Jung, wild und hilflos

Biografie Der Berliner Kommunist und Jude Werner Scholem ist kaum bekannt. Zu Unrecht, wie zwei neue Sachbücher zeigen
Wolfgang Walkiewicz | Ausgabe 44/2014 1
Jung, wild und hilflos
Man attestierte Scholem ein „bewegliches Naturell“
Foto: Privatarchiv Renee Goddard

Weimar-Buchenwald, 17. Juli 1940: Der SS-Hauptscharführer Blank ruft den Häftling Scholem aus der Kolonne Steineträger II zu sich. Beide gehen Seite an Seite. Plötzlich zieht Blank die Pistole. Es gibt keine direkten Berichte über die Tat. Auf der Schreibstubenkarte des 44-Jährigen findet sich der übliche Vermerk „auf Flucht erschossen“. Scholem trug das gelbe Dreieck und den roten Winkel, das Stigma des Juden und Kommunisten. Zudem war er Anhänger Leo Trotzkis. Wurde er Opfer der „roten Kapos“, wie ein trotzkistischer Mithäftling behauptete? Oder reichte es den SS-Schergen, dass er der Werner Scholem war?

In der BRD gehörte Werner Scholem zu den Vergessenen, er war der „unsichtbare Bruder“ des Religionsphilosophen Gershom Scholem. Ein öffentliches Erinnern an einen Kommunisten war undenkbar. In der DDR des Thälmann-Kults galt er, wenn er Erwähnung fand, als „trotzkistischer Parteifeind“. Eine gewisse Präsenz gewann Scholem um die Jahrtausendwende als literarische Figur bei Alexander Kluge (Lebendigkeit von 1931) und Hans Mangus Enzensberger (Eine posthume Unterhaltung).

Gleich zwei Biografien rücken nun endlich diese scheinbare Randfigur ins Zentrum; kein leichtes Unterfangen, seine umfangreichen Kriegstagebücher beispielsweise sind in deutschen Ämtern verschwunden. Wer war Werner Scholem? Man könnte sagen: ein unbedingter jüdischer Kommunist im Zeitalter der Extreme. „Scholem sah sich als deutscher Kommunist, während er in den Augen der anderen der jüdische Revolutionär war“, schreibt die Historikerin Mjrjam Zadoff in ihrer Biografie. Opposition hat Werner wie sein zwei Jahre jüngerer Bruder Gershom im Berliner Elternhaus gelernt. Der Vater reagiert in autoritärer Hilflosigkeit auf das „bewegliche Naturell“ seiner vom Zionismus bewegten jüngsten Söhne. Im Gegensatz zu Gershom schließt sich Werner früh der Sozialistischen Arbeiter Jugend an. Der Krieg verstärkt seinen Antimilitarismus, er demonstriert in Uniform gegen den Krieg und erfährt Denunziation, Klassenjustiz und Gefängnis. Auch privat ist er unbeugsam: Nach seiner Haft heiratet er seine Jugendliebe, die Kontoristin Emmy Wiechelt, ein mehrfacher Affront gegen seinen Vater: Die Ehe ist nicht standesgemäß, die Braut eine nichtjüdische Sozialistin.

Die Partei

Mit der Novemberrevolution wird diese kriegserfahrene, radikale Jugend zur Gründergeneration des deutschen Kommunismus, wie der Historiker Ralf Hoffrogge in seiner Biografie formuliert. In diesem Kontext verkörpert Scholem den modernen jüdischen Revolutionär. Während der Bruder sich politisch zurückhält und schließlich nach Palästina migriert, wird er ein „Tatmensch der Partei“, zunächst der USPD, dann der KPD. Er, der Antimilitarist, nimmt die Metaphern des Kriegs mit in die Zivilgesellschaft. Mit den Worten Hoffrogges: „Disziplin und Gehorsam waren nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.“

Als Redakteur der Roten Fahne sucht man Werner Scholem wegen Hochverrat steckbrieflich. Das Mitglied des Preußischen Landtags und später des Reichstags beweist, dass der Vergleich mit den Jakobinern nicht unangebracht ist. Fassungslos müssen sich bürgerliche und sozialdemokratische Parlamentarier von diesem jungen Wilden abkanzeln lassen. Als einer der ersten Abgeordneten warnt Scholem scharf vor Faschismus und Antisemitismus.

