SUVs im Ruhrpott

Mafia In Joner Storesangs rasentem Ruhrpottthriller „Perfect World“ scheint nichts, wie es ist
Filmreif und von Natur aus plastisch: der Ruhrpott und seine Bewohner
Filmreif und von Natur aus plastisch: der Ruhrpott und seine Bewohner

Foto: Artem Budaiev/Unsplash

Noch gar nicht so lange ist es her, da war das Bedrohlichste, was man „aus dem Osten“ zu erwarten hatte, die „Russenmafia“: finstere Schlägertypen in dunklen Anzügen und schwarzen SUVs. Von diesen gibt es einige in Joner Storesangs spritzigem Thriller Perfect World. Nichts scheint, wie es ist.

Evas perfekte Welt ist schon zu Beginn aus den Angeln gehoben. Daniel, ihr Ehemann, ist so gut wie spurlos verschwunden – nur die Familienkutsche steht irgendwo verlassen in der Duisburger Rheinaue. Eigentlich war doch Verlass auf den Gatten gewesen, und Sex war doch auch immer noch Teil der ehelichen Abmachung. Insofern mischen sich Zweifel in die naheliegende Vorstellung, er habe gewissermaßen einen polnischen Abgang gemacht.

Und es kommt natürlich noch ärger. Eva sitzt nicht nur alleine da und weiß nicht genau, wohin mit sich selbst, ihren bösen Gedanken und den gemeinsamen Kindern. Das sind der siebenjährige, etwas altkluge Marc und die pubertierende Johanna. Die verlassene Eva wird zu allem Überfluss aus ihrem Job gemobbt. Eben noch war sie als Social-Media-Beraterin des (fiktiven) Duisburger Oberbürgermeisters wichtiges Mitglied des Wahlkampfteams. Aber gleich, als es imagemäßig nicht mehr so läuft, wird sie zum Bauernopfer im Spiel der – na ja, sagen wir mal – mittelwichtigen Politiker. Für alle Menschen um sie herum ist sie erkennbar die „gehörnte Versagerin“.

Als dann auch noch beinahe ihre Kinder von den oben erwähnten dunklen Kloppern entführt werden, sind kaum 50 Seiten ausgelesen, und man befindet sich immer noch im Startprozess einer brutalen Pechrakete. Man kann ganz gut nachvollziehen, dass Eva bei all dem Chaos ein wenig die Orientierung verliert, wem sie noch trauen soll. Der Typ, der ihr bei Marcs Entführung zur Seite gestanden hat, stalkt sie. Die Anwältin ihres jetzt Ex-Chefs ist eh unsympathisch und Franka, die geheimnisvolle Unbekannte, die in der Nachbarschaft des von Evas Mann heimlich bezogenen Refugiums wohnt, kommt als Vertraute auch nicht infrage (obwohl Johanna sie ganz cool findet). Wer weiß, was die alles mit Daniel im Schilde geführt hat?

Eva ist eine Kämpferin. Für ihre Kinder und die Rettung der Familie stellt sie sich jeder Gefahr. Unterstützung bekommt sie dabei von ihrer Freundin Ellie, einer Ostpolitik-erprobten Journalistin, und einer zwielichtigen NGO, dem „Center“. Diese Organisation steht Evas guter Sache zwar bei, verfolgt aber auch eigene Interessen ...

Man merkt Joner Storesangs „perfekter Welt“ an, dass ihr Erschaffer ein erfahrener Drehbuchautor ist. Viele Szenen aus dem Roman sind filmreif und plastisch. Alle Orte der Handlung – die Rheinaue, das unverdächtige Reihenhaus und später der Flugzeug-Hangar – könnten ebenso gut auch Filmsets sein. Aber der Roman ist noch mehr als schlichtes Krimimaterial. Storesang spielt souverän mit Rückblenden und Bewusstseinsströmen. Eisern wird aus Evas Perspektive erzählt. Sein Figureninventar speist sich zwar zum Teil aus den schwankenden Gestalten des Mafia-Universums, bietet aber andererseits genügend Einfälle, dass der Spaß am Lesen nicht auf der Strecke bleibt. Ein bisschen scheint das Buch aus der Zeit gefallen. Die Oligarchen, die in Storesangs Perfect World noch Kinder entführen, finanzieren in der „Real World“ einen brutalen Angriffskrieg auf die Ukraine. Aber, dass Lokalpolitiker krumme Geschäfte mit Mächten machen, denen sie nicht gewachsen sind, ist nicht völlig fern der Realität. Und was kann der Autor eines Ruhrgebietskrimis schon für die Kriegsspiele eines irren Diktators?

Info

Perfect World. Nichts scheint, wie es ist Joner Storesang Grafit Verlag 2022, 304 S., 13 € oder als Hörbuch auf Audible

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