Jenseits der Struktur

Burundi Während die Welt mit anderen Krisen beschäftigt ist, bricht in dem ostafrikanischen Land erneut Gewalt aus
Emma Graham-Harrison | Ausgabe 19/2016 1
Jenseits der Struktur
Die Leidensgeschichten der Flüchtlinge aus Burundi häufen sich
BIld: Spencer Platt/Getty Images

Thierry will reden, doch die Erinnerungen schnüren ihm die Kehle zu. Die Hiebe und Stiche, sein schwer verletzter Vater, der um sein Leben fleht, ehe maskierte Männer ihn mit Macheten zu Tode hacken. Thierry sackt in sich zusammen, ein kleiner, frierender Mann auf einer Holzbank, gleich hinter der Grenze, in Tansania. Die Hölle liegt am anderen Flussufer, in dem Land, das bis vor zwei Stunden seine Heimat war. „Überall in Burundi fließt Blut“, sagt der 27-jährige Bauer Thierry, der darum bittet, seinen Namen zu ändern, um die noch in Burundi lebende Familie zu schützen. Er krempelt Ärmel und Hosenbeine hoch. Frische Schnittwunden sind zu sehen. Nur einer von über 250.000 Menschen, die seit Jahresbeginn versuchen, einer Welle der Gräuel in einem Land mit Genozid-Vergangenheit zu entkommen. „Ich möchte alles von Burundi vergessen, auch unsere Namen“, beteuert ein junger Mann, der vor einer tansanischen Flüchtlingsaufnahme zusammenbricht, nachdem er seine 16-jährige, nach einer Vergewaltigung schwangere Schwester über den Grenzfluss getragen hat.

Während die Gewalt in Burundi ebenso um sich greift wie das Gerücht, oppositionelle Milizen in den Nachbarstaaten würden einen Angriff vorbereiten, verfällt die Regierung in Bujumbura wieder einer vergifteten rassistischen Propaganda, wie sie schon die vergangenen Kriege in Burundi und den Genozid vom Frühjahr 1994 im benachbarten Ruanda befeuert hat. Die Welt jedoch nimmt davon kaum Notiz. Das erneute Abgleiten Burundis in eine Zeit der Massaker und Macheten ist auf der internationalen Bühne kein Thema. Hilfsorganisationen teilen mit, selbst für die Finanzierung von Nahrung und Zelten für die nach Tansania Geflohenen lasse sich so gut wie keine Unterstützung gewinnen. „Unser Land steht vor einem Krieg, und wir werden im Stich gelassen“, sagt Geneviève Kanyange, einst hochrangige Politikerin, die mit der Regierung gebrochen hat und ins Exil ging. „Wir brauchen Hilfe, und zwar jetzt, sonst ist es zu spät.“

Die Gewalt loderte auf, als im Vorjahr Präsident Pierre Nkurunziza – früher Kommandant einer Miliz aus der Volksgruppe der Hutu sowie glühender evangelikaler Christ – verkündete, er werde sich über die Verfassung hinwegsetzen und bei den fälligen Wahlen für eine dritte Amtszeit kandidieren. Es folgten ein gescheiterter Putschversuch von Militärs, Massenproteste und deren Niederschlagung, was in das Vorstadium eines Bürgerkrieges mündete.

Die meisten der Flüchtlinge aus Burundi, die in Tansania, Ruanda, Uganda und in der Demokratischen Republik Kongo gestrandet sind, haben sich bei Nacht durch den Tropenwald geschlagen, um Regierungsmilizen zu entgehen, die jeden Fliehenden als Abtrünnigen betrachten und entsprechend behandeln. „Sie nahmen uns das Geld ab, schlugen zu und fragten: Seid ihr für den Präsidenten oder nicht?“, erzählt eine 30-jährige Mutter von fünf Kindern, die fliehen wollte, nachdem ihr Mann erschossen worden war. Beim zweiten Versuch mied sie die Straßen und schaffte es durch unwegsames Terrain nach Tansania.

Die Bürgerkriege

1972 – 1973

Nach der Unabhängigkeit von 1962 wird Burundi vier Jahre später von der Monarchie zur Republik. Deren erster Präsident Michel Micombero lässt im Mai 1972 sämtliche Hutu in der Armee liquidieren. Bei daraufhin ausbrechenden Unruhen werden bis zu 250.000 Hutu getötet. Die Massaker treffen besonders die Elite dieser Volksgruppe: Minister, Akademiker, Lehrer. Die Lage normalisiert sich erst Mitte 1973.

