Jenseits von Gut und Börse

Fragen 15-21 Der Facebook-Börsengang gilt als die Sensation des Jahres. Aber wer kann wirklich sagen, worum es geht? 21 Antworten, damit Sie mitreden können

15. Ist Facebook-Sucht heilbar?

Liken, chatten, zocken: Es sind ganz unterschiedliche Dinge, mit denen man auf Facebook Zeit verplempern kann – gerade dadurch gewinnt das Netzwerk hohes Suchtpotenzial, sagt der Leiter der Mainzer Spielsucht-Ambulanz, Klaus Wölfling. Denn Facebook macht jeden nach seiner eigenen Façon süchtig.

Der Freitag: Herr Wölfling, gibt es so etwas wie Facebook-Sucht überhaupt?

Klaus Wölfling: Internet-Sucht an sich ist schon ein Sammelbegriff für verschiedene Formen der Abhängigkeit. Dazu gehört die Abhängigkeit vom Kommunizieren ebenso wie die vom Spielen oder einfach von sowas wie Informationssuche. Facebook vereint all diese Arten von Online-Sucht in sich.

Wie geht das?

Eine Sucht funktioniert ja so: Wir befriedigen exzessiv ein Bedürfnis, das wir eigentlich auf andere Weise stillen wollen. Das kann der Wunsch nach Kontakten sein oder der Wunsch nach Bestätigung oder auch die Befriedigung des Spieltriebs. Bei Facebook ist Kommunikation möglich, man kann spielen und man kann Likes sammeln – und damit eine Art Selbstwert­zufuhr für sich erstellen. Die Sucht in Web-Netzwerken funktioniert auf verschiedenen Ebenen: Kommunikation, Selbstkonzept, Spieltrieb.

Wer ist davon betroffen?

Gerade bei sozialen Netzwerken geht es quer durch die Bank. Es sind nicht unbedingt Jugendliche, die von Facebook abhängig werden. Die haben wir eher in Online-Rollenspielen, Ego-Shootern oder beim Internet-Poker. Bei den sozialen Netzwerken beginnt es mit 19 bis 20 Jahren und geht bis hoch zu 60-Jährigen. Auch die Geschlechter sind ungefähr gleich verteilt, wogegen die Spiele im sozialen Netzwerk eher Männer abhängig machen.

Ab wann gilt man als süchtig?

Wir schauen vor allem nach Folgeerscheinungen – also nicht nach der Zeit, die jemand am Rechner verbringt. Wichtig ist, ob auf der psychischen, sozialen und der körperlichen Ebene Probleme entstehen. Das können Entzugssymptome sein, wenn man nicht ins Internet kommt, oder der Drang, unbedingt online gehen zu wollen, oder soziale Isolation jenseits des Rechners – auch wenn das bei Nutzern sozialer Netzwerke paradox klingt. Wer es genau wissen will, kann auf verhaltenssucht.de einen Selbsttest machen.

Lässt sich Facebook-Sucht heilen?

Ja, und zwar wie jede andere Form der Internet-Sucht auch. Wir haben bei uns Gruppentherapien, bei denen eine Abstinenz von sechs bis acht Wochen verpflichtend ist. Dann können die Patienten sich wieder von außen betrachten. Im Verlauf der Therapie versuchen wir dann den Kontrollverlust in den Griff zu bekommen die Persönlichkeit des Süchtigen anzugucken: Welche Gründe gibt es denn, dass jemand alles, was ihm einmal lieb und teuer war, wegen des Internets vergisst?

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17. Bleibt Facebook wirklich gratis?

„Facebook ist und bleibt kostenlos“, schreibt Facebook. Was aber nur stimmt, wenn man über Geld redet. Denn vom Moment der Anmeldung an zahlt jeder Nutzer – mit seinen Daten. „Social Graph“, nennt Zuckerberg die Datenspur, die wir in dem sozialen Netzwerk hinterlassen. Das ist schon im öffentlichen Bereich eine ganze Menge von Informationen darüber, wen ich kenne, was ich verlinke, was ich konsumiere. Im für andere unsichtbaren Bereich sind diese Informationen noch weit detaillierter – und damit verdient Facebook sein Geld.

