Jetzt schweigt der General

KSK im Einsatz Günzel-Vortrag mit Umtrunk fiel aus

Am Montag um 19 Uhr sollte ich nach Mainz fahren zum Deutschhausplatz 1 in den Wappensaal des Landtages Rheinland-Pfalz. "Kommando Spezialkräfte im Einsatz" hieß der Vortrag, zu dem mich am Mittwoch letzter Woche die Deutsche Atlantische Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr "herzlich" eingeladen hatte, inklusive Aussprache und Umtrunk. Ich sollte zusagen und wurde gebeten, in meinem Freundes- und Bekanntenkreis auf diesen Vortrag aufmerksam machen. Doch am Donnerstag erfuhr ich, dass - wie ich sicherlich der aktuellen Tagespresse entnommen hätte - der für diese Veranstaltung vorgesehene Referent, Herr Brigadegeneral Reinhard Günzel, durch den Herrn Bundesminister der Verteidigung seines Amtes enthoben sei, wodurch er "für unsere gemeinsame Veranstaltung leider nicht als Referent zur Verfügung stehen kann". Die Veranstaltung fällt aus, erklärte die Geschäftsstelle der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und entschuldigte sich: "Wir bedauern, Ihnen keine günstigere Nachricht geben zu können, hoffen aber auf Ihr Verständnis und verbleiben hochachtungsvoll."

Tut mir auch leid, aber mein Verständnis hat die Deutsche Atlantische Gesellschaft nicht. Ich hätte gern mehr über den Einsatz dieses Kommandos Spezialkräfte - KSK - erfahren, gerade aus dem Mund dieses Generals, dessen Offenherzigkeit schon legendär war, lange bevor er den CDU-Antisemiten und Reservemajor Martin Hohmann herzlich auf KSK-Briefpapier bat, sich nicht beirren zu lassen und "mutig weiter Kurs zu halten". Und hoffte, dass Hohmann mit seinen "Gedanken" über das jüdische Tätervolk "der Mehrheit unseres Volkes eindeutig aus der Seele" spreche.

Was Günzel zu sagen hat, muss uns alle interessieren. Schon 1995 klagte er dem damaligen Militärbischof Johannes Dyba aus Fulda, wie schwer es ihm falle, einer Bevölkerung zu dienen, die ein gestörtes Verhältnis zur Bundeswehr habe. Einer Bevölkerung, die das schöne Fallschirmjägerlied von 1940 Rot scheint die Sonne, fertig gemacht! fälschlich als Nazi-Lied diffamiere. Tatsächlich ist es sehr gegenwartsbezogen:

"Startet los, flieget ab, heute geht es zum Feind ...
Wir wissen nur eines, wenn Deutschland in Not,
zu kämpfen, zu siegen, zu sterben den Tod.
An die Gewehre, an die Gewehre.
Kamerad, da gibt es kein Zurück."

Dieses Deutschland in Not, das nach den Erkenntnissen des zuständigen Ministers am Hindukusch verteidigt werden muss, hat also die Bundeswehr, die es eigentlich gar nicht verdient. Während die Bundeswehr nach den Erkenntnissen des Generals nicht die Bevölkerung hat, der zu dienen der Bundeswehr leicht fallen könnte. "Man kann niemandem hinter die Stirn gucken", sprach am Dienstag Verteidigungsminister Struck und verband Günzels "Hinrichtung", wie Möllemann-Freund Kubicki am Sonntag bei Christiansen zu formulieren beliebte, mit einer ausdrücklichen Ehrenerklärung für die demokratische Integrität der Bundeswehr.

Dass er sich aber bedingungslos auf seine Leute verlassen kann, dessen war sich Günzel schon 1996 im sächsischen Schneeberg sicher. Als er dort im Naturschutzgebiet des Sandsteingebirges ein Manöver veranstaltete, stellten sich ihm und seiner bewaffneten Truppe organisierte Naturfreunde in den Weg. Er beschimpfte sie als "Berufschaoten". Später erklärte er nach Berichten der lokalen Presse: "Wenn ich meinem Fallschirmjägerbataillon . . . gesagt hätte: Kameraden, tretet nach hinten zur Pause weg und löst dieses Problem, es wäre in fünf Minuten gelöst gewesen". Und er fügte hinzu. "Wir haben, ich habe sehr die Faust in der Tasche geballt, um einen solchen Befehl nicht zu geben. Wir wollen eben nicht diese Bilder in der Presse."

Die Art, wie dieser General Probleme zu lösen wünscht, soll nicht in die Presse. Seine KSK-Leute waren zwei Jahre lang mit dem Lösen von Problemen in Afghanistan beschäftigt. Sie gelten als "Deutschlands härteste Kämpfer" (dpa). Und Günzel hat, wie die Stuttgarter Zeitung vermerkt, mit dem Kommando Spezialkräfte die "einzige Einheit der Bundeswehr kommandiert, die im Geheimen operiert und der parlamentarischen Kontrolle entzogen ist". Nicht einmal der Verteidigungsausschuss erfährt, was sie tut.

Der zuständige Referent für Spezialkräfteeinsätze im Verteidigungsministerium, Baur, hat kürzlich auf eine Anfrage geschrieben, dass "unsere Spezialkräfte" - deren Afghanistan-Einsatz "am 07.Oktober 2001" begann, also bevor der Bundeskanzler militärische Hilfe für die USA überhaupt erst ankündigte - die Aufgabe hätten, "Terroristen auszuschalten, Terroristen zu bekämpfen, gefangen zu nehmen und vor Gericht zu stellen sowie Dritte dauerhaft von der Unterstützung terroristischer Aktivitäten abzuhalten". Zwei Jahre danach gab und gibt es bei Abschluss dieses Einsatzes keine einzige Verlautbarung, wie viele Gefangene gemacht, vor ein etwaiges Gericht gestellt beziehungsweise, ob überhaupt je Gefangene gemacht wurden.

KSK im Einsatz in Afghanistan. Bilder in der Presse gibt es nicht, auch nicht Berichte. Es wäre eine einmalige Chance gewesen, diesen zu Recht entlassenen, aber so gar nicht verwirrten, sondern offenherzigen General am Mainzer Deutschhausplatz zu diesem Thema - samt Aussprache - zu hören.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 14.11.2003

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare