Johanniskraut

DITTE KANN ICK OOCH Neue Texte für Berliner

Wer Berlin als "Moloch des ausgehenden 20. Jahrhunderts" bezeichnet, wird wohl aus Wien oder Wanne-Eickel kommen. Dass Berlin und seine Bewohner laut, dreist, inkompetent, grob und hektisch sind, dass der Berliner Humor sich eher wie Nato-Alarm verkündet, dass die Menschen Taxifahrer, Kellner, Hundebesitzer oder aber Rolf Eden und Désiree Nick sind, dass man Jogginghosen zum Smoking trägt und Makeup mit dem Turnschuh aufspachtelt, dass der Osten, dass der Westen ... Wenn man das inhaliert und als Rettungsring ausgehaucht hat, gehört man dazu. Nicht unbedingt zu den Berlinern, aber bestimmt zu denen, die ein Buch für Berlin-Anfänger schreiben können, in dem steht, wann man angekommen ist: "Man ist jetzt wer - nämlich Icke. Na ebend!" Die Lektüre gibt einem das ortsübliche Selbstvertrauen: Ditte kann ick ooch, wa! Und vielleicht kennt man ja auch einen Berliner, der sich auf seinem Niveau amüsieren will?

Carmen Böker u. Silvia Meixner: Wie werde ich ein Berliner?In 55 Schritten zum Hauptstädter. Verlag Bostelmann u. Siebenhaar, Berlin 1999, 192 Seiten, 24,80 DM

Fröhlich war's in den Goldenen Zwanzigern. Das hat so zu sein. Glaubt man Birgit Haustedt, haben die Frauen sich damals amüsiert, den Männern zum Trotz. Gelegentlich kurzatmig intimisierend, insgesamt unterhaltsam und informativ, werden sie hier zwischen Klatsch und Kennerschaft zu Paaren getrieben: Anita Berber und Va leska Gert, Claire Waldoff und Charlotte Wolff, Dora Benjamin und Helen Hessel, Erika Mann und Ruth Landshoff, Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl. "Leni und Marlene: Sie verkörpern den Aufbruch der Frauen in den Zwanziger Jahren, die Möglichkeiten und Grenzen..." Wer über solche Besinnungsabsätze hinweglesen kann, findet Les(b)enswertes über die Motorik des Berliner Moderne-Mythos.

Birgit Haustedt: Die wilden Jahre in Berlin. Eine Klatsch- und Kulturgeschichte der Frauen. Edition Ebersbach, Berlin 1999, 240 Seiten, 100 Abb., 49,90 DM

Wenn man bei Frauen und im Damals bleiben möchte, dann empfiehlt sich Gabriele Tergit. Sorgfältig zusammengestellt, bieten ihre Gerichtsreportagen ein exotisches wie erschreckend gegenwartsnahes Bild der Weimarer Republik. Seelenbetrug an Frauen und Körperverletzungen beiderlei Geschlechts. Curt Bois kostet der Tritt gegen eine Kollegin 600 Mark, der Umstand, dass ein Kommunist ihren Sang von roten Rosen und Kuss missverstand, zwei Männern etliche Backenzähne, was dem Zupackenden wiederum zehn Tage einbrachte. Durch die herrliche Lakonik Tergits ist das ein schieres Vergnügen - wären da nicht die zunehmenden Berichte über rechte Gewalt, Feme, Mord - und Freispruch. Auch das beschreibt sie mit einem Sarkasmus, dass einem graust.

Gabriele Tergit: Wer schießt aus Liebe? Gerichtsreportagen, Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1999 208 Seiten, 24,90 DM

Guten Abend! Hier ist William L. Shirer aus Berlin" - so beginnen die meisten der Rundfunkreportagen aus den Jahren 1939 und 1940, die sein Tagebuch aus dem Dritten Reich (Reclam Leipzig 1995) ergänzen. Der Nazi-Zensur unterworfen wie den Kommerzrücksichten der Autraggeber, fand er eine plastische Form der indirekten Information. Und durch die dominanten Meldungen der Politik und Militärs hindurch scheint das Leben in der Reichshauptstadt - Eintopfsonntage und Kriegsalltag. Im August 1940, nach dem ersten englischen Bombenangriff: "Fast jeder, den ich heute traf, konnte mit einer Handvoll Splitter aufwarten..." Das strich die Zensur, denn offiziell war nur eine Gartenlaube zu Schaden gekommen.

William L. Shirer: This is Berlin. Rundfunkreportagen aus Deutschland 1939-1940, Gustav Kiepenheuer-Verlag, Leip zig 1999, 416 Seiten, 49,90 DM

Vom Alltag der Katastrophenzeit zum Sonntag der aufgebrochenen Mitte. Tiefe Tristesse durchzieht die eindrucksvollen Fotos von Rolf Zöllner im Band über den Spleen von Berlin. Totensonntag, will einem scheinen, liegt seit 1989 über Prenzlauer Berg und Brandenburger Tor. Trostloser kann es unter Honecker nicht gewesen sein als auf diesen Bildern der neuen Mitte. Doch da sind noch die Texte von Jutta Voigt. Teils aus Zeiten der Wochenpost, teils neu - in dichtem Konzentrat, was man an ihr schätzt: abgeklärte Teilnahme, die selbst dann nicht zwinkert, wenn sie innerlich grinst. Von der Lektüre gleitet der Blick zurück. Das eine oder andere Foto beginnt zu zwinkern. Düsternis löst sich in hellere Melancholie. Ein bemerkenswertes, ansehnliches Buch, ganz ohne Frage. Aber bloß für den Teatable ist es zu schade. Vielleicht trinkt man etwas Johannis kraut beim Blättern?

Jutta Voigt und Rolf Zöllner: Der Spleen von Berlin, Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1999, 126 Seiten, 76 Abb., 39,90 DM

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00:00 14.01.2000

Ausgabe 42/2021

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