"Jeder Mensch ist eine Hure"

Backstage Käuflicher Sex schafft Unterdrückung, aber auch Arbeit, Lust und manchmal eine neue Zukunftsperspektive. Fünf Akteure erzählen über den ganz normalen Alltag im Rotlicht-Milieu

Bei uns im Café PSSST ist das Konzept auf Stammkundschaft aufgebaut. Die wissen, bei mir werden sie nicht abgezockt. Ich bin manchmal als Edelbordell bezeichnet worden, was ich überhaupt nicht gerne höre, sondern ich würde ganz spontan sagen, das ist einfach eine nette Prostitution.

Die wichtige Funktion in der Prostitution ist ja, dass ein Mensch, der die Dienste in Anspruch nimmt, mal abschalten kann, für ein paar Minuten glücklich ist und vielleicht auch ein bisschen von diesem Glück mit nach Hause nimmt. Pro Abend sind so um die 20 Frauen hier. Die kommen und gehen, wie sie Lust haben oder Geld brauchen. Das beruht ja auf dieser hohen Freiwilligkeit, und sie arbeiten hier mit Werkvertrag.

Es ist ein Beruf wie jeder andere, wenn er selbstständig ausgeübt wird. Und wie jeder andere sollte er die Anerkennung finden, die diesem Beruf auch gebührt. Die Frauen arbeiten oft unter großem Einsatz, die müssen sehr viel Kraft aufbringen. Das ist kein einfacher Job, auch wenn ihnen die Prostitution liegen sollte. Und das wünsche ich den Frauen immer, dass sie es gerne machen. Ja, die gibt es tatsächlich: Frauen, die in dem Job gerne arbeiten. Aber man muss eben mit den Nachteilen umgehen können, welche die Gesellschaft der Frau gegenüber zeigt.
Felicitas, Bordellbetreiberin in Berlin




Ich arbeite ab und zu in einem türkischen Club bei Lüneburg, weil ich finanzielle Probleme hatte. Der Anfang war sehr schwer, weil sich das ja nicht gehört so eine Arbeit als türkische Frau. Ich bin in der Türkei geboren und dann hier muslimisch aufgewachsen. Im Islam heißt es, eine Frau darf sich nicht enthüllen für andere Männer. Sie haben sich nur für den eigenen Mann, für die Familie zu öffnen.

Die Gäste wollen alles umsonst. Und die sind sehr grob. Die denken, was meine Ehefrau macht, das kann ich auch mit der Frau machen. Und wenn man seine Meinung sagt, dann sind sie gekränkt. Also ich lass mir da nichts gefallen, und wenn ich den nicht mag, dann gehe ich nicht mit aufs Zimmer.

Es sind mehr türkische Gäste da als Deutsche. Die Männer betrachten die Frauen sehr herabsehend. Aber wer ist der Gast, der mir einfach an den Hintern fasst? Wir sind nicht auf der Straße, wir sind in einem Club, und da gehört trotzdem Anstand noch dazu. Ich möchte auch nicht als Prostituierte gesehen werden, sondern als jemand, der eine Dienstleistung gibt und dafür bezahlt wird. In jedem anderen Beruf wird man mit Respekt behandelt und wieso nicht in diesem Beruf?

Es gibt wenig Respekt, ja. Man wird allgemein verurteilt, es werden sarkastische Witze gerissen. Ich wurde mal von einem deutschen Gast als Bosporusschlampe betitelt. Ich war sehr wütend, aber ich habe mir gesagt, okay, der ist betrunken, bin auch sachlich geblieben, ich muss nicht in sein Niveau reinrutschen. Manchmal fragt mich ein Gast, was kostest Du? Dann sage ich, mich kannst du nicht kaufen. Die erwarten das nicht, dass eine türkische Frau den Mund aufmacht.

Von meiner Familie, meinen Freunden weiß keiner von diesem Job. Möchte ich auch nicht. Da kommt diese Moralgeschichte ins Spiel. Dann heißt es, du bist eine muslimische Frau, warst mal verheiratet, wie kannst du das machen, unsere Ehre. Die Ehre der Familie. Meine Ehre sieht ganz anders aus. Man lebt nicht sein Leben für die anderen. Man wird als muslimische Frau dazu erzogen, darauf trainiert, dass man nur seinem Mann dienen soll.

