Jenseits der Schmerzgrenze

Sanktionen Gabriel G. Taboada, Ständiger WTO-Vertreter Argentiniens in Genf, über massive Handelssanktionen durch gezielte Produktsubventionen

Die Landwirtschaft ist das Sorgenkind der Weltwirtschaft. Das jedenfalls beklagt Gabriel Taboada, der sein Urteil nicht zuletzt als Sprecher der sogenannten Cairns-Staaten fällt, einer Gruppe von Agrarexporteuren innerhalb der Welthandelsorganisation, zu der neben Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay auch Australien und Kanada gehören.

FREITAG: Warum sprechen Sie davon, dass Ihr Land bei der Liberalisierung der internationalen Agrarmärkte erheblich benachteiligt wird?
GABRIEL G. TABOADA: Die Welthandelsorganisation hat schon vor sechs Jahren den Abbau von Zöllen und Subventionen beschlossen. Während dann aber die Entwicklungsländer verpflichtet wurden, das Abkommen strikt umzusetzen, waren die Normen für die Europäische Union, Japan oder die USA weitaus moderater. Vor allem die Landwirtschaft wird dort in hohem Maße weiter staatlich gefördert. Selbst die Exportsubventionen für Agrarprodukte bestehen weiter.

Es sind aber nicht nur die reichen Staaten, die gegen weitere Liberalisierungen der Agrarmärkte sind. Auch arme afrikanische Länder fordern staatlichen Schutz, weil ihre Landwirtschaft international nicht konkurrenzfähig ist.
Ja, aber sie tun das nur deshalb, weil die europäischen und US-amerikanischen Produkte so stark subventioniert sind. Dadurch sind sie sogar billiger als die Produkte aus diesen Entwicklungsländern mit ihren Niedriglöhnen. Wären die Konditionen für alle gleich, könnten die ärmsten Staaten sehr gut mit den reichen konkurrieren - zumindest in der Landwirtschaft. Und bei den ganz schwachen Staaten könnte man ja durchaus über Ausnahmeregelungen nachdenken.

Argentinien ist weltweit führend im Agrarexport, gleichzeitig wird immer wieder von Hungerrevolten in Ihrem Land berichtet. Das spricht nicht gerade für den Erfolg Ihrer Exportorientierung. Warum räumen Sie der Ernährungssicherung Ihrer Landsleute nicht Priorität ein?
Die Unruhen haben mit unseren Exporten nichts zu tun. Wir sind auf diese Ausfuhren angewiesen, um Devisen ins Land zu holen. Nur so kann Argentinien Schulden abbauen und nötige Importe tätigen. Vieles muss bei uns eingeführt werden, zum Beispiel medizinisches Gerät oder Medikamente. Der Export ist Mittel gegen die Armut.

Kritiker dieser Politik sagen, die Exporterlöse kämen ohnehin nur einer kleinen Zahl von Geschäftsleuten und Lobbyisten zugute ...
Das stimmt nicht. Argentinien ist - um ein Beispiel zu nennen - der weltweit größte Exporteur von Honig; und der wird vor allem von kleinen Imkerei-Betrieben produziert. Auch in anderen Sektoren - etwa bei Rindfleisch, Ölsaaten, Getreide, Obst und Gemüse - profitieren sehr häufig kleine Landwirte vom Export.

Ihre Exporteinnahmen reichen aber bisher kaum aus, um die Zinsen für die immensen Auslandsschulden zu zahlen ...
Ja, aber was bleibt uns übrig? Die Industriestaaten haben umso höhere Zölle, je weiter die Produkte verarbeitet sind, das System der so genannten "tariff escalation". Das macht es schwer, mit Halbfertigwaren oder gar Fertigprodukten auf die wichtigsten Märkte der hochentwickelten Staaten zu gelangen. Wir fordern seit langem einen Marktzugang auch für verarbeitete Agrarprodukte. Nur so können wir langfristig aus der Krise kommen.

Das Gespräch führte Stephan Günther.

00:00 19.07.2002

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