Jeder kann Rembrandt sein

Kunstmarkt Damien Hirst vor einem Neuanfang: Ein Gespräch mit dem bekannten Brit-Artisten zwischen zwei großen Londoner Ausstellungen

Damien Hirst schaut starren Blicks auf sein Porträt eines Schädels. Dies ist ein neuer Damien Hirst – Hirst der einsame Maler, anstelle von Hirst, dem großspurigen Selbstvermarktungskünstler. Er hat diese Gemälde mit seinen eigenen Händen gemalt, und nicht etwa ein paar Speichellecker dafür bezahlt, dass sie unter seinem Namen Werke produzieren, wie er es in der Vergangenheit getan hat.

Aber, so sagt er, dies sei auch der beste alte Hirst. Im Grunde habe er, wie die meisten Künstler, als Maler angefangen und nicht etwa mit Konzeptkunst und Massenproduktion. „Ich habe die Malerei mit 16 aufgegeben“, sagt er. „Ich hatte insgeheim gehofft, ich wäre bis dahin ein Rembrandt geworden.“ Ich schaue ihn an. Rembrandt war ein Genie, oder etwa nicht? Er schüttelt den Kopf. „Ich glaube nicht an Genie. Ich glaube an die Freiheit. Ich glaube, dass jeder es schaffen kann. Jeder kann Rembrandt sein.“

Hirst ist ein Meister der spinnerten Zitate. Ich warte auf ein Lächeln oder ein Augenzwinkern, aber er schenkt mir keines von beidem. Stattdessen hat er sich jetzt warmgelaufen: „Picasso und Michelangelo waren möglicherweise auf der Schwelle zur Genialität, aber ich glaube nicht, dass ein Maler wie Rembrandt ein Genie ist. Es geht um Freiheit und Mut. Es geht um den richtigen Blick. Das kann man lernen. Das ist das Großartige an der Kunst.“

Wie weit denkt Hirst, dass er von Rembrandt entfernt sei? „Sehr weit. Andererseits braucht so etwas heute doch keiner mehr.“

Hirst hat 250.000 Pfund (umgerechnet rund 300.000 Euro aus seiner eigenen Tasche bezahlt, damit seine Werke hier in der Wallace Collection vor eben jener blau gestreiften Seidentapete hängen, die Marie Antoinette so sehr liebte. Darüber hinaus setzt er sich der Konkurrenz der Rembrandts und Tiziane in den Nachbarräumen aus. Dann wären da noch die Gemälde selbst. Zwei Jahre lang hat er alleine in seinem Gartenhäuschen im südenglischen Devon gemalt. Er hat sie niemandem gezeigt. Er dachte, sie seien nicht besonders gelungen, warf eines nach dem anderen weg, bis schließlich ein paar dabei waren, die ihm gefielen. Aber als er mich durch die Ausstellung führt, bin ich nicht ganz sicher, wie ich reagieren soll.

Er hat Recht, wenn er sagt, er sei noch weit von Rembrandt entfernt. Vielleicht sogar ein wenig weiter als er denkt. Ich sage, sie seien unheimlich. Ein besseres Kompliment fällt mir nicht ein. Stellenweise erscheinen sie eher wie illustrierte Lebensläufe, denn wie Gemälde. Die klassischen Hirstschen Referenzen sind alle da: Schädel und Haie, Punkte und Schmetterlinge, plumpe Verbeugungen vor seinem Helden Francis Bacon in Form von spinnwebartigen weißen Linien, sowie die übrigen Verweise auf den Tod und Zerfall. Es kann kein Zweifel daran bestehen, von wem diese Gemälde stammen.

Galionsfigur Hirst

Damien Hirst bleibt die Galionsfigur der BritArt, jener Bewegung junger britischer Künstler, deren Werke der Sammler Charles Saatchi in den Neunzigern kaufte und förderte. Er wurde 1992 durch eine Gruppenausstellung der Young British Artists in Saatchis ehemaliger Galerie an der Boundary Road im Londoner Stadtteil St John’s Wood bekannt. Hirsts Werk The Physical Impossibility of Death In The Mind Of Something Living“, ein Hai in einer Vitrine mit Formaldehyd, wurde das ultimative Werk der BritArt.

