Jener Tag unter den Anhängern bin Ladens

Amerika und Der islamische Jihad Es gibt in einem Krieg nichts Gefährlicheres, als den wirklichen Gegner zu unterschätzen

Kurz vor Beginn der amerikanisch-britischen Militärschläge gegen Afghanistan veröffentlichte der italienische Autor Tiziano Terzani (62), der seit 1969 im Orient lebt und von dort berichtet, in der Zeitung Corriere della Sera, eine profunde Analyse der islamischen Realität. Sein Fazit, die moslemische Gemeinschaft, einst groß und gefürchtet, fühlt sich heute immer mehr marginalisiert, erniedrigt und beleidigt von der Übermacht des Westens. Es wäre absurd zu glauben, sie dauerhaft demütigen zu können.

Die Welt ist nicht mehr so, wie wir sie einmal kannten, unser Leben hat sich definitiv verändert. Vielleicht ist genau dies die Möglichkeit umzudenken - die Möglichkeit, die Zukunft neu zu erfinden, um nicht noch einmal den Weg zu gehen, den wir bis heute zurückgelegt haben und der uns morgen ins Nichts führen kann. Noch nie wurde das Überleben der Menschheit in riskanterer Weise aufs Spiel gesetzt als heute. Es gibt in einem Krieg nichts Gefährlicheres, als den wirklichen Gegner zu unterschätzen, seine Logik zu ignorieren und - um jedwede mögliche Rationalität zu negieren - ihn als "Verrückten" zu bezeichnen.

Nun ist der islamische Jihad, ist das klandestine, internationale Netz, in dessen Mittelpunkt der Scheich Osama bin Laden steht und das mit der größten Wahrscheinlichkeit im Spiel war bei der unfassbaren Attacke auf die USA, alles andere als pathologisch. Wenn wir einen Ausweg finden wollen aus dem Tunnel des Schreckens, in den wir uns geworfen sehen, so müssen wir verstehen, mit wem wir es zu tun haben und warum.

Kein Journalist aus dem Westen hat es geschafft, mit Osama bin Laden Zeit zu verbringen und ihn aus der Nähe zu beobachten, aber einige haben sich seinen Anhängern genähert und ihnen zugehört. 1996 bin ich einen Tag in einem von ihm finanzierten Ausbildungscamp an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan gewesen. Verängstigt und verschreckt verließ ich es wieder. Unter den harten, aber lächelnden Mullahs und vielen jüngeren Männern mit eiskalten Blicken und über jeden Zweifel erhaben, kam ich mir vor wie ein Pestkranker - der Überträger einer von mir nie bemerkten Krankheit. In ihren Augen bestand sie einfach darin, dass ich aus dem Westen kam und somit der Repräsentant einer dekadenten, materialistischen, ausbeuterischen Kultur war, die sich den Werten des Islam gegenüber ignorant verhält.

Ich habe am eigenen Leib erfahren, dass seit dem Fall der Mauer und dem Ende des Kommunismus, die militante und fundamentalistische Ideologie des Islam die einzige ist, die sich der neuen Ordnung der globalisierten Welt, die - mit Amerika an der Spitze - Frieden und Reichtum versprach, entgegenstellt. Ich erahnte es, als ich durch die muslimischen postsowjetischen Republiken Zentralasiens reiste, und fühlte es mit Bestimmtheit, als ich die anti-indischen Krieger in Kaschmir traf und einen ihrer geistlichen Anführer interviewte. Er begrüßte mich und überreichte mir als Geschenk den Koran - mein erstes Exemplar - damit "er etwas lerne".

Betroffen wie alle, sehe ich immer wieder die Bilder der zerschellenden Flugzeuge - sehe, wie sie im Zentrum New Yorks ein Blutbad anrichten, vergleichbar den in den Tagen zuvor verbreiteten Bildern von palästinensischen Menschenbomben, die sich in die Luft jagen und mit sich zahlreiche Opfer auf den Straßen Israels. Und ich erinnere mich der jungen Männer verschiedener Nationalitäten in den Ausbildungslagern. Menschen eines anderen Planeten, einer anderen Zeit; Menschen, die "glauben", wie wir einmal geglaubt haben, es aber nicht mehr können; Menschen, die es als "heilige" Sache betrachten, das Leben für eine "gerechte" Sache zu opfern.

Diese jungen Männer waren aus einem Stoff, den wir uns schwer vorstellen können: indoktriniert, gewöhnt an ein äußerst spartanisches Leben, das sich dem Takt einer strengen Routine von Übungen, Studium und Gebeten unterwirft. Ein Leben voller Disziplin, ohne Frauen vor der Heirat, ohne Alkohol, ohne Drogen. Für bin Laden und seine Männer sind Waffen keine Instrumente einer beruflichen Tätigkeit, sondern Teil einer Mission, deren Wurzeln im Glauben zu suchen sind, in der Monotonie der Koran-Schulen. Aber vor allem in dem grundlegenden Gefühl von Niederlage und Erniedrigung der muslimischen Kultur, die einst groß und gefürchtet war und sich heute an den Rand gedrängt fühlt, beleidigt von der Übermacht und Arroganz des Westens.

