Jetzt können wir uns treffen

Nachruf Am 1. Dezember ist Christa Wolf gestorben. Erinnerungen von Egon Bahr, Helen Fehervary, Daniela Dahn, Jana Hensel, Wolfgang Thierse und Wenzel an die Jahrhundertschriftstellerin

Einen Nachruf kann ich noch nicht schreiben

Christa Wolf ist eine große deutsche Schriftstellerin, nicht bloß eine ostdeutsche. Ich habe nicht in der DDR gelebt und finde keine Erklärung dafür, dass ihr persönlichstes Buch Ein Tag im Jahr in den bisher nur unvollständig gelesenen Nachrufen gar nicht vorkommt. 43 Jahre lang jeden 27. September zu beschreiben, den Alltag, Gedanken, Eindrücke festzuhalten, um dem Verschwinden der Realität ent­gegenzuwirken – da setzt sich ein Mensch der Selbstkontrolle aus, eigene Irrtümer und Entwicklungen zu dokumentieren.

Ich habe über sie und ihr Land dadurch mehr erfahren als durch ihre berühmteren Titel. Was bleibt ist eine Zeitgeschichte, die das beschreibt, was Westdeutschland bewegte und das in der DDR nur interessiert reflektiert wird: die Theorie der kleinen Schritte etwa, der Christa Wolf nicht mehr anhängt, die an tiefgreifende Veränderungsmöglichkeiten also nicht mehr glauben kann; oder an Wehners gegen die Ostpolitik gerichtete Äußerungen in Moskau. Die parallelen Überlegungen einer europäischen Kultur-Selbstreflexion überraschen, ob der weiße Mann den verschwenderischen Umgang mit Bodenschätzen oder sonstigen Reichtümern überleben kann. Zugegeben, das Buch ist keine Literatur, aber auch eine literarische Leistung einer Intellektuellen, die durch die Schule Hans Mayers und Blochs gegangen ist, jedenfalls ein markanter Teil ihres Werkes.

Noch überraschter bin ich, dass in den Nachrufen (Einschränkung siehe oben) die Stadt der Engel so wenig vorkommt, für mich das Opus magnum. Hier fühle ich mich als ungeteilter Deutscher angesprochen. Die Gedanken, die sie zur Selbsterforschung und Selbsterhaltung gibt, können ehemaligen wie jetzigen Landsleuten helfen, wobei die Autorin die eigene Analyse, unterstützt von der heiteren Klarheit des kalifornischen Himmels, bis zu einem Punkt führt, an dem ich dachte: Nun braucht sie eigentlich nichts mehr zu schreiben. Es ist Vollendung.

Die Trauer um Christa Wolf wird nicht geschmälert durch die Art, in der die Medien über ihren Tod berichtet haben. Im Fernsehen wurde wiederholt der Ausschnitt aus ihrer Rede vom 4. November 1989 gesendet: „Stell Dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg.“ Das grenzt an den verleumderischen, falschen Eindruck, Christa W. hätte damit die bisherige DDR verteidigt. Das Gegenteil war der Fall.

Auch gutwillige junge Wessis wissen kaum noch, wie lange Politik und Kirchen in Bonn darauf hingewirkt haben, dass zur Erhaltung der Substanz in der DDR Geistliche und Ärzte möglichst dort bleiben sollten. Das Regime wäre etwa Stefan Heym gern losgeworden. Bei Christa Wolf wird der unauslöschliche Makel konstatiert, den sie durch eine kurze IM-Zugehörigkeit nicht loswerden kann.

Als ich Christa W. zum ersten Mal begegnete auf einem Empfang, den Günter Gaus in der Ständigen Vertretung gab, hatte ich das Empfinden einer fast freundschaftlichen Nähe, obwohl wir nur wenige Worte gewechselt haben. Sie hat das später für sich auch bestätigt. Unsere Freundschaft lebte nicht davon, dass wir beide an einem 18. März geboren waren. Deutschland ist das einzige Land in Europa, das 45 Jahre lang geteilt war. Das hat in seinen beiden Teilen gebrochene Lebensläufe produziert. Viele Unbekannte haben darunter gelitten. Wir sollten uns dieser Gemeinsamkeit bewusst sein. Die Spaltung darf nicht über den Tod hinausreichen.

Egon Bahr war SPD-Bundesminister und gilt als Architekt der Entspannungspolitik der Ära Brandt

Geist der Aufklärung

In den Siebzigern repräsentierte Christa Wolf für uns das Beste am demokratischen Sozialismus wie am Feminismus. In ihrer Prosa brachte sie Empfindungen zum Ausdruck, für die wir noch keine Worte gefunden hatten. In den Achtzigern war sie eine unermüdliche Fürsprecherin von nuklearer Abrüstung, Frieden und globaler Gerechtigkeit. Ich habe ihren Mut und ihre feste Haltung aus erster Hand erlebt, als sie im Mai 1983 dem Präsidenten meiner Universitä

In den Neunzigern waren wir entsetzt über die Hexenjagd, die die deutschen Medien auf sie veranstalteten. Nordamerikanische Schriftstellerinnen wie Margaret Atwood schienen sie besser zu verstehen als viele der westdeutschen Literaten. Im Laufe der Jahre habe ich mir oft gewünscht, ihr Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, wäre nicht ganz so groß gewesen – eine Auseinandersetzung, die ihren Tribut an Leib und Seele forderte. In meinen Augen war ihr Vermächtnis ohnedies gesichert. Im Pantheon der Schriftsteller nimmt sie nun ihren Platz zwischen Heine, Kafka, Thomas Mann und Anna Seghers ein – ihren Vorgängern, die aus verschiedenen Gründen ebenfalls verleumdet worden waren, denen die Geschichte aber den ihnen gebührenden Platz eingeräumt hat. Möge sie dort ruhen, in Ehre und Frieden.

