12.2008

Ausgabe 38/2020

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