Jungs, hier kommt der Masterplan

Essay Warum eine neue Männerpolitik nötig ist, die im Dialog mit Frauen die Dinge verändern will
Thomas Gesterkamp | Ausgabe 25/2016 3
Jungs, hier kommt der Masterplan
Superman hat’s heute auch nicht mehr so leicht
Foto: Adam Berry/Getty Images

Männerpolitik ist ein interpretationsbedürftiges Wort, das oft falsch verstanden wird. Ist der herkömmliche Politikbetrieb nicht schon immer Männerpolitik gewesen? Im Sinne der Besitzstandswahrung männlicher Privilegien? Männerpolitik in einem emanzipatorischen Kontext aber meint den Versuch, männliche Interessen, Bedürfnisse und Diskriminierungen unter geschlechterpolitischen Aspekten zu betrachten und entsprechend Einfluss zu nehmen – als eigenständige Ergänzung von Frauenpolitik.

Denn gleichberechtigte Strukturen können die Geschlechter nur gemeinsam erreichen. Männerpolitische Anliegen sind dabei kein bloßes Anhängsel von Frauenförderung. Diese Deutung hat sich aber noch nicht überall durchgesetzt. Geschlechterpolitik war lange Zeit ausschließlich Frauensache und wurde von den Akteurinnen auch so definiert: als Gleichstellungsstrategie „von und für Frauen”, als Ausgleichspolitik, bei der Frauen gewinnen und Männer auf Vorrechte verzichten sollten.

Im Ministerium angekommen

Selbst Männer, die mit frauenpolitischen Zielen im Grundsatz sympathisierten, hatten in diesem Umfeld wenig Gelegenheit, eine produktive eigene Sichtweise einzubringen. Männer waren bei der Institutionalisierung von Frauenanliegen seit den 1980er Jahren, als in Behörden und anderen Institutionen die ersten Frauenbeauftragten ihr Amt übernahmen, schlicht keine Adressaten von Gleichstellungspolitik. Männer galten nicht als hilfsbedürftig und damit nicht als förderungswürdig. Sie schienen in keiner Lebenslage Benachteiligungen zu erfahren oder „Opfer“ zu sein.

In Österreich war 2001 deshalb die Aufregung groß: Das Wiener Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz richtete damals eine „Männerpolitische Grundsatzabteilung“ ein. Anfangs stand das Projekt stark in der Kritik, unter anderem, weil die rechtspopulistische FPÖ die Initiative unterstützte. Vor allem aber fürchteten Frauenverbände die Umschichtung von Fördergeldern zu ihren Lasten. Der Wirbel um die neue Männerpolitik hat sich gelegt; das zuständige Ressort wird schon lange sozialdemokratisch geführt.

In Deutschland kündigte 2009 eine schwarzgelbe Koalition eine „eigenständige Jungen- und Männerpolitik“ an. Im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend entstand ein Jahr später das Referat 415 „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer“, allerdings nur gering budgetiert. Immerhin wurde dem Thema damit aber erstmals institutionalisierter Raum zugestanden. Abgesehen von dem ausgelagerten Projekt „Neue Wege für Jungs“, das männlichen Jugendlichen Perspektiven in erzieherischen und pflegerischen Berufen ermöglichen wollte, hatte zuvor keine Regierung männerpolitische Akzente gesetzt.

Im Gegensatz zur österreichischen Situation, wo die Grundsatzabteilung isoliert im Sozialministerium platziert wurde, ist das deutsche Männerreferat fest integriert in die Abteilung Gleichstellungspolitik im Familienministerium. Die strukturellen Voraussetzungen für einen geschlechterpolitischen Dialog sind also gegeben, ein produktiver Austausch mit der Frauenpolitik könnte beginnen. Doch gibt es dafür genügend Spielräume in einer eher unbeweglichen Behörde? Auf jeden Fall brauchen die interessierten Akteurinnen und Akteure in den Institutionen zivilgesellschaftliche Unterstützung von außen.

Dringend notwendig ist dafür, zwischen Männern und Frauen das Täter-Opfer-Schema zu überwinden. Einige der Themen, die von Männerrechtlern ständig skandalisiert werden, sind in der Tat brisant – auch wenn die abenteuerliche maskulinistische Interpretation, schuld daran sei ein „feministischer Gouvernantenstaat, alles andere als gesprächsbereit daherkommt.

Ein paar Beispiele: Nicht alle Jungen, aber besonders Schüler aus bildungsfernen Schichten und Migranten haben mehr Schwierigkeiten als Schülerinnen. Und nur langsam etabliert sich auch für Männer eine spezifische und vom Staat finanziell unterstützte Gesundheitsberichterstattung – angesichts der über ein halbes Jahrzehnt geringeren Lebenserwartung war diese schon lange überfällig. Dass Gewalt nicht nur von Männern ausgeht, sondern sich oft auch gegen sie richtet, ist ein unterbelichtetes Thema. Und bei so mancher Trennung werden Kinder zum Faustpfand in Beziehungskonflikten instrumentalisiert, das Nachsehen hat dabei meist der Vater.