„Für Facebook sind wir nicht die Kunden“, schreibt der US-Trend­forscher Douglas Rushkoff, „sondern das Produkt“. Er sieht eine Gefahr darin, dass die Netzwerk-Firma den Bogen überspannt: „Dem Management geht es nicht darum, dem kleinen Johnny dabei zu helfen, mehr und bessere Freunde zu finden – es geht ihm darum, mehr Geld mit Johnnys Social Graph zu verdienen.“

Eine Gefahr ist das nicht nur für die Facebook-Nutzer, sondern auch für das Unternehmen selbst: Die kurze Geschichte des Internets hat schon eine ganze Reihe von Leichen und Zombies produziert: Anbieter, die versucht haben, ihre Nutzer zu „monetarisieren“. Ob Geocities oder Tripod, AOL oder Second Life, Myspace oder die VZ-Netzwerke – sie alle wurden schnell und gründlich verlassen, als die Nutzer bemerkten, dass mit ihnen Geld verdient werden sollte, und ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr wichtig waren. Wenn Facebook nach dem Börsengang seine ganze Energie in die Steigerung des Quartalsgewinns stecken sollte, werden die Nutzer sich sehr schnell wieder abwenden, so Rushkoff.

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19. Was wird das nächste große Ding?

Im Internet ist niemand treu. Kaum gibt’s was Neues, wechselt man die Vorlieben. Was also kommt nach Facebook? Was wird das nächste große Ding? Wird es gut sein? Werden die Leute es lieben? Und werden sie bereit sein, dafür zu zahlen? Denn letzteres gilt als Killerkriterium, nur bezahlte Serviceleistungen, sagen Experten, werden sich langfristig durchsetzen. Hoch im Kurs steht Dropbox, ein Service, der die ein­fache Frage beantwortet: Wie greife ich von meinen verschiedenen mobilen Geräten auf die gleichen Daten zu, ohne mir ständig E-Mails schicken zu müssen? Dropbox speichert alle Daten in der Cloud. 50 Millionen Menschen nutzen diesen Service, vier Milliarden ist der Laden wert, 2009 versuchte Apple vergeblich, ihn zu übernehmen. Prognose: Facebook wird Dropbox irgendwann kaufen.

Wer aber kann Facebook ab­lösen? Die Antwort ist: Zurzeit niemand. Den Silicon-Valley-Bastlern gehen die Ideen aus. Der Beweis: Wo man hinblickt bloß Urheberrechtsstreits statt Innovationen. Yahoo verklagt Facebook und umgekehrt, Google Amazon, und alle verklagen Apple. Das wichtigste, was ein Jungunternehmer heute braucht, ist nicht eine Idee, sondern einen Patentanwalt.

20. Ist Facebook böse?

Ja, sagt zumindest Google-Mitgründer Sergej Brin. Nun ist es nicht verwunderlich, wenn der Hauptkonkurrent mit dem Motto „Don’t be evil“ vor dem Börsengang an Facebook herummäkelt. Doch Brins Argument, dass Facebook den Nutzern seine Regeln aufzwingt, wird nicht nur von ihm verwendet. Hätte das soziale Netzwerk damals schon so viel Einfluss im Internet gehabt, hätte Google seine Suchmaschine gar nicht entwickeln können. „Gibt es zu viele Regeln, hemmt das Innovationen“, sagte Brin im April dem Guardian.

21. Kann man ohne Facebook leben?

Klar! Man kann ja auch ohne Telefon, E-Mail-Adresse oder ohne Briefkasten leben. Solche Auslassungen sind machbar, ziehen aber meist Konsequenzen nach sich. Gehört man zu der wachsenden Anzahl Menschen, für die Kommunikation im Internet alltäglich ist, muss man damit rechnen, nur noch eingeschränkt am allgemeinen Informationsaustausch teilzunehmen, nachdem man sich gegen Facebook entschieden hat. Dann ist man jene Person, auf die Rücksicht genommen werden muss und die auch schon mal vergessen wird. Man verpasst Einladungen und Veranstaltungen, interessante Informationen und auch all die Nähe erzeugenden Fragmente jener Menschen, die fern von einem leben.

Ein weiteres Problem stellen Programme wie beispielsweise der Musikdienst Spotify dar, die ohne eine Verknüpfung mit dem Netzwerk gar nicht benutzbar sind – eine nicht sehr erfreuliche Tatsache. Letztendlich ist die Entscheidung also vom Freundeskreis abhängig – und von den eigenen Prioritäten.

Die anderen 14 Antworten finden Sie hier (Fragen 1-7) und hier (Fragen 8-14).

Texte von Detlef Gürtler, Maike Hank, Steffen Kraft, Mikael Krogerus, Klaus Raab und Sebastian Stoll

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10:35 16.05.2012

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