Jetzt aber Butter bei die Fische

Aquakultur Fischfarmen stehen längst nicht mehr in dem Ruf, ökologisch nachhaltig zu sein. Müssen sich hier die Fehler aus der Massentierhaltung zwangsläufig wiederholen?

Eiweiß macht satt, aber woher soll man es nehmen, wenn man kein Fleisch hat – oder haben will –, und kein Vegetarier sein kann? Zwar wird global eher immer mehr als weniger Fleisch produziert und konsumiert, doch die Menschen in den westlichen Industrieländern begreifen allmählich, welche Folgen die jahrzehntelange Massentierhaltung für Umwelt und Gesundheit zeitigt. Fleisch zu essen wie bisher – das erscheint ihnen keine Option mehr. Auch vielen Forschern nicht. Sie setzen stattdessen auf eine neue „Blaue Revolution“ – auf tierisches Eiweiß aus dem Meer.

17 Kilo Fisch pro Kopf

Das mutet zunächst kaum aussichtsreicher an als die Sache mit dem Fleisch: Der Fischfang ist ja längst an seine Grenzen gestoßen. Trotz riesiger Flotten stagniert die Menge gefangenen Fisches – weltweit rund 90 Millionen Tonnen – schon seit Jahren. Ein Drittel der Meere ist bereits leer, 53 Prozent werden maximal genutzt, so steht es im gerade veröffentlichten Bericht der Welternährungsorganisation (FAO) über die Lage der Fischerei und Aquakulturen (SOFIA). Damit die Erträge nicht einbrechen, dringen die Flotten in immer entlegenere Teile der Ozeane vor.

Gleichzeitig essen wir soviel Fisch wie nie: Durchschnittlich 17 Kilo pro Kopf hat jeder Erdenbürger im Jahre 2009 verspeist. Das hängt zum einen mit den wachsenden Ansprüchen und zunehmend westlichen Essgewohnheiten in den Schwellenländern zusammen. Zum anderen mit der Popularität von Fisch in den Industrieländern, wo man entweder fettarme Filets für die ausgewogene Ernährung oder fettreiche Flossentiere, vor allem Lachs, wegen der angeblich herzgesunden Fettsäuren schätzt.

Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage füllen seit etwa 40 Jahren künstliche Fisch-, Garnelen- und Muschelfarmen. Diese sogenannten Aquakulturen stellen mit einer Rate von acht Prozent den am schnellsten wachsenden Sektor der Tierhaltung dar. Laut FAO stammten 2009 bereits 55 Millionen Tonnen Fisch aus der Zucht, und immer wieder ist deshalb auch die Rede von der „Blauen Revolution“, die eine wachsende hungrige Weltbevölkerung mit tierischem Eiweiß versorgen soll.

Zuchtfisch frisst Wildfisch

Es gibt Beispiele, die eine solche Vision nahelegen, denn die meisten Aquakulturen weltweit sind noch traditioneller Art. Sie liegen vor allem im Landesinneren Chinas und stellen dort tatsächlich einen wichtigen Beitrag zur Ernährung dar. In kleinen Teichen hält sich die ländliche Bevölkerung pflanzenfressende Fische wie etwa Karpfen, um sich selbst zu versorgen oder den Fisch auf den lokalen Märkten zu verkaufen. Diese Art der Produktion unterscheidet sich aber von jener in kommerziell ausgerichteten Fischfarmen, deren Erzeugnisse derzeit auch nur für Menschen aus den Wohlstandsnationen erschwinglich sind und die bislang nur ein Fünftel aller Aquakulturen weltweit ausmachen.

Zugleich ist die Liste ökologischer und sozialer Probleme, die durch die vorhandenen industriellen Garnelen- und Fischfarmen enstehen, ausnehmend lang: So mussten zwei Drittel aller Mangrovenwälder auf den Philippinen allein der Garnelenzucht weichen. Aufgrund von Futterresten und Fischfäkalien eutrophieren die Gewässer, Antibiotika und andere Chemikalien gelangen in die Umwelt. Auch benötigt man für die Fütterung von Garnelen, Forelle, Lachs und Co. große Mengen Wildfisch: „Fakt ist, dass eine Riesenflotte unterwegs ist, um zum Beispiel Sardellen vor Peru für Fischmehl zu fischen. So ist Aquakultur vielfach keine Lösung der Fischereikrise, sondern ihr Motor“, sagt Thilo Maack, der Meeresexperte von Greenpeace.