1988 – 1993

Als in der Nordregion am 11. August 1988 ein Tutsi-Soldat zwei Hutu-Bauern erschießt, wird er von der lokalen Bevölkerung gelyncht. Es gibt Vergeltungsaktionen der Armee, bei denen über 20.000 Hutu umgebracht werden, 100.000 fliehen ins benachbarte Ruanda. Eine Deeskalation gelingt mit der neuen Verfassung von 1993, die ethnische Parteien verbietet und multiethnische Regierungen vorschreibt.

1994 – 2001

Der Abschuss der Maschine, mit der im April 1994 die Präsidenten Ruandas und Burundis von einem Afrika-Gipfel zurückkehrten, führt erneut zu Zusammenstößen zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi mit Tausenden von Toten. Die Serie der Massaker reißt erst ab, als 2001 ein Abkommen über eine Rotation im Amt des Staatsoberhauptes wie des Premiers zwischen den rivalisierenden Ethnien unterzeichnet wird. Lutz Herden

Weil die Regierung die Grenzen abriegelt – wohl um zu verhindern, dass noch mehr Menschen das Land verlassen und sich die internationale Gemeinschaft doch zum Eingreifen genötigt sieht –, verstecken sich Unzählige, zumeist Angehörige des Tutsi-Volkes, so gut es geht, innerhalb Burundis. Sie wissen, Tansania kann sie kaum versorgen.

Fabian Simbila ist als Gesundheitshelfer an einem winzigen Grenzposten tätig, wo Flüchtlinge aus Burundi registriert werden. Er kann Hilfe für medizinische Notfälle rufen, aber er hat keine Lebensmittel für die Familien, die zum Teil tagelang mit leerem Magen zu Fuß unterwegs waren. „Sie kommen abends an, aber versorgt werden sie erst am nächsten Tag, wenn ihr Weg in die Flüchtlingscamps führt.“

Hunger in Tansania ist für viele allemal besser als Terror zu Hause. „Vielleicht kann ich heute Nacht sogar schlafen“, sagt der 21-jährige Bauer Jacques, der zusammen mit seinen Eltern ankommt. Sie haben seit über 24 Stunden nichts gegessen, doch er winkt ab: Das mache ihnen nichts. „Ich möchte bloß nicht wieder das Gleiche erleben wie als Kind.“ Gemeint ist der Bürgerkrieg, bei dem sich zwischen 1994 und 2001 die Völker der Hutu und Tutsi einen erbitterten Kampf um die Hegemonie im Staat lieferten. Immer wieder kam es zu Massakern, bei denen 20.000 bis 30.000 Menschen starben. Letzten Endes einigten sich die Führer beider Ethnien auf eine Rotation im Amt des Staatsoberhauptes. Wenn Präsident Pierre Nkurunziza dieses Prinzip verletzt, ist damit die Geschäftsgrundlage für eine ethnische Koexistenz aufgekündigt. Das Mehrheitsvolk der Tutsi fühlt sich brüskiert. „Wir haben es satt“, sagt Jacques, „Menschen wie Ziegen sterben zu sehen. Mein Vater ist alt, er bat uns, jetzt zu gehen, bevor es zu spät ist.“

Dörfer unter Verschluss

Die Berichte der Geflüchteten aus ländlichen Regionen sind wichtig. Aus diesen Gebieten, arm und wenig vernetzt, dringen selten Lagebilder nach außen. In der Kapitale Bujumbura nutzen Tutsi-Aktivisten Smartphones, um Informationen über Mord und Entführung zu posten. Die Dorfbevölkerung bleibt von solchem Nachrichtenfluss ausgeschlossen. Vor einem Jahr schon schaltete die Regierung alle unabhängigen Hörfunksender ab.

„In unserem Dorf wurden Leute getötet, aber davon erfuhr so gut wie niemand“, so der 54-jährige Fabrice, der mit zwölf Kindern nach Tansania geflohen ist, seit sein Schwager verschleppt wurde. Flüchtlinge wie Fabrice wissen, sie gehen auf eine Reise ohne Wiederkehr. „Sobald bekannt wird, dass wir weg sind, übernehmen sie automatisch unser Land.“

Hilfsorganisationen bestätigen diese Darstellung und rechnen damit, dass die Massenflucht aus Burundi andauern wird. „Ich sah bei niemandem die Perspektive oder auch nur den Wunsch, nach Burundi zurückzukehren“, meinte David Miliband – einst Spitzenpolitiker der britischen Labour Party, heute Vorsitzender des International Rescue Committee – nach einem Besuch im tansanischen Flüchtlingscamp Nyarugusu, das zu einer Slumsiedlung mit mehr als 150.000 Bewohnern angewachsen ist. „Alles deutet auf dauerhafte Vertreibungen hin. Wir müssen uns auf eine lange Krise einstellen.“

Paramilitärische Verbände

Bessergestellte Exilanten – mit Geld oder Beziehungen – sammeln sich in Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Dort tragen Aktivisten und Politiker die aus Burundi herausgeschmuggelten Informationen zusammen und diskutieren, wie man die Krise eindämmen könnte. Die meisten halten eine weitere UN-Mission für die beste Lösung. Doch wächst unter den Überlebenden auch die Zahl der Zornigen, die am liebsten bewaffnet nach Burundi zurückkehren würden.

