Vampirfilm „Blutsauger“: Wonach das Kapital dürstet

Kino Julian Radlmaiers Vampirfilm „Blutsauger“ erzählt ironisch und abgründig von Klassenkampf und Ausbeutung
Ist das hier die „Einsaugung lebendiger Arbeit“, wie Marx sie beschrieb?
Ist das hier die „Einsaugung lebendiger Arbeit“, wie Marx sie beschrieb?

Foto: Grandfilm

Es ist das Jahr 1928 und ein etwas unscheinbar dreinblickender Mann (gespielt vom georgischen Regisseur und Absolventen der Berliner Filmhochschule DFFB Alexandre Koberidze, dessen Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? erst vor wenigen Wochen im Kino startete) steht in Frack und Zylinder an einem Ostseestrand. Er wird sich als der Sowjetunion entflohener russischer Aristokrat ausgeben und, als dies als Lüge auffliegt, den Namen Ljowuschka zulegen. So nämlich wurde er, wie eine Rückblende zeigt, von Sergei Eisenstein (Anton Gonopolski) während der Dreharbeiten zu dessen Film über die Oktoberrevolution genannt, in dem Ljowuschka Leo Trotzki verkörperte. Bei der Premiere aber hatte er feststellen müssen, dass seine Szenen auf Anweisung von Stalin rausgeschnitten worden waren.

Finanznöte und Verliebtheit

Aber Ljowuschka kann trotzdem nicht vom Schauspieltraum ablassen. Nun will er sein Glück in Hollywood versuchen. Für die Reise dahin muss er in diesem deutschen Ostseebad, in dem er vorerst gestrandet ist, noch irgendwie Geld auftreiben. Die spontane Bekanntschaft mit der attraktiven und mondänen Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg) kommt da natürlich sehr gelegen. Octavia, vom Wohlstand und der Schnöseligkeit ihres Standes endlos gelangweilt, bleibt an Ljowuschka interessiert, selbst als auffliegt, dass er kein Baron ist. Und er scheint in ihr bald mehr zu sehen als eine Geldgeberin, die seinen Schauspieltraum wieder aufleben lässt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebe über die Klassenschranken hinweg, könnte man meinen.

Dass der Plot von Blutsauger aber auf keine fade Romanze hinausläuft, kann sich denken, wer Regisseur Julian Radlmaiers sehenswertes Spielfilmdebüt Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes (2017) gesehen hat. Darin spielte Radlmaier als Jungregisseur Julian eine Version seiner selbst, einen jungen Filmemacher, der in Finanznöte und eine nicht erwiderte Verliebtheit geraten und gezwungen ist, als Ernteaushilfe auf einer Apfelplantage anzuheuern. Harsche Arbeitsbedingungen und stetig wachsender Druck von oben sorgen bald dafür, dass sich die Erntehelfer zu einem Arbeitskampf formieren, dem sich Julian galant entzieht, um – ganz der opportunistische Individualist – lieber an einem Film über den hier entstehenden kommunistischen Traum zu arbeiten.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes war eine amüsante antikapitalistische Reflexionsübung, deren prägnante Stilmittel auch in Blutsauger erkennbar sind: Die Besetzung besteht – neben ein paar hochkarätigen Schauspieler*innen wie Lilith Stangenberg, Corinna Harfouch und Andreas Döhler – zum großen Teil aus Laiendarstellern, die sich hauptsächlich aus Radlmaiers Freundes- und Bekanntenkreis rekrutieren. Die sehr pointiert formulierten Dialoge werden von allen mit großer Monotonie abgespult, wodurch ein ironieverstärkender Effekt entsteht, wie man ihn etwa auch aus den Filmen von Yorgos Lanthimos (The Lobster) kennt. Und eine wilde Ansammlung ideologie- und gesellschaftskritischer Ideen fügt sich zu einem zunächst abstrusen, aber bald stimmigen Ganzen zusammen.

Eine sich regelmäßig in den Dünen treffende Marx-Lesegruppe steht für die Kernidee von Blutsauger: Eifrig diskutiert man über eine den Vampirismus thematisierende Passage aus Das Kapital. Selbstverständlich dreht sich diese um Vampirismus im Sinne von kapitalistischer Ausbeutung und der, wie Marx es formulierte, „Einsaugung lebendiger Arbeit“ durch das Kapital. Aber in dem Ostsee-Örtchen, das Ljowuschka aufgesucht hat, greifen schon seit einiger Zeit Gerüchte über echte Vampire um sich, da immer mehr Einwohner*innen über seltsame Bisswunden klagen. Das Lokalblatt führt diese auf „chinesische Flöhe“ zurück, gegen die nur die Salbe „Flambows Fetisch“ aus der Fabrik von Octavia Flambow-Jansen helfe. Dass Octavia selbst die Übeltäterin und Blutsaugerin ist, bleibt dem Publikum nicht so lang verborgen wie den zwei Männern, die um ihre Gunst buhlen: Ljowuschka und Octavias Diener Jakob (Alexander Herbst), die beide von ihrem Glauben an eine alle Klassenschranken überwindende Liebe geblendet sind.

Nur Rassismus eint sie alle

In drei Kapiteln erzählt Radlmaier eine mit Ironie und Absurdität gespickte Geschichte über Ausbeutung und Klassenunterschiede, die sich auch in Reflexionen über Freizeit und Faulheit niederschlägt: Während sich Arbeiter wie Jakob und Ljowuschka nach mehr Macht über ihre Zeit und der Möglichkeit zum Durchatmen und Gedankenschweifen sehnen, müssen sie damit rechnen, dass ihnen Faulheit vorgeworfen wird. Ausufernde Freizeitvergnügungen und der dazugehörende Ennui bleiben das Privileg der hier karikierten Oberschicht, die sich ihre Zeit mit Bonmots, Besäufnissen und eben Blutsaugerei vertreibt. Und dann, gerade als die Einwohner*innen sich dessen bewusst werden und zum Angriff auf Octavia übergehen wollen, werden sie von dem aufgehalten, was tatsächlich alle Klassen eint und Schranken überwindet: Rassismus.

Die Gegenwart scheint also durch in Blutsauger, und zwar – ebenso wie die Vampirismus-Passage aus Das Kapital – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Zum einen hat Radlmaier auf exaktes Zeitkolorit seiner in den 1920ern situierten Geschichte verzichtet, er lässt Containerschiffe am Horizont auftauchen und Octavia ein froschgrünes Kawasaki-Motorrad fahren. Zum anderen haftet dem Kern seines Plots eine zeitgemäße Bereitschaft zur Hinterfragung eines vermeintlich alternativlosen Wirtschaftssystems und seiner ideologischen Auswüchse an. Dies ist ungeheuer eigenwillig als tragikomische Farce inszeniert, die so pointiert wie anregend daherkommt.

Info

Blutsauger Julian Radlmaier Deutschland 2021, 125 Minuten

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