Jung, schnell und international

Eine private Elite-Universität Die Hamburger Bucerius Law School will die Besten der Besten ausbilden. Studierende müssen sich den hohen Standard etwas kosten lassen

Der Rasen auf dem Innenhof ist englisch kurz. Neugepflanzte Bäume säumen die Gehwege. Kein Kaffeebecher liegt umher, und jene studentischen Handzettel, die woanders zu Solidarität mit Gott und der Welt oder zur nächsten Demo aufrufen, fehlen hier gänzlich.

Der Campus der Bucerius Law School in der Hamburger Innenstadt macht einen aufgeräumten, gepflegten, ja smarten Eindruck. Zum "Schnuppertag" in der privaten Hochschule für Rechtswissenschaft sind Abiturienten aus dem ganzen Bundesgebiet ins ehemalige Gebäude des Botanischen Instituts der Universität Hamburg angereist. Rund 50 zumeist junge Zuhörerinnen und Zuhörer haben sich im Nixdorf-Saal, benannt nach dem verstorbenen Computerpionier aus Paderborn, eingefunden. Sie sitzen auf raffinierten Drehstühlen, vor edlen Holzpulten und Mikrofonen am Platz: Wahrlich, in diesem Hörsaal, wie in allen anderen Räumen, ist an nichts gespart worden.

Pressesprecher Benedikt Landgrebe trägt die Leitlinien der privaten Hochschule vor. "Wir legen die Inhalte fest", sagt er, "daher gibt es keine Reibungsverluste. Die Studenten stehen in enger Kooperation mit den Professoren." Kein Zweifel, das Lerntempo ist hoch, die Rede des Pressesprechers schnell. "Hier kann sich keiner was vormachen, an jedem Semesterende wird geprüft", führt der alerte Öffentlichkeitsarbeiter aus. "Hier wird auf den Zahn gefühlt. Wir wollen, dass Sie das Studium schnell durchziehen." Dabei ist die Bucerius Law School ausdrücklich international ausgerichtet. Jeder, der hier die Hochschulbank drückt, absolviert obligatorisch ein Auslandssemester. "Es werden Praktikumsplätze angeboten, an die woanders nur schwer ranzukommen wäre", frohlockt Landgrebe.

Vor vier Jahren wurde die Bucerius Law School gegründet. Sie ist die erste private Hochschule für Rechtswissenschaft in Deutschland. Zu 60 Prozent wird sie von der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius finanziert. Die fehlenden 40 Prozent des 8,5 Millionen teuren Jahresetats wird über Studiengebühren und Spenden gedeckt. Die Liste der Spender ist lang: Sie reicht von den Stiftungen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Deutsche Bank und Commerzbank über den Luchterhand Verlag bis hin zum Gerling Konzern und privaten Spendern.

Das vierjährige Studium kostet mit jeweils drei Trimestern à vier Monaten satte 33.000 Euro. "Kein Instrument, um nur Reiche hier her zu holen", versichert Landgrebe. "Wir bieten den Studenten ohne finanziellen Hintergrund die Möglichkeit an, bei der Hochschule ein Darlehen aufzunehmen, das sie dann später in ihrer Berufszeit zurückzahlen."

Schnell ist Schluss mit Schnuppern: Nach einer zügigen Mittagspause führt Prof. Dr. Hans Kudlich ohne lange Vorrede in die Materie ein. Der Professor, selbst erst 33 Jahre alt, verwickelt die Jurastudenten in spe in einen Rechtsdiskurs. Er behandelt einen Fall aus dem Erbrecht: Reicher Mann stirbt und hinterlässt drei Testamente. Wer bekommt das Geld, wie nun richten? "Strukturell sind wir doch die Erbengeneration." Kudlich meint, mit der Wahl des Fallbeispiels das Interesse des Auditoriums geweckt zu haben.

Wird die Bucerius Law School als Musterhort privater Bildung in Zukunft auch für andere Fächer Schule machen? Ist das jener Typus Hochschule, der den viel zitierten Wettbewerb um die Gunst der guten, talentierten und ambitionierten Studenten gewinnt?