Das hat aber auch die Zuchtfisch-Industrie inzwischen erkannt. Will sie die Zahl ihrer Farmen und Fische weiter steigern, muss der Anteil an Fischmehl und -öl im Futter sinken. Mittlerweile beträgt er noch etwa 30 Prozent. Ulfert Focken, Professor für Aquakultursysteme an der Uni Hohenheim, erforscht deshalb, wie man einen Teil des tierischen Eiweißes im Fischfutter durch Rapsprotein ersetzen kann. „Die meisten Fische verdauen tierisches Protein besser als pflanzliches, aber durch eine Vorbehandlung des Futters und die Mischung verschiedener Pflanzenproteine verbessert sich die Verwertung des Fischfutters mit einem stärkeren pflanzlichen Anteil“, erklärt er. Der Geschmack des Fischs leide nicht darunter. Auch der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren liege genauso hoch wie in konventionell gefütterten Fischen, solange man gerade soviel Fischöl zugebe, wie die Tiere zum Leben brauchen, und nur in der letzten Lebensphase etwas mehr.

Doraden im Kokswerk

Auch die Verschmutzung der Gewässer versucht man einzudämmen. In Europa hat sich die Lage nach Aussage des Meeresbiologen Bela Buck vom Alfred Wegener Institut in Bremerhaven auf Druck der Politik hin verbessert: So sei etwa der Einsatz von Antibiotika stark zurückgegangen. Durch eine niedrigere Besatzdichte habe der Stresspegel und damit auch das Krankheitsrisiko abgenommen. Selbst der größte Lachszüchter der Welt, die norwegische Firma Marine Harvest, rühmt sich nun eines nachhaltigen Managements – in Europa zumindest. Schenkt man der WDR-Dokumentation Lachsfieber von 2010 Glauben, sieht es in den Marine Harvest Farmen in Chile aber noch anders aus: Der Besatz mit Fischen sei dort doppelt so groß wie in Europa, ins Futter kämen Tonnen Antibiotika, Chemikalien und die Farbstoffe der Käfige gelängen ungehindert ins Meer. „Marine Harvest macht nun dieselben Fehler, die sie vor 25 Jahren in Norwegen begangen hat, in Chile“, kritisiert Thilo Maack.

Dabei ginge es tatsächlich anders: Wissenschaftler und Firmen forschen an Anlagen mit einem weitgehend geschlossenen Wasserkreislauf. Das Wasser wird geklärt und größtenteils wiederverwendet. Prominentestes Beispiel hierzulande ist die geplante Anlage der Stadtwerke Völklingen im Saarland. Auf dem Gelände eines ehemaligen Kokswerkes sollen in vier jeweils 1.500 Quadratmeter großen Zuchtbecken das Meer simuliert und Doraden, Wolfsbarsche und Störe gezogen werden. Energie bezieht die Zucht von einer Biogasanlage auf dem Gelände, die wiederum mit dem anfallenden Fischkot betrieben wird. Der Haken des bizarren Projektes liegt in seinen derzeit noch immens hohen Investitionskosten. „Der Erfolg solcher Anlagen wird nicht in erster Linie von der technischen Machbarkeit abhängen, sondern davon, ob es den Betreibern gelingt, ihr Produkt im hochpreisigen Marktsegment – sei es Direktvermarktung oder der gehobenen Gastronomie – unterzubringen“, erklärt Focken.