Hirst war 1997 der Star von Saatchis Ausstellung Sensation in der Royal Academy, die eher einer Krönung denn einer Ausstellung der neuen Generation britischer Künstler gleichkam. Nach dieser Ausstellung waren Hirst und seine Zeitgenossen (darunter Tracey Emin, die Chapman-Brüder, Sarah Lucas, Marc Quinn und Marcus Harvey) das neue Punk-Establishment.

Die BritArt strotzte nur so vor lauter Enfants Terribles, und Damien Hirst war das schrecklichste von allen. Nicht nur, weil er Kühe und Haie einlegte; es ging um seine Angebereien, seine Flüche, um die Rock’n’Roll-Attitüde. Er trug sogar bunte Brillengläser wie Bono. Er war mindestens so bekannt für seine Party-Exzesse und seinen Pillenkonsum wie für seine Kunst. Dann entdeckte er das Kokain und wurde noch lauter. Wenn Hirst ausging, dann endete die Nacht meist damit, dass er die Hosen herunterließ und in aller Öffentlichkeit mit dem Schwanz wedelte.

Das Merkwürdige ist, dass Hirst nie der Posterboy der Bewegung sein wollte. Er selbst hielt sich immer für den Mann im Hintergrund, der Dinge möglich macht, aber nicht selbst der Künstler ist. 1988, als Student an der Goldsmiths University in London, kuratierte er die Ausstellung Freeze, in der er Werke seiner Altersgenossen zeigte. Der eigentliche Punk auf der Kunsthochschule war Marcus Harvey, der mit seinem „Potrait of the child killer Myra Hindley“ bei Saatchis Sensation-Ausstellung für einen Skandal sorgte.

Hirst vereehrte den zwei Jahre älteren Harvey. „Ich wollte so sein wie er. Er war vollkommen verrückt. Er trug einen Schottenrock und einen kleinen, blauen Hitlerbart auf der Brust. Ich erinnere mich daran, dass ich unglaublich neidisch auf ihn war. Meine Mutter schnitt alle Kleidungsstücke, die sie für verdorben hielt in Stücke. Sie hat aus Never Mind The Bollocks von den Sex Pistols einen Blumentopf gemacht. Sie legte die Schallplatte mit einem Stein in der Mitte auf den Gasherd – nur weil „Bollocks“ auf dem Cover stand.“ Heute lebt Hirsts Mutter in Devon direkt neben ihm und seiner Familie.

Hirst war schulisch nicht gerade ein Talent. In die Oberstufe schaffte er es nur mit Mühe, er musste das Abitur wiederholen und im Kunstunterricht bekam er eine fünf. Er wurde am Leeds College of Art Design zunächst abgelehnt, dann aber doch angenommen. Das bekannte St. Martins College in London wollte ihn nicht haben, also studierte er schließlich am Goldsmiths. Als er nach London ging, arbeitete er zunächst zwei Jahre auf einer Baustelle.

Im Alter von 23 Jahren kuratierte er die Freeze-Ausstellung am Goldsmiths. Er zeigte dort zwar auch ein paar seiner eigenen Werke, sein Berg aus bemalten Kisten bekam allerdings wenig Aufmerksamkeit. Drei Jahre später folgte seine erste Einzelausstellung „In And Out Of Love“. Sie bestand aus mehreren Räumen mit lebendigen Schmetterlingen, die dort schlüpften, herumflogen und starben, an den Wänden steckten tote Schmetterlinge auf Leinwänden. Von Anfang an spiegelten seine Arbeiten deutlich seine Begabung als Kurator: In den Titeln, die er seinen Werken gab, der Art, wie er sie präsentierte und seinen Ausstellungsvitrinen. Zu einem gewissen Grad war die Präsentation das eigentliche Kunstwerk.

