Jenseits von Kyoto

Ökologische Aussichten Nur eine radikale Bewegung hilft weiter

Der Gang der ökologischen Dinge wirft die Frage nach der politischen Form auf, in der das Ökologieproblem bisher bearbeitet wird. Sie ist offenbar unangemessen, und man muss die Gründe analysieren. Die Älteren erinnern sich noch an die Beschwörung der ökologischen Katastrophe in den siebziger und achtziger Jahren. Viele warnten: Wir haben noch zehn, 20, 30 Jahre für Gegenmaßnahmen. Nun ist die Zeit ungenutzt verstrichen, und die Katastrophe steht vor den Haustüren.

Die vorausgesagten Folgen der Erderwärmung treten ein. Claudia Kemfert, Umweltökonomin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, rechnet es vor: Holland liegt schon jetzt auf der Höhe des Meeresspiegels; 2050 wird halb England unter Wasser stehen und die Insel Sylt versunken sein; es werden weltweit volkswirtschaftliche Schäden von bis zu zwei Billionen Dollar anfallen. Schon in den nächsten Jahrzehnten, ja vielleicht im kommenden Sommer könnten die ersten Tornados über Deutschland fegen. Vom deutschen Waldzustandsbericht 2004, in dem man liest, dass inzwischen 78 Prozent aller Bäume geschädigt sind, hat sie nicht einmal gesprochen.

An diesem Freitag geht in Buenos Aires ein weiterer UN-Klimagipfel zu Ende. Solche Konferenzen tagen nicht oft; wenn sie nicht tagen, zieht man es vor, die ökologischen Dinge zu verdrängen. Umweltdiplomaten tun ihren Job, aber die meisten anderen hören weg. Das Kyoto-Protokoll, 1997 verabschiedet, kann am 16. Februar 2005 endlich in Kraft treten. Doch die USA machen nicht mit. Sie sind für ein Viertel aller Schadstoffe verantwortlich. Selbst wenn sie dem Protokoll beiträten, wäre nicht mehr als ein symbolischer Schritt getan, denn die Vereinbarung schreibt nur vor, dass die wichtigsten Industriestaaten ihren Ausstoß von sechs Treibhausgasen bis 2012 gegenüber 1990 um fünf Prozent reduzieren. Notwendig, nach Auskunft der Wissenschaft, wären 50 Prozent bis 2050. Berücksichtigt man das Recht der Drittweltgesellschaften, in der Industrialisierung aufzuholen, wären es 80 Prozent.

Da erinnert man sich eines weiteren Datums: Am 1. Januar 2005 beginnt der europäische Emissionshandel. Ermutigt er zu der Annahme, die Industrieländer würden sich nach Kyoto zu ehrgeizigeren Reduktionszielen aufschwingen? Im Gegenteil - die meisten beteiligten Staaten missbrauchen den Handel, indem sie ihren Unternehmen noch mehr Schadstoffe erlauben als bisher. Dabei feiern sich die Europäer noch als ökologische Vorreiter.

Man sieht leicht, das Ökologieproblem ist vom Ökonomieproblem nicht zu trennen. Denn Schadstoffe entstehen in landwirtschaftlicher und industrieller Produktion sowie durch deren Produkte. Warum gelingt es der Politik nicht, die Produktion in ökologisch tragbare Grenzen zu bannen? Weil Ökologie mit dem Hauptzug unserer gesellschaftlichen Verfasstheit konfrontiert ist, der "Freiheit des Unternehmertums". Das Kapital darf man nicht zwingen. Seinerseits glaubt es sich von aller Verantwortung frei. Diese Diagnose gilt auch für die Probleme des Arbeitsmarkts. Ganz selbstverständlich wird die Produktion in Billiglohnländer verlagert. Die Politik, statt es zu verhindern, hält alle Menschen an, sich der kleinen Gruppe von Egoisten anzupassen. Viele glauben noch immer, heute sei die Arbeitslosigkeit bedrängender als der Klimawandel. Aber es sind zwei Seiten derselben Medaille. Den Menschen tritt ihre eigene Ökonomie als fremde Macht entgegen.

Die Lösung kann nur darin bestehen, dass sie sich das Entfremdete wieder aneignen. Daran gemessen, haben die bisherigen ökologischen Hoffnungsträger versagt. Die Umweltdiplomaten verdienen noch am wenigsten Kritik. Sie sind Beauftragte, können nur umsetzen, nicht initiieren. Entscheidend wäre der ökologische Aufbruch, der aus der Mitte der Gesellschaft kommt. In Deutschland gab es so etwas. Doch der grüne Impuls ist gänzlich gescheitert. Es bringt die ökologischen Dinge nicht voran, wenn Minister Trittin in Bueños Aires den anderen EU-Staaten eine größere deutsche Schadstoffminderung offeriert für den Fall, dass sie dasselbe tun. Gleichzeitig freut sich der Bundeskanzler, dass deutsche Konzerne China zur Autogesellschaft ausbauen. Wie haben sich die Grünen in eine solche Falle begeben können?

In ihren Anfängen wollten sie die Verbrauchermentalität der Massen ändern. Sie diskutierten die Frage, bei welchen Wohn- und Arbeitsverhältnissen man weniger Autos bräuchte, ob geringerer Fleischkonsum, der bei weniger Tierhaltung zu verringertem Methanausstoß führt, nicht schon allein wegen der besseren Gesundheit der Konsumenten begrüßenswert wäre. All das scheint vergessen, die Koalition mit der SPD war wichtiger. Zuletzt schreckten sie nicht einmal vor Gerhard Schröders Kanzlerschaft zurück. Und heute wollen sie nicht begreifen, dass ein paar ökologische Anregungen, die der Genosse der Bosse durchgehen lässt, den Schaden des Signals nicht aufwiegen, das durch die Regierungsharmonie von Ökologen und Antiökologen tagtäglich ausgesendet wird. Was sind Trittins Windräder gegen die Erfahrung, dass seit dem rot-grünen Regierungsantritt das Eisenbahnfahren immer teurer, das Autofahren immer unvermeidlicher wird? Dass man mit dem Linienflugzeug billiger nach Florenz kommt als mit der Bahncard 50?

Die ökologischen Dinge bedürfen einer neuen und sehr radikalen Bewegung. Ökologen haben es mit hartgesottenen Gegnern zu tun. Sie müssen wieder lernen, dass denen gegenüber die Sprache des guten Zuredens nichts nützt. In den kommenden Jahrzehnten werden schon allein die Umstände für eine radikale Bewegung sorgen. Doch auch heute ist keine Zeit zu verlieren. Mag die Gesellschaft in Verdrängung erstarren, können Einzelne doch insofern aus ihr aussteigen, als sie jetzt schon die radikalen Modelle einer neuen Gesellschaft erarbeiten und diskutieren - einer Gesellschaft ohne entfremdete Ökonomie. Das ist nötig, denn man kennt es als Logik der Geschichte: In Zeiten, in denen die Menschen einen Schlussstrich ziehen wollen, hängt ihr Erfolg davon ab, ob dann eine Orientierung vorbereitet ist, auf die sie zurückgreifen können.


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00:00 17.12.2004

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