Einige muslimische Leute, die haben eine falsche Ehre, finde ich. Ich möchte nicht den Islam jetzt irgendwie beschmutzen oder so, aber die Männer gehen in die Moschee, beten, gehen raus, gehen um die Ecke und zu einer Prostituierten oder gucken sich ungläubige Sachen an.
Ayscha arbeitet in einem Türkenclub




Ich bin 42 Jahre alt und war ungefähr 20 Jahre in der Prostitution tätig. Vor zwei Jahren habe ich damit aufgehört und gehe jetzt einer soliden Tätigkeit nach.

Damals, wo ich anfing, gab es vielleicht fünf Häuser - House of Boys. Heute dürfte es so circa 30 geben in Deutschland - gute, große Häuser. Damals kassierte man pro Gast 150 Mark ab. Davon gehörten einem selbst die Hälfte. Man hatte sehr viele Gäste, am Tag so acht oder zehn. Man verdiente richtiges Geld. Pro Tag schon seine 700, 800 Mark, manchmal auch mehr, wenn man im SM-Bereich was machte oder eine Reisebegleitung. Sex geht ja immer anders ab. Der eine hatte diese Wünsche, der andere jene, aber man hatte nicht jedes Mal Verkehr.

Ja, bei den Männern ist es ein bisschen anders als bei den Frauen. Der Sex bei uns ist nicht so kurz. Wenn du mit einem Gast aufs Zimmer gehst, gibt es einmal ganz normalen Sex ohne Verkehr, also ohne Arschficken. Das ist meist ein geringerer Preis, der beläuft sich heutzutage auf 150/160 Euro, wenn man in einem Haus arbeitet. Und dann mit Verkehr, das ist so über 200 Euro. Der Gast möchte dann entweder etwas Passives oder Aktives. Und bei uns ist halt alles dabei, französisch, küssen, streicheln ...

Wo man aber ganz deutlich unterscheiden muss, das sind die männlichen Prostituierten, die im Hause arbeiten und die Stricher auf der Straße. Das sind zwei Welten. Von den Strichern auf der Straße ist ein großer Teil drogensüchtig, oder es sind Heteros, die aus dem Osten kommen.

Durch die Prostitution habe ich sehr viele Leute kennen gelernt, unter anderem die Firma, wo ich heute arbeite. Damals hat Rosamunde, das Stuttgarter Projekt für Frauen und Männer in der Prostitution, den ersten Hurenball veranstaltet, und ich war der Hauptorganisator.

Die gesamte Direktion der Firma, war anwesend und fragte, wer diesen Ball organisiert hat. Und dann haben sie mich eingestellt. Wäre ich heute 18, würde ich wieder anfangen.
John, ausgestiegener Callboy aus Stuttgart




Man weiß nie, bei wem man einsteigt. Es steht ja nicht dran: ich bin ein Mörder, oder ich bin ein Vergewaltiger. Und diese kleine Angst ist immer. Heute habe ich keine Angst mehr, heute sehe ich die eigentlich als Objekt. Es ist meine Bank, wo ich mein Geld her bekomme. Mehr sehe ich da wirklich nicht drin.

Dazu gekommen bin ich durch meinen Mann; der kannte sich da aus und hat gesagt, ich sollte mal dahin gehen, um Geld zu verdienen.

Arbeiten auf der Straße heißt, ein Auto hält an, man macht die Tür auf, ist freundlich, nennt seinen Preis, und wenn er ja sagt, steigt man ein und fährt auf irgendeinen Parkplatz. Diese Fahrt zum Platz, die muss man nutzen. Also man redet und hört heraus, aha, das mag er, und das weniger. So kann man Zeit schinden, Geld holen, und man kann sagen, so jetzt ist unsere Zeit vorbei und muss nur wenig machen. Das ist die Kunst dabei.

Es gibt viele, die ohne Gummi wollen. Das mache ich grundsätzlich nicht. Für mich ist das russisches Roulette. Aber es ist wieder im Kommen, ohne Gummi. Sonst mache ich eigentlich alles. Aber küssen ist verboten. Wenn eine Frau küsst, arbeitet sie auch mit Gefühl. Und das will ich nicht. Weil ich das ganz, ganz doll trenne. Das muss man auch trennen.