Geld, Kunst, Bedeutung

In den späten Neunzigern avancierte er zu Großbritanniens Mini-Warhol, er nahm bereitwillig die Rolle des Stars an, öffnete sich der Massenproduktion und dem großen Geld. Kein anderer britischer Künstler schien dermaßen von der Trias aus Geld, Kunst und Bedeutung besessen zu sein. Die Idee bedeutete Hirst alles. Wenn er der Vater eines Gedanken war (auch wenn andere behaupteten, sie hätten ihn vor ihm gehabt, was häufig der Fall war), dann reichte ihm das aus. Er liebte es zu betonen, er könne seinen Namen unter Kunstwerke schreiben, die er nicht ein einziges Mal berührt habe und Millionen damit verdienen. Das Ganze war amüsant, grotesk und absolut profitabel.

Die Dinge erreichten 2007 ihren Höhepunkt mit For The Love Of God, dem menschlichen Schädel aus Platin, der mit 8.602 Diamanten verziert war und dessen Produktionskosten sich auf 14 Millionen Pfund beliefen. Wieder einmal hatte Hirst den richtigen Zeitpunkt abgepasst und das treffende Symbol geschaffen – nach zwei Jahrzehnten, in denen die Kunst eine 1A Ware geworden war, machte er das Geld nun zum Gegenstand der Kunst. Das war alles. Der Verkaufspreis belief sich auf geschätzte 100 Millionen US-Dollar, wobei später herauskam, dass Hirst und die Galerie seines Kunstagenten, White Cube, Teil des Bieterkonsortiums waren.

Ende letzten Jahres löste er sich dann gänzlich vom Galeriensystem und verkaufte eine Menge seiner Werke in einer Großauktion bei Sotheby’s, die insgesamt 111 Millionen Pfund einbrachte. Er scheint an einem neuen Geschäftsmodell für die Kunstwelt zu arbeiten.

Nach der Sache mit dem Diamantenschädel zog Hirst sich in sein Gartenhaus zurück. Und dann, nach der Auktion bei Sotheby’s, erkannte er, dass Gemälde das nächste große Ding sein würden. „Die Auktion war ganz gewiss das Ende einer Ära. Für mich stand ein schonungsloser Wandel an – und ich ging da mit einem Knall raus.“ Er gibt, wenn auch zögernd, zu, dass BritArt ein Resultat der Ära Thatcher war, aber er beharrt darauf, dass er unpolitisch sei und noch nie in seinem Leben gewählt habe.

Sieht Hirst nicht die Gefahr, dass das Geld alles dominiert? Dass ein Kunstwerk nur noch an dem Preis, den es erzielt, gemessen wird? „Man muss einfach wachsam sein. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Ausverkauf und einem Geschäft.“ Was er unter Ausverkauf versteht? „Mein Geschäftsführer hat immer gesagt, man müsse aufpassen, dass man das Geld benutzt, um die Kunst zu machen verfolgen und nicht die Kunst, um dem Geld hinterherzujagen.“ Hirst würde behaupten, sein Diamantenschädel sei ein Beispiel dafür, dass hier das Geld der Kunst nachjagt.

Warum also hat er mit der Massenproduktion aufgehört? Am Ende, sagt er, habe sie ihn deprimiert. Sie habe ihn an seine Sterblichkeit erinnert. „ Ich habe für meine Skulpturen immer mit denselben Leuten zusammengearbeitet. Dann habe ich darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn ich älter werde, und sie immer älter und älter werden ... Und wenn ich dann alt wäre, müsste ich junge Menschen anstellen, damit sie mir dabei helfen könnten, meine Skulpturen zu heben.“

Seine früheren Bilder haben für ihn an Bedeutung verloren. „Die Punkte-Bilder handelten alle von der Unsterblichkeit. Sie feiern den Zustand, in dem du betrunken und auf Drogen unter dem Tisch liegst. Diesen Moment, in dem du das Gefühl hast, du könntest ewig leben. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man erkennt, dass jetzt weniger Zeit vor einem liegt als man schon hinter sich hat.“

Hirsts Vermögen wurde kürzlich auf 200 Millionen Pfund geschätzt. Was macht er mit dem ganzen Geld? Nun, da sind seine rapide wachsende Kunstsammlung, seine Häuser, seine Autos, sein Büro.