Eine ähnliche Erniedrigung erfuhren einst die Chinesen durch die "Rotbärte" aus England, die ihnen den Opiumhandel aufdrängten, oder die Japaner angesichts der "schwarzen Schiffe" des amerikanischen Admirals Perry, der Japan dem Handel öffnen wollte. Die erste Reaktion darauf war in diesem Fall Verwirrung. Wie konnte ihre Kultur - lange Zeit ausländischen Invasoren weit überlegen - so an die Wand gedrängt werden? Die Chinesen suchten die Lösung zunächst über eine Hinwendung zur Tradition, dann schlugen sie den Weg der sowjetischen Modernisierung ein und letztlich den des westlichen Stils. Die Japaner riskierten diesen Sprung schon Ende des 19.Jahrhunderts, indem sie sich wie besessen daran machten, alles zu imitieren, was westlich war: Sie kopierten die Uniformen der europäischen Armeen, die Architektur der Bahnhöfe, sie lernten Walzer tanzen.

Für die Fundamentalisten erscheint die Verwestlichung der islamischen Welt wie ein Bannfluch. Wie nie zuvor ist ihre Identität bedroht. Aus ihrer Sicht hat der Westen mit dem Ende des Kalten Krieges seine - für die Fundamentalisten "teuflischen" - Pläne, die ganze Menschheit einem einzigen globalen System einzuverleiben, aufgedeckt. Ein System, das danach strebt, dank technologischer Überlegenheit, die Kontrolle über alle Ressourcen der Welt zu erlangen, einschließlich der Ressourcen, die - nach Lesart der Fundamentalisten - der Schöpfer nicht zufällig in jenen Teilen der Erde erschaffen hat, in denen der Islam entstand: das Öl des Mittleren Orients und das Holz der Wälder Indonesiens.

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich dieses Phänomen der Globalisierung, oder besser: Amerikanisierung, in seinem ganzen Ausmaß gezeigt. Seither ist das erklärte Ziel bin Ladens die Befreiung des Mittleren Ostens von dieser Geisel. Doch das von ihm im Namen des Propheten Geträumte geht vermutlich viel weiter. Die ersten Angriffe des Jihad richteten sich gegen die US-Botschaften in Kenia und Tansania. Washington antwortete mit Bombardements von Militärcamps in Afghanistan und einer pharmazeutischen Fabrik im Sudan, was Hunderte - andere sprechen von Tausenden - zivile Opfer forderte. Exakte Zahlen wurden nie bekannt, da die USA Nachforschungen der UNO über diese Vorfälle zu verhindern wussten.

Die Antwort bin Ladens ist nun in New York und Washington erfolgt. Weder in der Lage, die Piloten der B 52-Bomber zu treffen, die ihre Angriffsziele in unerreichbaren Höhen anfliegen, noch die Marines, die ihre Missiles aus großer Distanz abschicken, schien die einzige Lösung in einer terroristischen Attacke auf wehrlose Zivilisten zu bestehen - die entsetzliche Handlung einer Konfrontation, bei der es schon seit langem nicht mehr ritterlich zugeht. Man bekämpft sich in unerklärten Kriegen, die nicht vor den Augen der Welt ausgetragen werden, so dass sich gründlich täuscht, wer glaubt, alles verstanden zu haben, weil er die Live-Übertragung des Zusammensturzes der WTC-Türme sah.

Seit 1983 haben die USA mehrfach im Mittleren Osten Länder wie den Libanon, Libyen, Iran und Irak bombardiert. Seit 1991verursachte das von Washington über den Irak verhängte Embargo laut amerikanischer Schätzung zirka 500.000 Tote, darunter sehr viele Kinder, die an Unterernährung starben. 50.000 Tote im Jahr erzeugen im Irak ganz gewiss eine Wut, die mit der Wut zu vergleichen ist, die das New Yorker Gemetzel in Amerika und Europa ausgelöst hat. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Wut beider Seiten miteinander verbunden ist. Das bedeutet nicht, die Opfer mit den Henkern zu verwechseln, sondern verlangt Klarheit, um die Welt zu verstehen, in der wir leben. Man wird nichts von dem begreifen, was vor sich geht, solange man politische Statements hört, deren Rhetorik so konditioniert ist, dass in alter Weise auf eine völlig neue Lage reagiert wird. Anstatt Kriege zu verkünden, wäre dies doch der Moment, endlich Frieden zu schließen - beginnend mit einem Frieden zwischen Israelis und Palästinensern.

Stattdessen setzt sich in diesen Tagen eine merkwürdige Koalition in Bewegung, stimuliert durch die Automatismen von Verträgen, die für einen ganz anderen Zweck geschlossen wurden. Stimuliert auch durch den Beitritt von Ländern wie China, Russland und Indien, die sich von eigenen, strikt nationalistischen Interessen motiviert fühlen. Für China ist ein Weltkrieg gegen den Terrorismus eine vorzügliche Gelegenheit, alte Probleme mit den islamischen Völkern an seinen Grenzen zu lösen. Putins Russland kann alle Anklagen zum Schweigen bringen, die sich auf die erschreckenden Menschenrechtsverletzungen im Kaukasus beziehen.