Ich habe keinem davon erzählt. Mein Sohn weiß es nicht, meine Enkelkinder wissen das nicht und meine Schwiegertochter nicht. Meine Mutter wusste es damals. Da war ich 25 und hatte schon ein Jahr gearbeitet. Sie sagte, das musst du wissen, du bist alt genug. Sie war nicht begeistert, keine Mutter ist das. Ich habe ein Doppelleben geführt. 29 Jahre habe ich das gut verstecken können.

Wie man sich dabei fühlt? Das ist so, als wenn man ein Stück im Bauch hat, das immer drückt, weil man sich ewig verstecken muss und schwindeln, das liegt mir überhaupt nicht. Und trotzdem muss man es machen, weil ich mein Kind schützen wollte.

Ja. Es müsste sich gesellschaftlich etwas ändern. Dann könnte sich auch gesetzlich was ändern. Aber wenn diese Moral nicht weggeht. Das ist genauso wie diese Ausländerfeindlichkeit: Der ist schwarz und damit schlecht. Und der ist weiß und damit gut. Und so ist das auch in diesem Hurengeschäft.

Ich finde, jeder Mensch ist eine Hure. Wenn ich arbeite und mein Arbeitgeber sagt, putz das weg, dann mache ich das, weil ich von ihm Geld kriege. Genauso eine Hure, die macht das nur, wenn sie Geld kriegt. Und ohne macht sie gar nichts. Und so macht das auch jeder Arbeiter und jede Bürotante.
Sylvia arbeitet auf dem Autostrich Hamburger Fischmarkt




Ich war das erste Mal mit 18 bei einer Prostituierten - in einem Bordell im Frankfurter Bahnhofsviertel. Ich war damals sehr schüchtern und wollte mal raus finden, wie das funktioniert. Es war bis dahin so kompliziert mit den Mädchen draußen. Und seit diesem ersten Kontakt habe ich Pi mal Daumen alle ein bis zwei Monate Prostituierte besucht. Seit jetzt insbesondere südamerikanische Frauen hier arbeiten, hat sich für mich das Klima doch sehr verbessert. Heute bin ich etwa zu 75 Prozent zufrieden mit den Besuchen bei Prostituierten und zu 25 Prozent eher unzufrieden.

Eine Prostituierte sollte in erster Linie in der Lage sein, sich auf ihre Kunden einzustellen, d.h. wahrzunehmen, was für ein Mensch auf sie zukommt, und dessen Wünsche und Bedürfnisse erkennen. Sie sollte nicht rein auf den Verdienst aus sein, genauso wie ich das auch in einer Pizzeria erwarte. Ich will da nicht nur eine Pizza essen, sondern auch ein bisschen nett bedient werden. Es sind keine übermäßigen Erwartungen, aber man sollte auf mich eingehen. Die Pizza darf selbstverständlich nicht fehlen.
Markus, Prostitutionskunde




Ich bewundere jede Frau, die das Geld für sich alleine gescheffelt hat. Ich war dämlich, habe mein ganzes Geld abgeliefert. Klar denke ich auch oft darüber nach: was wäre gewesen. Aber da wo ich gearbeitet habe, war´s gar nicht möglich, ohne Zuhälter zu arbeiten. Ich hab mit 19 auf der Reeperbahn angefangen - im Palais d´Amour.

Ich war in einen Zuhälter verliebt, schwer verliebt. Ich wusste, dass der Zuhälter ist. Ich habe ihn in einer Diskothek kennen gelernt, wo man eigentlich alle Zuhälter kennen lernt, weil die ja systematisch in die ganzen Diskos gehen. Die suchen sich da gezielt Mädchen aus, naive Mädchen. Ich war damals finanziell ziemlich am Ende und alleine. Der hatte halt das dicke Geld und auf der Suche nach der großen Liebe. Ich habe gesagt, gut, ich guck mir das an.

