Jenseits des Lärms

Finnland I Alle reden von Sofi Oksanen. Aber wer kennt Aleksis Kivi? Wir haben eine Expertin gebeten, die wichtigsten Werke aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse vorzustellen
Solveig Scholz | Ausgabe 41/2014 1

Der vielleicht talentierteste finnische Schreiber war Frans Eemil Sillanpää, Finnlands einziger Nobelpreisträger. Ihm hat man zugetraut, dass er den finnischen Roman schreibt. Den aber verfasste dann ein Fabrikarbeiter aus Tampere. Und das Nationalepos stammt von einem Landarzt.

Kalevala
Elias Lönnrot, um 1850

Der Landarzt Elias Lönnrot bereiste Mitte des 19. Jahrhunderts Ostfinnland und schrieb die Volkslieder nieder, die man sich dort seit 2000 Jahren auf der Kantele vorgesungen hatte, und fügte sie zu einer mythischen Geschichte zusammen: dem Nationalepos Kalevala. Die Geschichte handelt unter anderem von drei Helden und ihrem erfolglosen Unterfangen, Sampo – so etwas wie die Bundeslade oder den Gral – aus dem Nordland Pohjola zu entführen. Anders als in der griechischen oder germanischen Mythologie haben die finnischen Protagonisten auch ein Privatleben: Ungewohnt ausführlich wird vom Alltag, vom Essen und Kochen, vom Reisen, Jagen und Fischen berichtet, aber auch von Hochzeiten und Beerdigungen.

Die Helden sind Antihelden. Da ist der Schmied Ilmarinen, der sich eine Frau aus Silber und Gold schmiedet, aber nicht glücklich wird, weil sie kalt ist. Da ist der Sänger Väinämöinen, dessen Harfenspiel Menschen und Tiere beglückt und die Armee des Nordlandes einschläfert, dann aber zerbricht ihm der Gral in den Händen, und er findet keine Frau. Am Ende zieht sich der gebrochene Held zurück. Was bleibt, sind seine Gesänge. Und dann ist da Lemminkäinen, eigentlich ein Frauenheld, der sich auf der Jagd nach dem Gral verzettelt und von einem blinden Hirten erschlagen wird. Seine Mutter fischt die Überreste aus dem Fluss des Todes und näht sie wieder zusammen.

Finnland

Das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2014 ist bekanntlich das Land der 1.000 … Ja, das auch, aber Finnland ist vor allem das Land der 1.000 Bibliotheken, also das Land der Leser

Für die finnische Kunst und Kultur hat die Kalevala eine gewaltige Bedeutung; der Maler Akseli Gallen-Kallela, der Komponist Jean Sibelius, der Comiczeichner Mauri Kunnas – sie alle sind ohne das Epos nicht denkbar. Auch international hatte es einen großen Einfluss, so ist bekannt, dass J.R.R. Tolkien die Hälfte seiner besten Ideen (zum Beispiel „Mittelerde“, aber auch die Fantasiesprache Qenya) aus der Kalevala hatte.

Lange fungierte das Nationalepos als eine Art Erweckungsschrift für das von Russland unterdrückte finnische Volk. Inzwischen wird Kalevala postmodern gelesen: Der mit vielen Zeitsprüngen und vertrackten Nebenschauplätzen geschriebene Text ist Vorbote einer neuen Erzählform, die nicht mehr linear verläuft, in der Wirkung und Ursache aufgehoben sind und in der die Helden im Angesicht ihres eigenen Scheiterns die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens erkennen. Ich lese meinen Enkelkindern aus der Kalevala vor. Sie lieben die Abenteuer der drei Helden.

Die sieben Brüder
Aleksis Kivi, 1870

Es sagt einiges über ein Volk aus, wenn man erfährt, welches der erste Roman war, der in der Landessprache verfasst wurde. Im Finnischen war das, 1870, der Roman Die sieben Brüder von Aleksis Kivi. Er handelt von der unspektakulären, aber tiefgreifenden Frage: Was machen wir, wenn wir nicht mehr müssen? Als der Vater der sieben Brüder stirbt (die Mutter ist bereits tot), entscheiden sich die Jungs, den Hof aufzugeben, nicht mehr zu arbeiten und vor allem auch: nicht schreiben und lesen zu lernen.

Stattdessen wollen die Brüder – man würde sie heute als Bildungsverweigerer bezeichnen – im Wald als freie Menschen leben. Nach zehn Jahren kehren sie zurück, gedemütigt, aber gereift, und führen fortan ein geregeltes Leben. Sie heiraten, ergreifen eine Arbeit, passen sich an. Das Setting (auf dem Lande), die Sprache (humorvoll, volksnah), die Personen (Dickköpfe) wurden Vorbild für Generationen von finnischen Schriftstellern. Ich mag das Buch. Seit Kivi ist der Held in finnischen Romanen ein einfacher, schweigsamer Mensch vom Lande und nicht ein an sich selbst leidender Großstadtbewohner. Einfach bedeutet in Finnland nicht tölpelhaft, sondern schlau.