Wie viele kommunistische Intellektuelle lebt Werner Scholem in der heute schwer vorstellbaren Naherwartung der Revolution. Die Einheitsfront mit der SPD-Führung wird nach den traumatischen historischen Erfahrungen dogmatisch abgelehnt. Nach dem Scheitern des „Schlageter-Kurses“ und des „Deutschen Oktober“ 1923 schlägt die Stunde der „Linken Opposition“. Auf Druck der Kommunistischen Internationale wählt der Parteitag Ruth Fischer, Arkadij Maslow und Scholem in die Zentrale. Letzterer übernimmt den Parteiapparat. Sofort leitet er die „Bolschewisierung“ der Partei ein. Sein Ziel: die Schaffung eines „Funktionärkörpers“ mit entsprechender „Körperschaftsdisziplin“. Das bedeutet Säuberungen und Kontrolle überall. Mit dem Fraktionsverbot wird die innerparteiliche Demokratie abgeschafft. Scholem zeigt sich immer misstrauischer, schreibt gar einen Artikel mit dem Titel Feinde Ringsum.

Wolfgang Walkiewicz bloggt als wwalkie auf freitag.de

Zwar wird die KPD tatsächlich stabilisiert, doch leitet die Aufstellung Ernst Thälmanns auch im zweiten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl 1925 Scholems Abstieg ein. Öffentlich erscheint die KPD auf einmal als Steigbügelhalter der Reaktion. Die Führer der Ultralinken werden ihrer Ämter enthoben und ausgeschlossen. Scholem wird Opfer seiner eigenen Politik des Fraktionsverbots; Stalin will, dass der authentische Proletarier Thälmann die Partei führt. Den jüdischen Intellektuellen denunziert man nun als „Kleinbürger“, „Schädling“, „Eiterbeule“. Eine kurze Zeit bleibt ihm sein Reichstagsmandat. Sein gefürchteter Radikalismus ist hilflos geworden.

Die Vereinsamung

Am 23. April 1933 werden Emmy und Werner Scholem wegen Hochverrats festgenommen. Wieder einmal. Diesmal aber beginnt eine traurige Leidensgeschichte. Der „rote Hiob“ ist den anderen, den braunen „Unbedingten“ in die Hände gefallen. Emmy erreicht Haftverschonung und entscheidet sich 1934 zur Flucht nach England. Werner hat im März 1935 seinen Hochverratsprozess, seinen letzten, wird überraschend freigesprochen und sofort in Schutzhaft genommen. Damit, schreibt Zadoff, betritt er „eine Art dystopisches Exil auf deutschem Boden“. Scholem durchläuft die Lager Lichtenburg, Dachau, Buchenwald. Man demütigt ihn: Für die Ausstellung Der ewige Jude nimmt man ihm, als Anschauungsmaterial, eine Gipsmaske ab, Goebbels prangert ihn öffentlich an. Seine kommunistischen Mithäftlinge isolieren den „Parteischädling“. Scholem vereinsamt in der über siebenjährigen Gefangenschaft. Alle Versuche, ihn herauszuholen, scheitern.

Beide Werke sind äußerst informativ. Hoffrogges Politische Biographie ist zugleich eine Geschichte der Linken in der Weimarer Republik. Spannend gerät die leicht ironische Konfrontation der historischen Fakten mit den Fiktionen von Kluge und Enzensberger. Zadoff nimmt dagegen das soziale Netzwerk Scholems in zunehmend antisemitischer Umwelt in den Blick, fokussiert auf die Familie, die kluge Mutter, die Kinder und vor allem die beeindruckende Vita der leisen Heldin Emmy, die bei weitem nicht auf die Ehefrau eines Kommunisten zu reduzieren ist. Man wünschte sich, auch ihre Biografie zu lesen.

Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem Mirjam Zadoff Hanser 2014, 384 Seiten, 24,90 €

Werner Scholem. Eine politische Biographie (1895–1940) Ralf Hoffrogge UVK (Universitätsverlag Konstanz) 2014, 496 Seiten, 24,99 €

06:00 12.11.2014

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