Jens Lehmann und das Dusch-Problem

Hitzlsperger-Debatte Der Ex-Nationalkeeper möchte nicht so gern mit Schwulen duschen, hat er in einem Interview gesagt. Damit legt er die Logik des Fußballs bloß
Peter Rehberg | Ausgabe 05/2014 21
Jens Lehmann und das Dusch-Problem
Hat sich ins Abseits manövriert: Jens Lehmann
Foto: Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images

Jens Lehmanns Worte in der Sendung Sky90 zum Coming-out von Thomas Hitzlsperger waren, nun ja, nicht gerade bedachtsam gewählt. Sinngemäß hat er gesagt, dass er mit einem Schwulen nicht duschen will. Das war eher hilflos, als wirklich homophob. Am interessantesten aber ist, dass er mit seinen blöden Sprüchen auf ein paar blinde Flecken der Debatte aufmerksam gemacht hat.

Lehmann, früher Hitzlspergers Teamkollege in der Nationalelf und beim VFB Stuttgart, stimmte nämlich nicht in den Gesang jener ein, die dem Ex-Fußballprofi zu seinem Schritt gratulierten. Er zeigt in dem TV-Interview vielmehr eine Haltung, die im Grunde Hitzlsperger selbst vertritt: Von einem Coming-out während der Karriere als Profifußballer ist in Deutschland weiterhin abzuraten. Was in der überwältigenden Harmoniewelle so keiner wahrhaben wollte, hat jetzt Jens Lehmann noch einmal kurz und knapp ausgesprochen: „Wenn ein Spieler das machen würde, wäre er blöd.“

Also macht Hitzlspergers nicht den Weg frei für das Coming-out anderer während ihrer Zeit als Fußballprofi? Lehmanns Äußerungen erinnern daran, dass man davon nicht ausgehen kann. Und auch sonst bewies der ehemalige Keeper ein sicheres Händchen und packte ein Thema an, das allen die ganze Zeit im Kopf rumschwirrt, das sich aber keiner traute, auszusprechen.

Auf die Frage, wie er reagiert hätte, wenn ihm Hitzlspergers Homosexualität schon früher bekannt gewesen wäre, sagte Lehmann: „Ich weiß nicht, was ich gedacht hätte, wenn ich mit jemand zusammengespielt hätte, den ich tagtäglich gesehen hätte: beim Duschen, in Zweikämpfen. Niemand kann seine Gedanken kontrollieren.“ Das mit dem Duschen kommt gleich ein paar Mal. Und damit verrät Lehmann, warum nicht nur er, sondern wahrscheinlich noch ein paar andere Heteros Probleme mit dem Homo Hitzlsperger haben.

Der Raum für ungebrochene Männlichkeit

Männlicher Mannschaftssport ist der kulturelle Raum, in dem Männlichkeit wie nirgends sonst ungebrochen gefeiert und genossen werden kann. Beim Mannschaftssport können Männer ungehemmt Männer anfassen, angucken oder bewundern. Sie können sich zusammen auf dem Rasen wälzen und kommen dabei ins Schwitzen. Hinterher gehen sie gemeinsam duschen.

Aber der Genuss daran, eine Art heterosexuelle Homosexualität, für die teilnehmenden Fußballspieler ebenso wie für das männliche Publikum im Stadion oder vor dem Fernseher, ist nur möglich unter der Bedingung, dass der Verdacht der Homosexualität selbst nicht aufkommt. Der Genuss von Männern mit Männern und an Männern als Massenspektakel ist nur erlaubt, wenn für alle klargestellt ist, dass die Erregung auf dem Platz und bei den Zuschauern bitteschön nichts mit Schwulsein zu tun hat.

Gerade weil Fußball zu spielen ein Ritual ist, bei dem die Grenze zwischen homo und hetero instabil wird, muss sie hier betont werden. Damit ist die Paranoia vor der Homosexualität ein grundlegender Bestandteil des Mannschaftssports. Der Schwule gehört zum Männerfußball dazu – als derjenige, der nicht dabei sein darf.

Jens Lehmann buchstabiert diese heteronormative Logik des Fußballsports beispielhaft aus. Die Jungs können ihren Spaß nur solange haben, wie der nackte Mann unter der Dusche nebenan ganz sicher kein Homo ist. Sonst müssten sie sich ja unbequeme Fragen stellen, was sie an diesem Sport so fasziniert. Lehmanns Sprüche erinnern daran, dass Hitzlspergers Coming-out diese Spielregel mit Sicherheit noch nicht gebrochen hat.

Peter Rehberg schrieb im Freitag zuletzt eine Titelgeschichte über Homophobie

  

14:30 29.01.2014

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