Jetzt werd doch endlich mal konkret!

Bad Reading Angepisst von ihrer Post-Brexit-Behördenprosa schmeißt Andreas Merkel Rachel Cusks „Kudos" an die Wand
Jetzt werd doch endlich mal konkret!
Aus dem „Transit " geht die Reise ins unkonkrete Irgendo namens „Kudos"

Foto: Martin Bernetti/AFP/Getty Images

Der Bad Reader hält sich auch weiterhin an die schöne Julio-Cortázar-Direktive „Hass auf die Literatur aus Liebe zur Literatur“ (Rayuela) im Mischungsverhältnis 2:1 für diese Kolumne (zwei schlechte Bücher gegen ein gutes). Was sich auf die Outline-Trilogie der in Kanada geborenen britischen Autorin Rachel Cusk mit ihren drei Romanen Outline, Transit und nun Kudos (alle seit 2016 in der Übersetzung von Eva Bonné im Suhrkamp Verlag erschienen) leider fast schon zu gut anwenden lässt. Denn Outline war vor drei Jahren der Roman der Stunde, der da weitermachte, wo Kollegen wie Knausgård und Carrère das Genre schon beerdigt hatten (Karl Ove: „Sie würden Freunden ja auch nicht von ihrem ausgedachten Urlaub erzählen.“). In Zeiten medialer Über- und Autofiktion (Selfies, Facebook, Netflix) verschwand Cusk, nach schonungslosen Autobiografien über Mutterschaft und Ehe als Englands „meistgehasste Autorin“ selbst unter Schreibblockade leidend, hinter ihrem Alter Ego Faye, das in Athen ein Creative-Writing-Seminar abhält – und auf dieser Reise einfach nur noch dem Leben der anderen zuhörte. Reiche Griechen auf Frauensuche, hoffnungsvolle Schreibschüler mit Haustieren oder frustrierte Kolleginnen (eine Dramatikerin, die nicht mehr schreiben kann, weil sie unter dem Zwang leidet, jede Geschichte unter einem Begriff zusammenzufassen: „Betrug“, „Angst“…).

Sie erzählen der ebenso aufmerksam Zuhörenden wie gekonnt Nachfragenden ihre Leben – was wiederum Cusk so nüchtern und gleichzeitig hoch sensibel zurückgenommen aufschrieb, als wäre sie Christoph Heins Claudia (aus Der fremde Freund) oder eine von Lou Reeds coolen Storytellerinnen: Rachel says. Das konzentrierte Erzählinteresse am anderen verlor sich dann bereits im zweiten Roman Transit etwas im Episodischen: Wir trafen Faye, geschieden, zwei Söhne, nun nicht mehr im Ausland, sondern zu Hause in London zwischen Wohnungssuche, Literaturfestivals und Familienessen wieder. Statt der kompakten Klammer einer Reise mit fremden Perspektiven bewegte sich Faye jetzt in ihrer Heimat wie durch Feindesland, traf Ex-Freunde, stritt sich mit neuen Nachbarn, ärgerte sich über das Mansplaining prominenter Kollegen auf gemeinsamen Lesungen.

Den Gesprächen, die sie hier führte, haftete jetzt etwas Ermüdendes und Genervtes an, Faye erschien jetzt verschlossener und mit einem unguten Hang zum Theoretisieren und rezensierenden Beobachten ihrer Umwelt: Rachel talks back, aber immer noch fair enough. Zwischendurch gab es immer noch großartige Begegnungen vornehmlich mit literaturbetriebsferneren Personen wie Friseuren oder osteuropäischen Handwerkern.

Und jetzt also der Abschluss der Outline-Triologie mit Kudos, trotz der leichten Transit-Enttäuschung zwischendurch mit Spannung erwartet. Am Anfang schöpft man noch Hoffnung: Faye ist wieder – wie zu Beginn der Trilogie in Outline – unterwegs zu einer Literaturveranstaltung in Südeuropa, und ein gesprächiger Sitznachbar im Flugzeug erzählt ihr seine privaten Krisen (er reist seiner Familie in den Urlaub hinterher und musste seinen Hund einschläfern). Aber der Dialog verläuft hochdistanziert und abstrakt-allgemein.

Statt Interesse am individuell verbindenden Einzelfall gibt es jetzt sentenzenhafte Post-Brexit-Behörden-Prosa in konjunktivistisch indirekter Rede mit desillusionierten deutschen Verlegern, larmoyanten Villen-Stipendiatinnen oder klugscheißerischen Mathe-Genies als Tourguides durch ungenannte Städte. Nichts mehr darf jetzt zu konkret werden, als würde das nur von der Allgemeingültigkeit der Erzählung ablenken (und die Autorin den Leser dauernd streng zur Rechenschaft ziehen: „Das braucht dich nicht zu interessieren.“). Dadurch klingen die Protagonisten in Kudos so überreflektiert wie „George Steiner in Therapie“ (wie der Guardian zurecht fand).

Ähnlich wie in Knausgårds Abschlussband Kämpfen hat man das Gefühl, dass eine erfolgreich eingeführte Erzählmethode als Masche exekutiert wird (oder werden musste?). Bevor das Buch an die Wand fliegt, schnell zum Ende geblättert. Und hier lässt uns Rachel Cusk zum Glück noch einmal mit Faye in einer feindseligen (Männer-)Welt allein, die einen so brillant verstört, dass man (Sorry, Spoiler) darauf zurückkommen muss: Faye legt sich irgendwo in Südeuropa an einen schmutzigen Strandabschnitt, der offenbar eine schwule FKK-Kolonie ist. Sie badet im Meer, als sich ein muskulöser Nackter „wie eine Gottheit“ ans Wasser stellt und lospisst: „Der Mann sah mich an, in seinen schwarzen Augen lag boshaftes Entzücken und die goldene Fontäne ergoss sich unaufhörlich, als würde sie niemals versiegen. Ich wurde von den Wogen emporgehoben wie auf der Brust eines seufzenden Lebewesens, in das der Mann sich entleerte. Ich schaute in seine grausamen, fröhlichen Augen und wartete darauf, dass er fertig wurde.“ Während man Cusk noch vorhalten könnte, was Faye auch so provokativ an einem Schwulenstrand verloren hat, staunt man über diese mutige Forcierung des ewigen Missverständnisses zwischen Frau und Mann, Autorin und Leser, Wahrheit und Dichtung – und möchte zumindest als Mann sofort die Seiten wechseln. Alleingelassener hat man selten ein Buch zugeklappt.

Info

Outline Rachel Cusk Eva Bonné (Übers.) Suhrkamp 2016 235 S., 19,95 €

Transit Rachel Cusk Eva Bonné (Übers.) Suhrkamp 2017 238 S. 20 €

Kudos Rachel Cusk Eva Bonné (Übers.) Suhrkamp 2018 215 S, 20 €

06:00 25.08.2018
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