Jugend in der Vorstadt

Pop „Missing“ machte sie berühmt. Jetzt erzählt Tracey Thorn von dem Ort, an dem alles begann

„Wegen der Bahnstation ist hier eine disparate Pendlersiedlung mit ein paar Läden in Bahnhofsnähe entstanden. Dass hier überhaupt Wachstum jeglicher Art stattgefunden hat, ist höchst bedauerlich.“ Ein Satz wie ein Messer, er findet sich 1944 im sogenannten Greater London Plan, mit dem die Expansion der Metropole systematisiert werden sollte. Ein bisschen wurde in Brookmans Park in Hertfordshire dann doch noch weitergebaut – aber 1959 ist Schicht.

Tracey Thorn wuchs hier auf, und wenn sie in Ein anderer Planet über diese Jugend schreibt, dann schwingt obige Geschichte immer mit. Eine Jugend in Suburbia lautet der Untertitel des Buches. Ihr Suburbia ist also eine Gemeinde, die sich in einem eigenartigen Schwebezustand befindet. Geografisch – das ist nicht London, nein, keinesfalls. Und nicht ländlich genug, um als Dorf durchzugehen. Es gibt ein Zentrum, denn Brookmans Park wurde als autarker Ort entworfen. Tankstelle, Zahnarzt, Hotel mit Saal und sechs Zimmern, alles ist da, alles andere weit weg, selbst, wenn es nah ist. Was es nicht gibt, ist Kultur. Neben dieser örtlichen Situation ist der Schwebezustand auch ein emotionaler. Wie wird man groß, wenn die Ordnung, die einen umgibt, eine so genau strukturierte ist?

All das ist der Resonanzboden für das dritte Buch von Tracey Thorn, die in den 1980er- und 1990er-Jahren als Sängerin des Duos Everything But The Girl zu einem der klügsten Köpfe der britischen Popmusik wurde. Sie verschränkt diese soziokulturelle Vorstadtgeschichte mit ihrer eigenen Teenagerzeit, sucht retrospektiv nach Verbindungen. Dafür dient ihr Tagebuch von 1975 bis 1981, und wenn man jetzt diese 40 Jahre alten Eintragungen liest, ergibt diese Verschränkung unbedingt Sinn. Denn das Vorstadtleben definiert sich ohnehin dadurch, dass wenig passiert. In einer Vorstadt, bei der die Weiterentwicklung gekappt wurde, nimmt man das Nichts noch anders wahr: „Mit Deb nach St Albans gefahren, nach Hatfield, Potters Bar und Barnet!!! Nichts gekauft außer einem Schreibblock mit den Peanuts drauf“. „Mit Liz am Nachmittag in Potters Bar, weil sie sich Ohrlöcher stechen lassen wollte, ging aber nicht.“ So lesen sich die ersten Notizen, die die 13-jährige Tracey macht. Mit der Zeit entdeckt sie andere Welten, vor allem die der Disco, die noch nicht eine richtige Disco, sondern eine Veranstaltung im eingangs erwähnten Hotel ist, wo sie auch in die örtlichen Balz-Rituale eingeführt wird. Später dann: Selbstermächtigung, erste Schritte mit ihrer Band Marine Girls. Gegen Ende des Buches ruft sogar der Drummer der TV Personalities an, um ihr einen Gig anzubieten!

Retrospektiv verbindet Thorn also diese Tagebuchnotizen mit dem großen Ganzen. Dabei ordnet sie ihr Teenager-Ich in die damalige Zeit ein, ohne allzu harsch zu werten, auch, wenn sie sich über einige Dinge wundert – etwa darüber, wie wenig sie damals die Rollenverteilungen hinterfragte, wenn es zur Sache ging zwischen ihr, 13 Jahre alt, und den Jungs, „älter, immer älter“, einer fährt schon Auto. „Es kommt mir komisch vor und irgendwie schlimmer, als wenn Dreizehnjährige mit anderen Dreizehnjährigen hinter den Fahrradständern rummachen (…). Ich wusste nicht, dass ich noch ein Kind war. Und den Jungs war es sowieso egal.“ Thorn untersucht weiter die Gründe, warum ihre Eltern damals überhaupt in die Vorstadt zogen, berichtet sehr persönlich aus deren Leben, aber auch aus ihrem eigenen, heutigen.

Am Ende sitzt sie, es ist die Gegenwart, am Bahnhof von Brookmans Park und wartet auf ihren Zug nach London. Ein Schulmädchen kommt die Stufen herunter auf den Bahnsteig, „sie hat Kopfhörer auf und lacht mit Blick auf ihr Handy“. Thorn senkt den Blick, als sie wieder aufschaut, ist das Mädchen verschwunden. Vielleicht war es ein Geist aus der eigenen Vergangenheit.

Info

Ein anderer Planet. Eine Jugend in Suburbia Tracey Thorn Conny Lösch (Übers.), Heyne Hardcore 2021, 240 S., 20 €

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