Das Interesse seitens der Abiturienten ist groß, trotz des hohen Anforderungsprofils. In den letzten beiden Jahren nahmen rund 400 Bewerber und Bewerberinnen an den Auswahltests der Bucerius Law School in verschiedenen Städten teil. Nur wer den Test besteht, wird in die engere Auswahl nach Hamburg eingeladen, wo dann die 100 Besten der Besten ausgewählt werden. Der Abiturnotendurchschnitt der Studienanfänger liegt bei stolzem 1,5. Und dies, obwohl kein Numerus Clausus erhoben wird.

Einer der 400 Studierenden der Bucerius Law School ist der 23-jährige Benedikt Laudage. Als Studentenvertreter erzählt er am Schnuppertag den Schnuppernden, welche Möglichkeiten ihnen die private Hochschule bietet. Zum Beispiel, dass die Bibliothek sieben Tage die Woche geöffnet ist. Laudages Vater ist Professor für Geschichte, seine Mutter Lehrerin. Benedikt hat fünf weitere Geschwister. "Meine Eltern könnten mir die Ausbildung hier gar nicht finanzieren. Mein Vater meinte am Anfang sogar, dass es der größte Humbug sei, sich hier zu bewerben, wo man doch überall gratis Jura studieren könne", erinnert sich der Student im achten Trimester. "Inzwischen hat er aber seine Meinung geändert." Der sympathische junge Mann begreift sich keinesfalls als einer Elite zugehörig. Er meidet diesen Begriff, der für ihn keine Rolle spielt. Ihm kommt es mehr auf die Qualität der juristischen Ausbildung an. Und die bekomme er, so der Turbo-Jurastudent, reichlich geboten. Dafür bürgen zwölf Lehrstühle und eine Schar von wissenschaftlichen Assistenten.

"Nein, ich schlafe nicht in der Bibliothek", antwortet Laudage schmunzelnd auf eine Frage aus den Reihen der Abiturienten. "Wir haben nur in der Woche Unterricht und am Samstag machen wir unsere Prüfungsarbeiten." Ist das Niveau höher als an staatlichen Universitäten? "Ich habe hier bisher 50 Scheine gemacht. Wäre ich an die staatliche Universität gegangen, dann hätte ich erst sechs ableisten müssen", unterstreicht er das intensivere Studium an der Privatuniversität, deren Studenten dasselbe Staatsexamen ablegen wie die Kandidaten der staatlichen Rechts-Fakultät. "Das, was ihr im Abitur lernt, lerne ich in einer Woche."

Stefanie Nosko ist beeindruckt. "Ich finde es toll hier", begeistert sich die Schülerin aus Treptow-Köpenick. "Meine Schwester studiert an der Berliner Humboldt Universität. Da sind alle Veranstaltungen so voll, dass man gar nicht mehr zu den Vorlesungen gehen mag." Auch von Ambiente und Architektur des alten Gebäudes und dem Neubau eines Auditoriums, für dessen Erwerb und Renovierung rund 34 Millionen Euro ausgegeben wurden, ist sie angetan. "Allein das ist schon motivierend."

"Ist das hier aber wirklich alles so nett wie es auf den ersten Blick aussieht?" will Julia Hübner aus der Nähe von Frankfurt wissen. "Unsere Studierenden arbeiten hart, aber wir vergnügen uns auch, nicht nur im Paragrafendschungel", entgegnet PR-Chef Landgrebe. Die junge Frau aus Hessen ist sich sicher, "Jura werde ich machen". Aber wo? In Hamburg, an dieser Privatschule? An einem privilegierten Ort, wo die viel beschworene "Modernisierung der deutschen Juristenausbildung" schon längst vollzogen ist und wo die Lehre etwas entrückt vom studentischen Leben, den Schwingungen der Straße und so manchen Alltagsrealitäten stattfindet? Julia Hübner ist skeptisch. Erfährt man hier das wirkliche Leben, über das man später, ob nun als Richter, Rechts- oder Staatsanwalt, richten soll?


00:00 23.04.2004

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