Weltweit ebenfalls in der Erprobung befindet sich die Fischzucht auf offener See, das sogenannte Offshore-Farming. Mit den Plänen, in der Nordsee Offshore-Windanlagen aufzustellen, enstand am AWI die Idee, in deren Schutz Aquakulturen anzulegen. Bela Buck forschte zunächst an Miesmuscheln, Austern, Zuckertang und Rotem Meerampfer, Arten über die man viel wusste und die keine zusätzliche Nahrung benötigten. Seit einigen Jahren versucht Buck nun, zwischen den Beinen der monumentalen Windräder in einem 5.000 Quadratmeter großen Käfig Fische zu halten. „Dort herrschen harsche Bedingungen mit fünf bis zehn Meter hohen Wellen“, erzählt er. Doch mit zunehmender Tiefe nimmt ihre Wucht ab. Die Forscher versuchen herauszufinden, welche Arten sich dafür am besten eignen: „Am ehesten wird es ein Wolfsbarsch oder ein Plattfisch sein“, mutmaßt Buck, Kabeljau werde zu leicht seekrank und lebe am Meeresgrund, der Lachs zu weit oben an der Oberfläche.

Räuber füttern Muscheln

Organische Belastungen fallen aber auch hier an, selbst wenn Wellen und Strömung sie besser verteilen als an der Küste. Um die Verschmutzung auszugleichen, forscht man an Integrated Multi-Trophic Aquacultures (IMTAs). Darin werden Raubfischzuchten an Algen- oder Muschelbänke gekoppelt, welche das Wasser filtern und vom organischen Überschuss profitieren.

Die Idee ähnelt den traditionellen Reis-Fisch-Kulturen in Südostasien. Dort werden auf den überfluteten Reisfeldern ganz nebenbei schon seit Jahrtausenden Fische gezüchtet. Ulfert Focken zufolge drohte diese Praxis mit der Grünen Revolution in der Landwirtschaft zu verschwinden: Man baue seither eher Sorten an, die nicht so lange im Wasser stehen. Manche Felder werden nur noch zweimal im Jahr geflutet und ansonsten feucht gehalten. „Das reicht nicht mehr für das Wachstum der Fische. Entweder muss man vorgezüchtete Fische in die Felder setzen oder sie nach der Ernte herausnehmen und woanders weiterwachsen lassen“, erklärt Focken. Zudem brauchen die Fische tiefere Stellen, um vor der Hitze flüchten zu können: „Solange man mit einem Wasserbüffel gepflügt hat, war das kein Problem, aber ein Traktor säuft ab, wenn es plötzlich tiefer wird.“

Kein Siegel für bloße Versprechen

Dabei sind die Vorteile einer integrierten Reis-Fisch-Kultur groß: Man muss weder düngen noch spritzen. Der Fisch mobilisiert Nährstoffe aus dem Boden und frisst die Reisschädlinge. So benötigen die Untermieter auf den Feldern kein extra Futter. Tatsächlich nimmt die Zahl der Mischkulturen seit einiger Zeit wieder zu. Die FAO beziffert die Fischproduktion aus dieser Quelle für 2008 auf 1,2 Millionen Tonnen, rund 15 Prozent mehr als 2006.

Um Konsumenten auch fern der traditionellen Aquakulturen den Kauf nachhaltig produzierten Fischs zu erleichtern, erarbeitet der WWF derzeit mit Fischzuchtfirmen ein Nachhaltigkeitssiegel für Fisch aus Aquakulturen. Anlehnend an den Marine Stewardship Council (MSC) für gefangene Meeresfische soll das neue Zertifikat Aquaculture Stewardship Council (ASC) heißen. „Der ASC soll es dem Verbraucher ermöglichen, Einfluss zu nehmen, denn mit der Wahl nachhaltig produzierten Fischs wächst der Druck auf die Produzenten und den Handel“, erklärt Catherine Zucco, Fischerei-Expertin des WWF. Greenpeace-Experte Maack warnt aber davor, die Fehler bei der Vergabe des MSC beim ASC zu wiederholen: „Das Siegel sollte keinesfalls schon vergeben werden, wenn Firmen nur versprechen, dass sie die Kriterien erst in nächster Zukunft erfüllen“, meint er.

In einem aber sind Greenpeace und WWF sich einig: „Fisch sollte wieder mehr als eine Delikatesse betrachtet werden“, sagt Maack. „Das geht nur, wenn wir nicht jeden Tag Fisch essen, sondern weniger, aber dafür ausgesuchter.“ Wie beim Fleisch.

Ingrid Wenzl ist Politologin. Sie schreibt für den Freitag über Umwelt und Welternährung

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15:00 14.02.2011

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