Journalismus im Untergrund

Medien Unsere Kolumnistin denkt über die Zukunft des Journalismus nach – und landet in einer Dystopie
Wo erfährt man die Wahrheit, wenn sie verboten wurde?
Wo erfährt man die Wahrheit, wenn sie verboten wurde?

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Wenn Julia morgens die Zeitung aufschlug – oder vielmehr ihre App per Sprachbefehl öffnete, denn aufgeschlagen hatte man Zeitungen, als sie noch aus Papier waren – swipte sie am liebsten zuerst durch die kleinen Meldungen aus der Region. „Milchration in Oberbossenheim von 30 auf 25 Milliliter pro Tag erhöht“, hieß dort eine Überschrift. Sie stutzte. Solche Absurditäten fielen ihr in letzter Zeit häufiger auf. Eigentlich las sie das Blatt weniger wegen der Inhalte, sondern eher, um sich insgeheim zu amüsieren und gleichzeitig etwas zu gruseln. Früher hatte sie selbst als Journalistin gearbeitet, bis in die 2020er-Jahre. Aber irgendwann konnte sie ihren Job bei der Redaktion der Kleinen Oberbossenheimer Volkszeitung nicht mehr mit gutem Gewissen vertreten. Selbst recherchiert wurde schon lange nicht mehr. Stattdessen leiteten die Distributoren – ihre damalige Berufsbezeichnung „Journalistin“ war ziemlich veraltet – nur noch weiter, was offiziell mitgeteilt wurde. Politikerinnen, Ministerien, Unternehmensbosse, alle wandten sich über eigene Kanäle an die Öffentlichkeit. Passierte etwas Wichtiges, ploppte ein Fenster in der Augmented Reality der Bürger auf und die Nachricht wurde eingespielt. Was wichtig war, bestimmten das Informationsministerium, seine Landes- oder Kommunalbehörden. Vor ein paar Tagen wurde die Mitteilung „Castingshow sucht doppelplusgute Talente – jetzt bewerben“ auf diese Weise verbreitet.

Entscheidende Fragen hatten sich in den vergangenen Jahren verschoben: Was darf eine Gesellschaft wissen, was muss sie sogar wissen? Und was liegt nicht im öffentlichen Interesse? Früher hätte sie auf die ersten beiden Fragen geantwortet: Politische und gesellschaftliche Missstände, Ungerechtigkeiten, Korruption, Kriegsverbrechen.

Das waren noch Zeiten gewesen zu Beginn des Jahrtausends, bevor Journalismus nach und nach mit Spionage gleichgesetzt wurde. Zwar hatte die Branche auch damals schon über Dinge wie prekäre Arbeitsbedingungen, Medienkonzentration und natürlich das Internet gejammert. Aber nach dem internationalen Signal durch das große Gerichtsverfahren in Virginia - der Gründer einer Leak-Plattform war im Zusammenhang mit der Veröffentlichung geheimer US-Regierungsdokumente zu 175 Jahren Haft verurteilt worden – war es auch hierzulande ziemlich schnell gegangen.

Eine in den 2010er-Jahren angekündigte Gesetzesänderung, die angebliche „Beihilfe zum Landesverrat“ straffrei stellen sollte, war im Sande verlaufen. Zuerst wurden große Recherchen wie die Cum-Ex-Files 2018 für strafbar erklärt. Aber auch Julias Recherchen, wie die Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten bei einem Oberbossenheimer Bauprojekt und Missbrauch in einem städtischen Kindergarten, waren bald mit der Begründung „Kommunalverrat“ eingestellt worden. In einigen Metropolen gab es noch unabhängige journalistische Redaktionen im Untergrund. Wenn man Glück hatte, konnte man die Berichte im Darknet 3.0 finden, bevor sie gelöscht wurden. Julia scrollte weiter. „Von 30 auf 25 Milliliter erhöht. Und morgen erklären sie uns, dass zwei plus zwei fünf ist“, dachte sie.

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