Beate Tröger
Ausgabe 2813 | 27.07.2013 | 06:00 1

Jenseits der Hoffnung

Südafrika Wenig weiß man über Literatur aus diesem Land und nichts über Lyrik. Der Sammelband "Ankunft eines weiteren Tages" kann das ändern

Manchmal trifft ein Gedicht geradewegs einen Nerv. „Auf Julies Speisezettel“ von Vonani Bila ist so ein Gedicht. Es steht in Ankunft eines weiteren Tages, einem Band mit südafrikanischer Lyrik, den die Literaturwissenschaftlerin Indra Wussow zusammengestellt hat, ins Deutsche übersetzt wurden die Gedichte von der Lyrikerin Sylvia Geist. Auf Julies Speisezettel verstört. Es beschreibt einen Mann, der neben der Müllkippe eines Krankenhauses herumlungert, nicht etwa, weil er auf Essensreste wartet – Julie passt ab, wann man dort tote Babys entsorgt. Über einem Feuer brodelt sein Topf, in den niemand schauen darf, darin kocht er einen grausigen Brei: „Er erzählt neugierigen Passanten, Patienten/Wächtern & Besuchern/Es wäre Kaninchen, was er kaut.“ Von dem Tag an, an dem ihn die Krankenhausverwaltung erwischt, werden die Babys verbrannt. Und Julie „ist verschwunden/Aber kein Mensch vermisst ihn“, heißt es in Bilas Gedicht lapidar. Grausig wie eine Gestalt aus Grimms Märchen, ist der unbehauste Kannibale die Symbolfigur einer Welt, in der heftige Armut noch die größten Tabus bricht.

Wenig weiß man hierzulande über die südafrikanische Literatur jenseits von Coetzee, Gordimer und Doris Lessing. Über die Lyrik praktisch nichts. Dabei war es ein Gedicht – Das Kind der afrikaanse Lyrikerin Ingrid Jonker, die sich 1965 das Leben nahm –, mit dem Nelson Mandela im Mai 1994 das erste demokratisch gewählte Parlament nach dem Ende der Apartheid eröffnete. Man erfährt es im Nachwort des Sammelbands, dem eine CD beiliegt, auf der man die Texte, viele von ihnen in Englisch, nachhören kann. In Ingrid Jonkers Gedicht heißt es: „Das Kind das zum Mensch geworden ist zieht durch ganz Afrika/Das Kind das zum Riesen geworden ist reist durch die ganze Welt/Ohne Pass.“

Auch Gedichte brauchen keine Pässe, sie brauchen lediglich Vermittler. Südafrikanische Lyrik stehe heute, so die Herausgeberin im Nachwort, vor dem Erbe der Apartheid. Die Euphorie über das offizielle politische Ende der rund 40 Jahre lang währenden, staatlich legitimierten Rassentrennung wich einem Gefühl der Ernüchterung über ein neues Südafrika, das mit den alten Problemen kämpft: Armut und Ungleichheit sind extrem.

Auf die gegenwärtige Situation reagieren die Gedichte ganz unterschiedlich. Nicht alle sind in ihrer Bildlichkeit so direkt wie die des 1972 geborenen Bila, so drastisch und vergleichsweise wenig an den formalen Möglichkeiten der Lyrik interessiert. Ein deutlicher Bezug auf zeitgeschichtliche und politische Kontexte ist aber in vielen der Gedichte auszumachen. Im Gedicht der 1983 geborenen Mbali Kgosidintsi Die Mitte findet eine bittere Abrechnung mit ihrem Heimatland statt: „Die Mitte lebt in meinem Land, erste Wahl der Dritten Welt/Das beste in Afrika und das schlimmste auf der Welt?“

Zerschlagene Bierflaschen

Rustum Kozains Gedichte wiederum zeugen von feinster Differenzierung und vom Streben nach klanglicher Wirkung. In Groundwork X, einem Epitaph auf den verstorbenen Vater des Dichters, fließen Erinnerungsbilder, Gerüche, Wehmut, Schmerz in einer Klage zusammen, die dann das ganze Land mit einschließt: „alles fort mit seiner festen Umarmung, Bartstoppelraspel, Hände, rau von Öl und Schmiere, das Muttermal auf seinem Rücken/wie eine Karte von Afrik ... Fort.“

In Jozis Parks, einem Gedicht der 1966 geborenen Phillippa Yaa des Villiers, spielen barfüßige Kinder zwischen zerschlagenen Bierflaschen, während „Erwachsene, aufgequollen vor Enttäuschung, traurig auf den Schaukeln sitzen.“ Jede Wende hinterlässt Gewinner und Verlierer. Die Bilder und Eindrücke der hier versammelten Gedichte verdichten sich zu einem nüchternen und wenig hoffnungsträchtigen, aber sprachmächtigen Panorama von Südafrikas Lebenswirklichkeit. Und den doppelsinnigen Titel dieser Sammlung, der die Wiederkehr der Abläufe bedeuten kann und zugleich Hoffnung ausdrückt, dass sich etwas änderte, versteht man nach der Lektüre besser.

Ankunft eines weiteren Tages: Zeitgenössische Lyrik aus Südafrika Gabeba Baderoon u. a. Wunderhorn 2013, 157 S., 19,80 € Beate Tröger ist freie Literaturkritikerin

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 28/13.

Kommentare (1)

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Ehemaliger Nutzer 27.07.2013 | 08:07

ja, genau ... ein schöner buchtitel ... ewige wiederholung und hoffnung ... das leben und dessen veränderung als ewigen prozess verstehen lernen ... rückschläge überwinden lernen und resignation in neue hoffnung transformieren ... bestimmt durch die kontraste in südafrika dramatisch-lyrisch gut zu transportieren ... bis zu jedem menschen der welt ...

erinnert mich an "die schlacht" von müller ... menschen schlachten und fressen sich gegenseitig auf ... kannibalismus als überlebensstrategie ... im faschismus