Aus all dem lässt sich natürlich keine flächendeckende gesellschaftliche Diskriminierung des Mannes qua Geschlecht ableiten. Ein vorbehaltloser Blick auf mögliche Nachteile männlicher Lebensentwürfe ist dennoch sinnvoll. Kooperationsbereite Initiativen wie das Bundesforum Männer, das sich im November 2010 als Pendant zum Deutschen Frauenrat gegründet hat, können hier eine wichtige Rolle spielen. Neben kirchlichen Gruppen und Sozialverbänden arbeiten dort auch Jungenarbeiter, Väterinitiativen und Wissenschaftler mit. In den zehn Grundsätzen wird der „konstruktive Dialog zwischen den Geschlechtern“ befürwortet. Männeranliegen müssten mehr Beachtung finden, fordert das Forum, das sich von antifeministischen Strömungen ausdrücklich distanziert hat und die Zusammenarbeit mit Maskulinistenvereinen wie MannDat oder Agens ablehnt.

Nicht im luftleeren Raum

Der Rollenwandel von Frauen bewegt sich nicht im luftleeren Raum. In der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen, aber auch im Alltag privater Beziehungen hängt er stets zusammen mit dem Rollenwandel von Männern. Zumindest Teilgruppen der Männer wollen sich verändern; sie sind „in Bewegung“, wie es die Männerstudien von Paul Zulehner und Rainer Volz zuletzt 2009 formuliert haben. An der vielfältigen Realität heutiger „Männlichkeiten“ gehen zum Beispiel Beschreibungen wie „Scheu vor dem feuchten Textil“ (wenn es um die Beteiligung der Männer an der Hausarbeit geht) vorbei.

Ausdruck einer stetigen Veränderung sind zudem die von den zuständigen Ministerien organisierten internationalen Tagungen zur Männerpolitik. Die erste Veranstaltung dieser Art fand 2012 in Berlin statt, im Herbst 2014 folgte ein zweiter Kongress in Wien. Im Oktober dieses Jahres wird ein Treffen in Luxemburg folgen. Zumindest im deutschsprachigen Raum ist der Dialog zwischen Männer- und Frauenpolitik also ein Stück vorangekommen.

In vielen Praxisfeldern (und erst recht in der Förderpraxis der Europäischen Union) aber überwiegt immer noch ein Denken, das Geschlechterpolitik nahezu mit Frauenpolitik gleichsetzt. Auch der erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung blieb konzentriert auf Frauenbelange. Die Autoren benannten zu Recht weibliche Benachteiligungen am Arbeitsmarkt, vermieden aber weitgehend Themen wie Gesundheit oder Gewalt, bei denen auch männliche Probleme hätten sichtbar werden können.

Männer bilden aber ebenso wenig wie Frauen eine einheitliche Gruppe. Wenn Geschlechterforscher von „hegemonialer Männlichkeit“ sprechen, beschreiben sie das offensichtliche Übergewicht von Männern an der Spitze von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Andererseits sind schlecht qualifizierte Männer besonders häufig arbeitslos, leiden Trennungsväter unter der Abwesenheit ihrer Kinder, birgt der traditionelle männliche Lebensstil ein hohes Gesundheitsrisiko. Die einstigen Helden der Industriearbeit ausgemustert; ein Erziehungssystem mit fehlenden männlichen Bezugspersonen; eine Krebsprävention, die als zweitrangig gilt: Das sind keine Erbsenzählereien, sondern Facetten von nicht durchgängig vergoldeten Männlichkeiten – und damit bedeutsame Themen eines „gegenderten“ Blicks auf sämtliche Politikfelder.

Dass das Wort „Männer“ in den Titeln der zuständigen Stellen, in den Bezeichnungen für Kommissionen oder Expertisen meist fehlt, ist keine Formalie. Darin drücken sich vielmehr, bei allem gutem Willen Einzelner, inhaltliche Nachrangigkeit und strukturelle Missachtung aus.

Förderprogramme für Jungen oder mehr Männerforschung an den Universitäten müssen keineswegs automatisch zu Lasten einer nach wie vor notwendigen Frauenpolitik gehen. Angesichts von Etatkürzungen und Sparprogrammen grassiert zum Teil berechtigt die Angst, der zu verteilende Kuchen werde nicht größer, sondern eher kleiner. Eine produktive Zusammenarbeit in Geschlechterfragen setzt aber voraus, dass die Anliegen der Männerpolitik von aufgeschlossenen Frauen und ihren Organisationen unterstützt werden.

Thomas Gesterkamp ist Publizist und in mehreren männerpolitischen Initiativen aktiv. Zuletzt erschien von ihm Jenseits von Feminismus und Antifeminismus (Springer VS)

06:00 06.07.2016

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