Aufgeblasener Möchtegern

Wir sehen uns ein paar weiße Rosen vor einem blau-schwarzen Hintergrund an. Dies ist eines seiner liebsten Gemälde in der Ausstellung. Wie wichtig ist es ihm, dass die Ausstellung gute Kritiken bekommt? „Für Jay Jopling scheint das immer das wichtigste zu sein, ich hingegen versuche die guten Kritiken zu ignorieren, dann kann ich dasselbe mit den schlechten tun. Wenn du nur die guten magst und versuchst, die schlechten zu ignorieren, dann wirst du echt krank. Aber am Ende des Tages arbeitet man doch für sich selbst, also sollte man vor allem dafür sorgen, dass man selbst mit dem Ergebnis zufrieden ist.“

Die Ausstellung in der Wallace Gallery wurde ein Verriss. Selten habe ich derart herabwürdigende Kritiken gelesen. Die Gemälde werden als „peinlich“ und „entsetzlich schlecht“ beschrieben, „Francis Bacon trifft Adrian Mole“. Hirst wird als „aufgeblasener Möchtegern“ bezeichnet.

Haben die Kritiken sein Selbstbewusstsein angeschlagen? „Mein Selbstbewusstsein hat diese ganzen zwei Jahre im Atelier gelitten, also habe ich mir alle Bilder angesehen, habe alle möglichen Zweifel gehabt und bin am anderen Ende dann wieder herausgekommen. Auf eine gewisse Art waren sie persönlich und ganz schön aggressiv. Am meisten haben sich die Leute darüber aufgeregt, dass ich die Ausstellung in der Wallace Collection gemacht habe, gleich neben den alten Meistern. Aber ich fange mit der Malerei gerade erst an. Ich bin noch nicht angekommen. Ich glaube nicht, dass ich schon so gut bin wie sie. Diese hier sind die ersten Gemälde, mit denen ich zufrieden bin ... Aber die Leute von der Wallace Collection sind zufrieden. Die Besucherzahlen brechen alle Rekorde, der Verkauf im Museumsshop läuft.“

Er zeigt mir die Arbeiten für seine nächste Ausstellung "Nothing Matters" im „White Cube“. Auch auf ihnen sind Schädel und Haie und Punkte zu sehen, aber die Farben strahlen heller in rot und grün. Und er hat ein paar neue Motive eingeführt: Liegestühle, Fenster und Kühe. „Es gibt kein zurück für mich, ich muss da durch. Wenn man es sich leichter machen will, kann man sich sagen, dass es schon immer großartige Künstlern gab, die niedergemacht wurden. So kann man das leichter annehmen, oder nicht?“

Er erzählt mir von einer Dokumentation über Francis Bacon, die er am Vorabend gesehen hat. „Mir gefiel, was er über die Pfeifen erzählt hat. Er sagte, sie seien misslungene Bilder. Er sagte, er habe versucht, den Schrei des Kindermädchens aus Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin mit Velásquez zu kreuzen, und es sei eine Katastrophe gewesen. Er sagte, er habe keine Ahnung, warum er es überhaupt versucht habe. Ich halte das für eine großartige Aussage. Er hat seine besten Werke schlechgemacht, als wären sie Schrott. So kann sie kein anderer mehr niedermachen.“

Aber Hirst ist keiner, der sich lange mit Kritik aufhält, und er wirft mir ein letztes Warhol-Zitat zu um sein Argument zu untermauern: „Warhol hat etwas Großartiges gesagt. Er sagte, wenn alle eine Sache niedermachen, dann mach mehr davon.“

No Love Lost. Blue Paintings. Ausstellung in der Wallace Collection in London, noch bis zum24. Januar 2010. Nothing Matters. Ausstellung in der Londoner White Cube-Gallery vom 25. November 2009 bis zum 30. Januar 2010

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11:40 22.11.2009

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