Helen Fehervary ist Professorin an der Ohio State University. Sie lernte Christa Wolfs Werk Ende der Sechziger kennen, die Autorin 1979

Ein Posten ist vakant

Ich weiß keinen Trost dafür, dass Christa Wolf nicht mehr lebt, außer dem, dass sie gelebt hat. Die Liebe zu Christa Wolf habe ich mit ungezählten Lesern in aller Welt geteilt. Aber mir war durch glückliche Umstände die Gunst zuteil, ihr seit meinem 16. Lebensjahr nah sein zu können. Dafür bin ich dankbar. Ihre Zugewandtheit zu Jüngeren, deren Fragen sie sich stellte und die sie mit ihrer unbedingten Moralität beantwortete, hat mich nicht weniger ­geprägt als ihre Bücher. In einem Literaturzirkel, zu dem sich eine Handvoll Schüler einige Jahre bei Wolfs zu Hause traf, sagte sie auch uns, was 1963 der sie beobachtenden Stasi aufgefallen war: Sie vertrete „die Meinung, dass sie das schreiben werde, was und wie sie es für richtig hält“. Wenn diese Meinung größtenteils dem widersprechen muss, was gehört werden will – darüber machten wir uns keine Illusionen –, hat solche Rigorosität bis heute ­ihren Preis.

Ihr Leben und Schreiben war gleichermaßen auf die Stärkung des Subjekts konzentriert – eine in allen Gesellschaften überlebensnotwendige Kraft. Und dann und wann hatte ich sorgenvoll den Eindruck, in dem Maße, in dem dieses Lebenselixier auf ihre Leser überging, verließ es sie selbst. Alle ihre Bücher entsprangen eigenen Lebenskonflikten, die zugleich zutiefst persönlicher wie gesellschaftlicher Natur waren. Sie lebten von der Spannung zwischen Traum und Realität, die Kunst braucht. Als Kritikerin der DDR-Zustände zerrieb sie sich an der Frage, wie die Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein muss. Und wurde dafür, mit West-Preisen hochdekoriert, auf einen Sockel gehievt, auf dem es zugig und einsam sein konnte.

Stellvertretend für viele in Ost und auch in West, die an der Utopie einer gerechten Gesellschaft festhielten, bleibt Christa Wolf auch im vereinten Land Dissidentin. Das war so nicht abgemacht. Unglücklich das Land, das Sündenböcke nötig hat. Die Destruktivität dieses archaischen Vorgehens hat sie durchlitten, auch in dem Bedürfnis nach quälender Selbstbefragung. Mit ihrem letzten Buch hat sie dazu ein kunstvolles Metagewebe aus selbstbewussten und zweifelnden, aus ironischen und traurigen Reflexionen hinterlassen – offener als je zuvor. Einmal mehr hat sie sich darin als die größte deutsche Schriftstellerin unserer Zeit erwiesen. Eine verlässliche Freundin, auf die zu blicken und mich zu beziehen ich gewohnt war, lebt nicht mehr. Ein Posten ist vakant.

Daniela Dahn ist Herausgeberin des Freitag

Alles Frauen, klar

Und plötzlich tritt man beim Lesen in Zwiesprache mit einer Toten. Man erschrickt bei diesem Gedanken. Bisher war es tröstlich erschienen, dass Christa Wolf nicht weit von einem selbst lebte. In derselben Zeit, im selben Land. Dass die Orte ihrer Texte Landschaften waren, die man kannte, die man dank ihrer mit anderen Augen sehen konnte; Mecklenburg zum Beispiel. Wie hat ein Freund nach ihrem Tod gesagt: Christa Wolf war immer für alle da. Auf einen einfacheren Nenner lässt sich ihre Poetik kaum bringen. „Mir kommt es so vor – es wäre gut, wenn ein Autor die Erfahrungen anderer Leute fast wie eigene erleben kann und die eigenen fast wie fremde“, sagte sie selbst einmal.