„Ich möchte kämpfen, ich weiß bloß nicht, wem ich mich anschließen soll“, sagt ein Mann mit Folternarben im Gesicht, der sich für unser Gespräch den Tarnnamen Billy Ndiyo gibt. Bevor die Krise ausbrach, arbeitete er als Fahrer. Letzten Sommer, er wollte gerade Brot kaufen, kreiste ihn auf der Straße eine Gruppe von Hutu-Milizionären ein. Er glaubte, sie attackierten ihn, weil er ein junger Mann sei und die Gegend als Hochburg der Tutsi-Opposition galt. In Handschellen wurde Ndiyo dann auf ein Militärgelände gebracht, geschlagen und mit einem Bajonett im Gesicht verletzt. „Er stach knapp über dem Auge zu und brüllte: ‚Wage es nicht, mich anzusehen!‘ Als ich die Hände hob, um sie auf die Wunde zu drücken, stach er in eine Hand. Alles war voller Blut, und dann verlor ich das Bewusstsein.“

In einer winzigen Zelle kam Ndiyo wieder zu sich, zusammen mit acht anderen geschwächten Insassen, einige von ihnen kannte er aus der Nachbarschaft. „In der ersten Nacht wurden zwei dieser Gefangenen abgeholt. ‚Wir haben einen geeigneten Ort für euch gefunden‘, hieß es. Danach wurden sie nie wieder gesehen. Als in der nächsten Nacht wieder einer mitgehen sollte, wehrte er sich. Sie haben ihn vor unseren Augen erstochen.“ Ndiyo selbst hatte Glück: Ein wohlhabender Verwandter kaufte ihn frei und ermöglichte den Grenzübertritt. „Meine Zellengenossen sind wahrscheinlich längst tot.“

Die Leidensgeschichten, die Flüchtlinge aus verschiedenen Teilen des Landes erzählen, gleichen sich. Immer wieder gibt es Festnahmen unter dem Vorwand, die Milizionäre suchten nach Aufständischen. In manchen Gegenden verlassen junge Männer kaum noch die Häuser. Doch auch dort sind sie nicht sicher vor Milizionären. „Sie kommen rein und sagen, man habe Waffen versteckt. Und auch wenn sie nichts finden, verschleppen sie die Leute, niemand weiß, wohin“, erzählt Fabrice.

Die Mörder von Thierrys Vater beschuldigten den alten Mann, einer Rebellengruppe anzugehören, dabei hatte er sein ganzes Leben lang keine Waffe in der Hand. „Mein Vater rief noch: ‚Selbst wenn ihr mir eine Waffe geben würdet, wüsste ich nicht, wie man damit umgeht‘ – es half nichts.“

Die Gewalttäter sind zumeist maskiert und anonym, doch ein Name, der in den Schilderungen der Gräuel immer wieder fällt, ist Imbonerakure: die Jugendorganisation der Regierungspartei, ein paramilitärischer Verband, auch wenn die Regierung steif und fest behauptet, es handele sich nicht um Milizionäre, sondern junge um Politiker. Der Genozid in Ruanda von 1994 wirft sehr lange Schatten.

Trotz der mit dem Friedensabkommen von 2001 besiegelten ethnischen Balance in Armee und Politik operieren Gruppen wie Imbonerakure außerhalb der offiziellen Machtstrukturen. Und die Armee ist gespalten, kürzlich wurde in der Kommandozentrale ein dem Präsidenten nahestehender Offizier erschossen, während er die Aushänge an einer Pinnwand las.

„Bei den Streitkräften bringen sich Dissidenten und Loyalisten gegenseitig um. Wenn das kein Alarmzeichen ist, was dann?“, fragt Richard Moncrieff, Spezialist für Zentralafrika bei der International Crisis Group. „Wir glauben, dass die Regierung in Burundi die ethnische Auseinandersetzung will und deshalb eine Ethnisierung von oben betreibt.“

Emma Graham-Harrison ist Afrika-Korrespondentin des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 25.05.2016

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