Frommes Elend
Frans Eemil Sillanpää, 1919

Es gab bislang nur einen finnischen Literaturnobelpreisträger, Frans Eemil Sillanpää. Sein wichtigstes Werk heißt Frommes Elend, in dem ein Mann in den Schrecken des Bürgerkriegs von 1918 zwischen den siegreichen „Weißen“ (der Nationalgarde unter dem Oberbefehl von Carl Gustaf Mannerheim und mit Unterstützung deutscher Truppen) und den „Roten“ (den Kommunisten) untergeht. Sillanpää selber stand auf Seiten der Roten. Er galt als der größte finnische Schriftsteller und wurde ab 1930 jedes Jahr für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Als er ihn schließlich im Jahr 1939 erhielt, geschah dies unter dem Eindruck der Bedrohung Finnlands durch die Sowjetunion. Es war vor allem eine Würdigung der politischen Kraft, die von Sillanpääs Schreiben ausging, und nicht direkt eine Auszeichnung seines Schreibens selbst. Sillanpää machte sich wenig aus dem Preis. Der vielleicht talentierteste finnische Schreiber kämpfte gegen andere Dämonen. Er war zeit seines Lebens verschuldet, psychisch krank, alkoholabhängig.

Der unbekannte Soldat
Väinö Linna, 1954

Lange Zeit hatte man Frans Eemil Sillanpää zugetraut, den großen finnischen Roman zu schreiben. Aber ein anderer sollte es machen, ein Fabrikarbeiter aus Tampere. Der unbekannte Soldat ist bis heute das meistgelesene Buch Finnlands. Darin beschreibt Väinö Linna die dramatischen Kriegsjahre 1940-1944, als Finnland die im „Winterkrieg“ (1939) an die Sowjetunion verlorenen Ostgebiete zurückerobern wollte. Erzählt wird die Geschichte eines Infanterieregiments, dessen Unteroffizier Koskela seine 30 Männer immer tiefer in Feindesgebiet führt. Wir lernen den lustigen Hietanen kennen, den harten Lehto, der einem Gefangenen kaltherzig in den Rücken schießt, den jungen Riitoja, der sich vor Angst in die Hosen macht, und den unverwüstlichen Rokka. Vorbilder dieser archetypischen Figuren sind Linnas Kameraden, er selber wird im schweigsamen Määttä erkennbar. Es ist ein grausames, ein wichtiges und zugleich auch ein sehr komisches Buch. Als es kurz nach Kriegsende erschien, wurde es zum Skandal, weil Linna scharfe Kritik am Krieg übte.

Heute, 70 Jahre nach Kriegsende, hat Der unbekannte Soldat nichts von seiner Intensität verloren. Das liegt an Linnas schonungsloser Beobachtungsgabe und seinem frühmodernen Trick, die Ereignisse fast ausschließlich in Dialogen zu beschreiben, wobei jeder der Protagonisten einen anderen finnischen Dialekt spricht. Erstaunlicherweise ist dies auch den Übersetzern gut gelungen.

Das Sommerbuch
Tove Jansson, 1972

In diesem Jahr wäre Tove Jansson, die 2001 starb, 100 Jahre alt geworden. Jansson war eine finnische Schriftstellerin, die ihre Bücher auf Schwedisch schrieb, der zweiten Amtssprache Finnlands. Außerdem war sie Zeichnerin, Grafikerin, Illustratorin und Freidenkerin. Im Magazin Garm karikierte sie schon früh Hitler und Stalin und schrieb gegen die Nationalsozialisten in Deutschland. Berühmt wurde sie für die von ihr geschaffene Fantasiewelt der Mumintrolle. Diese Welt baut wohl stark auf ihrer eigenen Kindheit auf, die sie als frei, geborgen und geheimnisvoll beschrieb. Diese drei Worte beschreiben auch die Stimmung in den Muminbüchern, die alle auf Deutsch erschienen sind und die ich alle empfehlen kann, Kindern genau wie Erwachsenen. Tove Jansson wollte allerdings nie ausschließlich mit den Mumins in Verbindung gebracht werden. Deshalb möchte ich hier auf Das Sommerbuch hinweisen, es handelt von Sophia und ihrer Großmutter, die zusammen einen Sommer auf einer Schäreninsel in der Ostsee verbringen. Es ist ein leises, kluges Buch darüber, wie es ist, ein Kind zu sein, und wie es ist, alt zu werden.

Wie vergewaltige ich einen Mann?
Märta Tikkanen, 1975

Märta Tikkanen ist eine der produktivsten Schriftstellerinnen und Dichterinnen Finnlands, die in ihren Werken Themen verarbeitet, die jeden etwas angehen, aber über die nicht gesprochen wird. In Wie vergewaltige ich einen Mann? (eigentlich: „Männer können nicht vergewaltigt werden“) beschrieb sie als eine der ersten den alltäglichen Sexismus. In Aifos heißt Sofia das Leben mit einem behinderten Kind, in Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts das Leben mit einem alkoholkranken Mann (dem Künstler Henrik Tikkanen). Und in Behalt deine Rosen schließlich den Wunsch, nicht begehrt, sondern erhört zu werden.

Geh nicht einsam in die Nacht
Kjell Westö, 2013

Müsste ich noch einen aktuellen Autoren nennen, dann Kjell Westö, der zu der schwedischsprachigen Minderheit gehört und zwischen dem Schwedischen und dem Finnischen pendelt. Seine Grenzgängerposition erlaubt ihm einen scharfen Blick für die Personen und für das Prägende der jeweiligen Umgebung. Er schreibt kenntnisreich über die Stadt, die er liebt, Helsinki (auf Schwedisch: Helsingfors).

Solveig Scholz , 67, ist in Tampere aufgewachsen und lebt heute in Deutschland. Ihr Honorar spendet sie an die al-omri-Kinderhilfe Palästina

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06:00 10.10.2014

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