Wer Christa Wolf las, der begegnete in ihren Figuren und in ihr also sich selbst. Und umgekehrt. Denn genauso wird sie in ihren Protagonisten wie im fremden Leser sich selbst gesucht haben. Mit Egozentrik hat dieses Schreiben nichts zu tun, auch nicht mit Rollenprosa. Vielmehr wird alles scharf gegeneinandergeschnitten, auf dass es sich vereinigte oder noch radikaler: zur Auflösung brächte. In Kein Ort. Nirgends hat sie das fast programmatisch gesagt, als sie Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist einander begegnen lässt, obwohl beide sich zu Lebzeiten nie getroffen haben: „Es könnte der Mühe wert sein, ihre Unbedingtheit an der seinen zu messen. Vielleicht gibt es doch einen Menschen unter dem Himmel, dem er den Gram anvertrauen kann, der ihn aufzehrt. Man versteht nicht, was man nicht mit anderen teilt.“

Im Nachhinein ist es erstaunlich, wie früh Christa Wolf diesen Weg als den ihren erkannt hatte, wie früh sie zu ihrer Stimme, zu ihrem Ton, zu ihren Anliegen fand. Im Nachhinein erscheint ihr Werk, das in immerhin sechs Lebensjahrzehnten entstand, wie aus einem Guss, als ein homogenes, dichtes Netz, in dem alles mit allem verbunden ist. Christa T. ist dabei auch Kassandra, die Günderrode auch Medea. Allesamt Frauen, klar, keine Frage – jedoch ohne, dass eine von der anderen verdeckt würde. Im Gegenteil, sie alle treten nebeneinander, stehen auf den Schultern der jeweils anderen, werden größer dabei.

Jana Hensel ist Autorin des Freitag

Gesprächspartnerin

Christa Wolf und ihre Bücher haben mich mein Leben lang begleitet. Ihre Erzählung Der geteilte Himmel las ich als Student, ebenso den Roman Nachdenken über Christa T., der mich mehr überzeugte. Die Absage an den verordneten Optimismus und die Melancholie des Buches – sie hatten etwas Befreiendes! Spätestens seit Christa T. wartete ich gespannt auf das jeweils nächste Christa-Wolf-Buch, denn sicher war, es würde Anstöße bieten für kritische Debatten. Und hatte die DDR-Zensur es gewagt, ganze Passagen zu streichen wie bei Kassandra, kursierten im Freundeskreis Abschriften aus West-Auf­lagen. Kindheitsmuster, Kein Ort. Nirgends, Kassandra, Störfall, Sommerstück – diese Texte wirkten horizonterweiternd. Christa Wolf verweigerte sich glaubhaft den ein­fachen Erklärungen. Ihre leise, beharrliche Wahrhaftigkeit war Einspruch und Widerspruch gegen ideologische Verkommenheit. Auch ihr 1995 publizierter Brief­wechsel mit Franz Fühmann dokumentiert dies eindrucksvoll. Ihr letzter, großartiger Roman Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud ist ein Werk schmerzlicher Selbstbefragung, eine Inventur eigener Lebenserfahrungen in drei Systemen. Christa Wolf wird uns, wird mir fehlen – als Autorin, als Gesprächspartnerin, als moralische Autorität.

Wolfgang Thierse ist Vizepräsident des Bundestages

Du wirst singen

„So, jetzt habe ich endlich Zeit!“, sagte Christa Wolf am Abend nach der Preis­verleihung in der Kantine des Theaters Neubrandenburg. „Das Buch ist fertig. Jetzt können wir uns treffen. Wir werden kochen und du wirst singen!“

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Die Pflicht war erfüllt. Es war eine Pflicht sich selbst gegenüber, ganz protestantisch, die Zusammenhänge zu entwirren, der Geschichte Atem zu geben, um den Augenblick zu weiten, das Geschehene zu verstehen. So war es bei ihr immer. Ob im Osten, ob im Westen, die Welt bleibt immer die Welt. Die Opportunisten von dazumal und heute unterscheiden sich kaum. Sie treten aus ihren ideologischen Reihenhäusern und wissen wie immer alles besser.

Wo liegt die Landschaft eigentlich, in die man solche Haltung zu entsorgen sich müht, jene Gegend, wo der Pfeffer wächst? Christa Wolf gehört zu einer Literatur, die, wie Thomas Mann über Lion Feuchtwanger schrieb, „wissentlich den Boden abgrub im Auftrag des Geistes, der keine Selbstschonung duldet und alle Furcht niederhält.“ Sie schrieb um Würde. Sie hielt die Widersprüche in der Schwebe, suchte nach Auswegen für das zunehmend privatisierte Glück. Sie akzeptierte dabei eine Unfreiheit im weitesten Sinne, weil sie ihre Verankerungen in die Welt nicht kappte. Um keiner Mode, um keiner Macht willen. Die Signale, Krankheiten, Verletzungen, Unrecht und Lügen trafen sie existentiell. Das Verhängnis annehmen, wie Paul Flemming schrieb.

Sie steht damit in einer Tradition deutscher Literatur, von der wir immer wieder zu lernen haben, wie mühsam entfremdeten Verhältnissen Sinn abzuringen ist. Ihr Werk wird sich darin behaupten. Die Stadt, wo die Engel ihr so viele Lieder zuflüsterten, um der Sprachlosigkeit zu entkommen, war nur Zwischenstation. Die Zeit, auf die sie hoffte, schlummert in jenem zitierten Gedicht von Paul Flemming:

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!“

Wenzel ist Sänger, Musiker, Autor, Komponist und Narr

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14:10 08.12.2011

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