#Jenesaisquoi

Bühne Gob Squad geben ihrem Publikum mit „War and Peace“ nach Leo Tolstoi einen Crashkurs in Salonkultur – und die Möglichkeit, unbequemen Fragen auszuweichen
Michael Stadler | Ausgabe 13/2016 1

Draußen herrscht Krieg. Drinnen parlieren die russischen Salonlöwen über Gott und die Welt, möglicherweise geschockt von dem, was andere erleben, aber letztlich sicher in ihrer eigenen Existenzblase. Die Gleichzeitigkeit von Leid und Luxus hat Leo Tolstoi in seinem 1869 erstmals erschienenen Monumentalroman Krieg und Frieden anschaulich dargestellt. Im Salon der Anna Pawlowna trifft sich der Adel zum Diner, derweil im Rahmen des napoleonischen Russlandfeldzugs die Schlacht bei Borodino tobt. Kann man ihnen das Vergnügen vorwerfen? Und was ist mit den Theaterzuschauern, die in die Münchner Kammerspiele gehen, um sich die Premiere der Performance War and Peace, frei nach Tolstois Roman, anzuschauen, während im nahen Belgien die Folgen der Selbstmordattentate verarbeitet werden?

Dass Tolstois Roman seine Gültigkeit nicht verloren hat, macht die deutsch-englische Performancetruppe Gob Squad, von Intendant Matthias Lilienthal mit Ensemblemitgliedern der Kammerspiele zusammengewürfelt, von Beginn an klar. Sie geben sich einer Übertragungswut ins Heute hin, der sich keiner im Zuschauerraum entziehen soll. In die ersten Parkettreihen hat Bühnenbildnerin Romy Kießling mittig eine Tafel gebaut, an der sich vier Darsteller mit ausgewählten Zuschauern versammeln, um eine Tischgesellschaft zu bilden, die sich salonartig unterhält. Wobei die Bildung, vermittelt durch die Performer, nicht zu kurz kommen darf.

So bekommen die Auserwählten an der Tafel und das Publikum im Ganzen zunächst einen Crashkurs in Salonkultur: dass etwa einst vornehmlich Französisch gesprochen wurde, was sich womöglich damit vergleichen lässt, wie wir heute unsere Redebeiträge mit Anglizismen durchsetzen, damit wir vor unseren Mitmenschen up to date wirken. Wer einst zu einem Thema nicht viel zu sagen hatte, erklärt Johanna Freiburg von Gob Squad, der konnte sich mit einem „Je ne sais quoi!“ retten, weil es schlicht besser klang als „keine Ahnung“. So öffnet sich ein Ausweg für all jene Fragen, die die Performer ihren Gästen stellen, zum Beispiel, ob sie den Eindruck haben, dass „wir“ im Krieg sind, wie es manche Schlagzeilen behaupten. Fragen, die meist magere Antworten auslösen.

Ulkige Models

Dabei haben sich Gob Squad bislang gut auf die Einbindung ihres Publikums verstanden. Das Berliner Kollektiv verfolgt ein postdramatisches, in seiner Gruppenstruktur demokratisches Prinzip, das auch die Hierarchie zwischen Spielern und Zuschauern auflöst und Laien auf die Bühne holt, ohne diese in die Gefahr zu bringen, sich bloßzustellen. Before your very eyes, 2011 im Berliner HAU uraufgeführt und 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen, war so ein Glanzstück, bei dem sieben Kinder, klug geführt vom Kollektiv, in einem Spiegelkasten auf ihre kurze Vergangenheit und nahende Zukunft als Erwachsende blickten. Dabei entfesselte sich eine Spielfreude, die man bei dem in knapp zwei Stunden verabreichten, luftig entweichenden Tolstoi-Substrat schmerzlich vermisst.

Denn was wohl als augenzwinkernder, ins Satirische gehender Kommentar auf unsere den Ernst der Kriegslage übertünchende Spaß- und Repräsentationskultur gemeint ist, erweist sich als politisches Theater mit ausgestrecktem, den Intellekt des Zuschauers weit unterschätzenden Zeigefinger. Da lassen die vier Performer – Johanna Freiburg und Sean Patten von Gob Squad, Katja Bürkle und Damian Rebgetz aus dem Ensemble – in einer nicht enden wollenden Parade einen Teil der 250 Figuren des Romans und Berühmtheiten modernerer Zeiten wie Steve Jobs oder die Boygroup One Direction aus einem weiß verhängten Pavillon auftreten: ulkige Models auf dem Laufsteg. Die Vergeblichkeit, ein übergeordnetes, sinnstiftendes Prinzip zu finden, hat schon Tolstoi in seinem Roman beklagt. Seine Stimme übernimmt Johanna Freiburg in dem mit Musik durchsetzten Reigen und tanzt in einem der wenigen wirklich komischen Momente einen „Tanz mit dem Band der Geschichte“. Das Band regenbogenfarben, die Bewegungen wirbelnd, sinnbefreit, herrlich frei.

Eine Befreiung des Stadttheaters von seinen Konventionen hat auch Matthias Lilienthal vor, daher das Vermischen des Ensembles mit Protagonisten der freien (Berliner) Szene. War and Peace soll dabei ein „work in progress“ bleiben: Von zwölf Spielern, die an dem Stück geprobt haben, treten pro Vorstellung vier auf. Die anderen, falls gerade in der Stadt, schauen zu und geben Feedback zur Verbesserung. Man lernt ja nie aus. Wie dieser Abend jedoch zu retten sein soll, weiß man beim besten Willen nicht. „Je ne sais quoi!“ ist das Motto.

Es ist ein häufig auftauchendes Problem der angebrochenen Lilienthal-Ära: So recht finden die vom ehemaligen HAU-Intendanten eingeladenen freien Gruppen, die sonst eher ungewöhnliche Räume bespielen, kein Verhältnis zur traditionsreichen Guckkastenbühne an der Maximilianstraße. Zuletzt stehen die vier Spieler vor einem Stück Himmel. Von Fürst Andrej wird erzählt, wie er verwundet auf dem Schlachtfeld liegt und in die Wolken blickt. Im Roman ein großer Moment, hier jedoch purer Kitsch.

Info

War and Peace Inszenierung: Gob Squad Münchner Kammerspiele

06:00 23.04.2016

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