Ich wurde drei Tage angelernt, von Frauen, die das schon Jahre gemacht haben; also wie man das zu machen hat, diese ganzen Fallen-Sachen und wie man kobert, ohne eigentlich was großartig zu leisten. Ich habe auch super viel gleich verdient, weil ich mit neunzehn aussah wie fünfzehn, da standen die Freier natürlich total drauf. Das Geld durfte ich anfangs behalten, das war für mich wie ein Sechser im Lotto.

Das erste Jahr war passabel, aber dann herrschte schon ein anderer Wind. Das war ein Haufen Geld, was da jeden Abend zusammen kam. Und dann sagte er, du kannst hier nicht so viel Geld liegen haben, ich lege das an. So nach dem Motto, dann bauen wir uns was zusammen auf. Du machst das jetzt so drei, vier Jahre, dann heiraten wir, ich kauf dir eine Boutique oder ein Sonnenstudio, und du brauchst nie wieder arbeiten. Mit 28 hast du dein Geschäft, und bli bla blub.

Ich habe von der Kohle überhaupt nichts gesehen, konnte gerade meine Miete zahlen, und was man so braucht, Sonnenbank, Geld für Taxi, Essen, Krankenversicherung. Der hat mich ganz kurz gehalten. Wenn ich Schuhe haben wollte, musste ich ihn fragen und wenn er sagte: Nee, dann wurde auch nicht diskutiert. Und bunkern, da hatte ich wirklich Bammel. Wenn ich im Nachhinein überlege, was ich mir gefallen lassen habe: Das kannst du nur machen, wenn du jemandem echt hörig bist. Heute frag ich mich, mein Gott, wie dämlich warst du. Aber ich habe den geliebt, und das war wie mein Halt. Und dieses unsolide Leben hatte auch so eine Macht. Also man verfällt diesem Reiz Reeperbahn, Zuhälter, Prostitution, das ist so ein ganz anderes Leben. Aber nach paar Jahren ist man ausgebrannt, ausgelaugt und macht das eigentlich nur, weil man keine andere Wahl hat, weil man Angst hat.

Ich wollte mich trennen und musste viel Abstecke zahlen, sehr, sehr lange dafür arbeiten. Und wenn man die zusammen hat, dann kriegt der seinen Batzen und dann ist man solo. Das wird auch angekündigt von dem Chef, damit dann andere Zuhälter wieder eine Chance haben, in diese Frau reinzuspringen, und das Spiel wieder von vorne losgeht.

Wir waren eine Clique, die auf Falle gearbeitet, also Verkehr vorgetäuscht hat und waren unheimlich stolz drauf. Kann man auch sein: Ich kann jeden Tag in den Spiegel gucken, ich habe soviel Geld verdient und im Endeffekt hat mich aber keiner gehabt. Das war das Einzigste, was mich da am Leben gelassen hat. Denn egal was für einen scheiß Zuhälter ich habe, egal ob das Geld weg ist, ich habe auch nichts gemacht.

Wenn man einen Zuhälter im Nacken hat, funktioniert man. Ist dieser Druck plötzlich weg, denkst du anders über dein Leben nach. Ich möchte einfach nur einen normalen Job haben, normales Geld verdienen. Man wird unheimlich klein gemacht von dem ganzen Milieu.

Mein Zuhälter hat mich ganz schön psychisch und auch physisch kaputt gemacht, er hat mir sehr viel Selbstvertrauen, Selbstachtung, Selbstwertgefühl genommen. Jetzt noch mal eine Ausbildung mit fast 30, das trau ich mir auch nicht zu.

Wenn ich jetzt die Wahl hätte, würde ich gerne studieren: Sozialpädagogik. Ich kann gut mit Menschen, und total klasse finde ich Streetworking. Versuchen, Frauen, die aussteigen wollen oder die noch in der Prostitution arbeiten, aber Hilfe brauchen, zu unterstützen, so wie das Domenica gemacht hat. Ich komme ja nun wirklich aus dem Leben.

Sex gegen Geld hat immer irgendwie was Schmutziges. Das wird auch immer so bleiben, das wird nie ein Beruf sein wie jeder andere.
Katrin, ausgestiegene Sexarbeiterin auf St. Pauli

Sexarbeit - eine Welt für sich, hrsg. v. Elisabeth von Dücker, Beate Leopold, Christiane Howe, Museum der Arbeit (Edition Freitag), 24,80 Euro

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