Jetzt auch noch basteln

Die Ratgeberin Intervallfasten – das ist die neue Superkur. Aber warum dann auch noch auf Netflix verzichten?
Jetzt auch noch basteln
Ich schlafe nicht, ich faste

Foto: Miguel Villagran/Getty Images

Ich faste, während ich diese Worte schreibe. Gerade habe ich noch einen leckeren Teller Pasta gegessen, in der nächsten Pause werde ich vielleicht den letzten Schokohasen vernichten, mal sehen! Aber dazwischen – nichts! Absolute Nulldiät! Da hat mich eine Mail von Spiegel Wissen draufgebracht. Es sei, so der „Newsletter für ein besseres Leben“, wissenschaftlich erwiesen, „dass bereits stundenweise Fasten-Intervalle während des Tages viele gesunde Stoffwechselprozesse auslösen, die sonst durch lange Fastenkuren entstehen.“

Vor allem nachts verzichte ich deshalb jetzt komplett auf Essen. Von außen betrachtet scheine ich nur zu schlafen, tatsächlich aber faste ich. Das ist erlaubt. Als Intervallfastende darf ich meine Schlafstunden zu der 12- bis 14-stündigen Essenspause (Einsteigerlevel) hinzuzählen, die ich in einem 24-Stunden-Zyklus einhalten soll. Natürlich nur, wenn ich im Schlaf wirklich nichts esse. Das Irre an diesem propagierten Intervallfasten ist, dass ich es seit Urzeiten bereits praktiziere, es aber bislang teilweise mit „Verdauen“ verwechselte (die ersten Fastenstunden), teilweise mit „zu faul, mir was zu essen zu machen“ (die letzten Fastenstunden). Insbesondere letzteres hielt ich immer für recht ungesund. Irgendwann bin ich nämlich so ausgehungert, dass ich mich sehr schnell sehr vollstopfe. So voll, dass ich dann wieder stundenlang nichts mehr essen mag. Ein Teufelskreis. Das brachte mich jetzt auf die Idee, dass für mich vielleicht ein Intervallfasten während des Essens sinnvoll sein könnte. Also einen Bissen essen, dann wieder für eine Minute fasten. Ein enttäuschender Versuch.

Das schmackige Curry wurde von Bissen zu Bissen immer kälter. Bevor ich weitere Experimente mit wärmenden Babytellern starten konnte, erreichte mich schon der nächste Intervalltipp von Spiegel Wissen. Meinen „Smartphonekonsum“ soll ich auch reduzieren. Konsum?! Bei mir beträfe das vor allem den Konsum von Telefongesprächen, Stadtplänen, Suchmaschinen, meines Kalenders, des Weckers und – nun gut – auch von Musik und Nachrichten.

Da haben wir‘s. „Gehen Sie dabei ähnlich vor wie beim ‚echten Intervallfasten‘“, schreibt Spiegel. Und: Ich soll nicht so viel Netflix gucken. Sondern mich aufs Sofa setzen, nichts tun und warten, was ich für Einfälle habe. „Viele Leute, die sich eine Medienfastenkur auferlegen, beginnen am ersten Abend damit, zu basteln, zu werkeln oder aufzuräumen.“ Aufräumen?! Basteln!!?? Was denn basteln? Sind diese vielen Leute denn kein bisschen müde von ihrem Tagwerk? Sind die unausgelastet oder was ist falsch mit denen? Also bei mir funktioniert das nicht. Hat es noch nie.

Im letzten Jahrtausend las ich den Ratgeber Wie man einen verdammt guten Roman schreibt. Darin wird ausgerechnet: Wer auf Fernsehen verzichtet, kann jedes Jahr einen Roman raushauen. Von wegen: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon seit zehn Jahren keinen Fernseher mehr. Nicht nur habe ich keinen verdammt guten Roman geschrieben, ich habe überhaupt keinen geschrieben, nicht mal versucht. Meine Abende zu Hause liefen meist so ab: Ich hörte Musik und guckte in GEO-Heften, wie es anderswo aussah. Im Prinzip eine Vorform von Netflix. Eine richtige Sucht entwickelt sich da.

Stapelweise schleppte ich die Magazine für meine nutzlosen, eskapistischen Abende von der Bibliothek zu mir nach Hause. Was bin ich froh, dass es heute Netflix gibt. Und jetzt intervall-esse ich den letzten Osterhasen.

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

06:00 07.07.2018

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