Joschka dünn - Prozent dahin

Sportplatz Ein Läufer hat viel Zeit zum Nachdenken. Joschka Fischer ist so einer, der viel läuft. Da kann er schwitzend grübeln, warum seine Partei seit 17 ...

Ein Läufer hat viel Zeit zum Nachdenken. Joschka Fischer ist so einer, der viel läuft. Da kann er schwitzend grübeln, warum seine Partei seit 17 Wahlen negative Ergebnisse erzielt und nebenbei verliert er Pfund um Pfund. Die Politikwissenschaft indes hat es bisher versäumt den Zusammenhang zwischen Sport und Ideologie, genauer zwischen der Laufleidenschaft des grünen Impressarios und der erhaltenen Prozentanteile bei Wahlen zuerkennen. Das Ergebnis einer solchen Analyse allerdings wäre furchterregend: Joschka dünn - Prozent dahin!

Es gibt dicke Menschen und es gibt dünne Menschen. Manchmal entscheiden sich Menschen, ihren Körperumfang zu verändern: Sie nehmen ab. Andere nehmen zu - dies allerdings meist unfreiwillig. Der Außenminister zählt zu den Menschen, die abgenommen haben. Das war irgendwie sympathisch. Zeigt, dass Politiker eben Menschen mit dicken Fettpolstern sind und keine metallenen Maschinen. Das wissen wir, weil wir es verfolgen konnten und weil er darüber ein Buch geschrieben hat.

Das Abnehmen bleibt allerdings nicht ohne Folgen für die Persönlichkeit. Yin und Yan, es hängt schließlich alles mit allem zusammen. Manchmal machen Menschen, die abnehmen wollen eine Diät. Sie wandern durch grüne Wälder, trinken grünen Tee und essen Grünkernsuppe. Joschka Fischer hingegen lief. Denn jeder Provinz-PR-Manager weiß, dass Laufen natürlich besser in Szene zu setzen ist als Hungern. Es ist kein Zufall, dass sämtliche US-Präsidenten der letzten 30 Jahre täglich ums Weiße Haus getrabt sind. Laufen wirkt kraftvoll, vital und energisch.

Und hier kommen wir zum eigentlichen Problem: Laufen und grüne Identität. Träger kleinbürgerlicher Grundhaltungen sind, nach Pierre Bourdieu, solche Menschen, die für einen bestimmten Einsatz ein bestimmtes (messbares) Payback erwarten.

Das "ungeheuerliche Auswringen des körperlichen Gewebes" (Roland Barthes) des grünen Parteivorsitzenden offenbart jedoch eine zutiefst kleinbürgerliche Geisteshaltung: Laufen unterliegt dem "Gesetz des Tauschs" - und führte die Grünen ins Verderben. Denn der lange Lauf Joschka Fischers produzierte mit jedem Meter eine zunehmend bürgerlichere Auffassung der Welt. Endlich hatte das von ihm investierte Kapital (Zeit, Geld für Laufschuhe und Trainingshose) einen kontrollierbaren Ertrag. Nämlich: Ein nasses T-Shirt und schwere Beine. Laufen, vor allem der Marathon, ist in bezug auf die Transpiration ein ergiebiger Sport. Zwei bis drei Liter Schweiß bringt das, sagt man. Wahrscheinlich waren die ersten Laufschuhe Fischers ein Werbegeschenk des Deutschen Industrie- und Handelstages, der in einer konzertierten Aktion, die deutsche Republik vor dem grünen Untergang retten wollte.

Damals, als die Grünen noch erfolgsverwöhnt waren, hat da jemand Joschka laufen sehen - von Wasserwerferweglaufsprints einmal abgesehen? Kein Wunder, dass die Übernahme zutiefst bürgerlicher Grundhaltungen, die politisch progressive, deshalb sportlich träge Stammwählerschaft verunsichert. Yin und Yan halt. Und doch, die Grünen dürfen Hoffnung haben. Denn die politische Zähmung des Außenministers zwingt ihn immer weiter in äußerst fetttreibende bürgerliche Rituale: Ausschweifende Diners, Kaminabende mit gutem Rotwein und ein voller Terminkalender (im Wahljahr 2002 wird´s noch enger mit Laufterminen). Der Effekt: Joschka hat keine Zeit mehr zu Laufen und nimmt wieder zu. Das konnten wir in buntbebilderten Magazinen lesen, im Fernsehen verfolgen: sein Anzug spannt schon wieder. Im dialektischen Umkehrschluss hieße dies: Rückkehr zu altgrünen Pölsterchen und Positionen, die seinerzeit zu Erfolgen führten. Ein regungsloser Außenminister ist in diesem Sinne das Beste, was den Grünen passieren kann.

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00:00 01.02.2002

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