Es wird extrem schwierig sein, diesen Krieg als bloße Kampagne gegen den Terrorismus darzustellen und nicht als Krieg gegen den Islam erscheinen zu lassen. Und es ist schon merkwürdig, dass sich heute eine Koalition formt, die an Formationen erinnert, als der Islam an zwei Fronten kämpfte: im Westen gegen die Kreuzritter - im Osten gegen die nomadischen Stämme Zentralasiens. In dieser Lage leisteten die Muslime erfolgreich Widerstand und bewirkten, dass eine große Zahl ihrer Gegner zum Islam konvertierte. Darauf könnten bin Laden und seiner Anhänger gewettet haben, als sie ihren Schlag mitten ins Herz Amerikas führten. Vielleicht rechnen sie mit einer Repressalie des Westens, die einen massiven islamischen Widerstand von gewaltigem Ausmaß provoziert. Der Islam eignet sich, dank seiner Einfachheit und inhärenten Militanz zur Ideologie für die Verdammten dieser Erde zu werden.

Es wäre weiser, anstatt die Terroristen beseitigen zu wollen und diejenigen, die sie unterstützen (vielleicht wird es uns erstaunen, wie viel Personen - auch unerwartete - einbezogen sind), sich auf den Kampf gegen die Ursachen zu konzentrieren. Wo sind die Gründe dafür zu finden, dass sich so viele Menschen, vor allem die Jüngeren, in die Netze des Jihad drängen und Selbstmord und Mord als Mission empfinden?

Wenn wir wirklich an die Heiligkeit des Lebens glauben, müssen wir auch die Heiligkeit aller Leben akzeptieren. Oder wären wir stattdessen bereit, Hunderte, Tausende von Toten zu akzeptieren, auch zivile und unbewaffnete Opfer, die Ziel unserer Repressalien werden? Wird es unserem Gewissen reichen, dass uns diese Toten im PR-Jargon der Militärs als "Kollateralschäden" präsentiert werden?

Unsere Zukunft hängt davon ab, was wir tun werden, wie wir unsere heutige Geschichte in einem geschichtlichen Prozess der gesamten Menschheit verorten. Wir befinden uns nicht auf der Straße des Guten, wenn wir immer noch glauben, das Monopol des "Guten" zu besitzen, von unserer Kultur als "der" Kultur sprechen und die anderen zu ignorieren.

Der Islam ist eine große, besorgniserregende Religion mit einer eigenen Tradition von Grässlichkeiten und Verbrechen (wie viele andere Glaubensrichtungen auch), aber es ist absurd zu denken, dass irgendein Cowboy, auch wenn er mit allen Pistolen der Welt ausgerüstet wäre, sie vom Angesicht der Erde auslöschen könnte. Es wäre besser, den Muslimen selber zu helfen, fundamentalistische Splittergruppen zu isolieren, anstatt sie virulenter zu machen. Der Islam ist mittlerweile überall. In Nordamerika selbst gibt es schon genauso viele Muslime wie Hebräer (sechs Millionen, größtenteils Afroamerikaner, angezogen von der Tatsache, dass der Islam von Anfang an immer über den Rassen gestanden hat).

Wir sollten uns nicht zu partiellen Einsichten hinreißen lassen, und wir sollten keine rhetorischen Geiseln erfinden, auf die jene zurückgreifen, die im Schweigen der Bestürzung zu wenig Ideen haben. Die Amerikaner nennen als Ziel ihrer Verfassung das "Streben nach Glück". Gut, streben wir alle zusammen nach diesem Glück, nachdem wir es - vielleicht in nicht nur materialistischen Termini - neu definiert und uns überzeugt haben, dass es nicht sein darf, dass wir Okzidentalen unser Glück nur auf Kosten der anderen anstreben, dass - wie die Freiheit - auch das Glück unteilbar bleibt.

Der 11. September hat uns vor neue Entscheidungen gestellt. Die unmittelbarste besteht darin, dem islamischen Fundamentalismus Gründe für seine Existenz hinzuzufügen oder zu nehmen. Jede fremde Bombe, die auf die Bevölkerungen der Welt geworfen wird, bringt Jungen hervor, die bereit sind "Allah Akbar" zu brüllen und wieder ein Flugzeug gegen ein Hochhaus zu steuern oder vielleicht morgen schon eine bakteriologische Bombe in einem unserer Supermärkte zu platzieren. Nur wenn es uns gelingt, das Universum als ein Ganzes zu sehen, in dem jeder Teil die Totalität widerspiegelt und dessen Schönheit in den Unterschieden besteht, werden wir beginnen zu begreifen, wer wir sind und wo wir uns befinden. Andernfalls werden wir letzten Endes bloß der Kröte aus dem chinesischen Sprichwort ähneln, die vom Grund des Brunnens aus den Himmel sieht und glaubt, dass dieses Stück der ganze Himmel sei.

Übersetzung: Carolin Behrmann

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