Jüngstes Gericht

Zeitgeschichte Der lettische Regisseur Herz Frank dreht 1987 das Porträt eines Doppelmörders im Todestrakt. Er gilt als Begründer der "Rigaer Schule des poetischen Dokumentarfilms"

Ein kleiner Junge – wie alt mag er sein, drei Jahre vielleicht – sitzt im Zuschauerraum eines Theaters. Neben ihm seine Mutter und noch andere Kinder. Man sieht ihre Gesichter, alles Übrige ertrinkt im Schwarz des Saals. Musik erklingt. Doch die Bühne sieht man nie. Was man sieht, ist die Reaktion des Jungen auf das Geschehen dort. Er weint, er lacht, er möchte schreien, sich verkriechen, fürchtet sich, er atmet erleichtert auf – während vor seinen Augen, für uns unsichtbar, das Gute gegen das Böse kämpft. Zehn Minuten. Zehn Minuten reift ein Kind heran, in Echtzeit. Ohne Schnitt. Einmal schwenkt die Kamera, zeigt die neben ihm Sitzenden, kehrt zurück. Der Kleine geht über emotionale Höhen und Tiefen, wir sehen ihm in die Seele.

10 Minuten älter heißt der Kurzfilm. Ein Meisterwerk des dokumentarischen Kinos. Der lettische Regisseur Herz Frank, am 17. Januar 86 Jahre alt geworden, hat ihn 1978 gedreht. Hercs Franks – so heißt er auf Lettisch – lebt heute in Israel. Einige seiner Filme gibt es auf youtube, auch die berühmten 10 Minuten älter Was wohl aus dem Kind im dunklen Saal geworden ist?

In offenen Särgen

Mir begegnete der Name Herz Frank zum ersten Mal vor 25 Jahren. Ich war in Moskau, wir besuchten sowjetische Kommilitonen, die am Schauspielstudio des Moskauer Künstlertheaters lernten. Oleg Tabakow, der das Studio leitete und den Sie vielleicht als jungen Mann kennen aus dem großartigen Film Leuchte mein Stern, leuchte, gab den Salieri in Peter Shaffers Erfolgsstück Amadeus. Außerdem gastierten in der Stadt gerade die Wiener Cats. Der Fluss Moskwa war grau und in Nebel gehüllt, Michail Gorbatschow hatte Glasnost und Perestroika ausgerufen und sein berüchtigtes Alkoholverbot verhängt. Gesoffen wurde trotzdem. Nach so einem durchzechten Abend begleitete ich einen Studenten morgens zu seiner späten Taufe. Ich geriet in eine völlig überfüllte, prunkvolle Kathedrale. Tausend Kerzen nahmen einem die Luft zum Atmen, die Mütterchen standen dicht gedrängt. Keine Chance für sie, zu den Altären und Ikonen der Heiligen durchzudringen. Also wurden die Kerzen, die sie ihnen zu Ehren entzünden wollten, durch die Menge gereicht. Männer, die ich nicht sah, sangen gregorianische Choräle; dort fand offenbar die Taufe statt. In offenen Särgen neben mir lagen drei tote Frauen, so alt und verschrumpelt wie die Mütterchen um mich her.

Dann gingen wir ins Kino. Da läuft ein Film, den muss man gesehen haben, der Regisseur heißt Herz Frank! Der Raum war schwarz gestrichen und nicht größer als ein Schulzimmer. Высший Суд hieß der Film – Oberster Gerichtshof. Diese letztrichterliche Instanz meinte natürlich auch: „Jüngstes Gericht“. Unter diesem Titel lief der Streifen im Panorama der Berlinale 1988. Das Rigaer Filmstudio, das Franks Filme produzierte, stand in der Sowjet­union auf einem Außenposten wie das Litauische in Vilnius, das Georgische in Tiflis oder das Aserbaidschanische in Baku. Der Verleih war zentralistisch organisiert – ein religiöser Titel nicht denkbar. Aber der Film lief. Und alle verstanden ihn.

Ein Gerichtsurteil wird verkündet, ein Zug fährt zum Knast. Hierher kommt ein Mann, ein Doppelmörder, er sitzt in seiner Todeszelle, der Regisseur spricht mit ihm. „Mein Vater war nicht ehrlich“, sagt der Verurteilte. „Er versuchte, sich meine Anhänglichkeit buchstäblich zu erkaufen, und ich spielte mit seinen Gefühlen. Ich war das Streitobjekt meiner Eltern, eine Trumpfkarte. Unsere Familie fiel auseinander.“

Der Mann bereut seine Taten. Das Urteil steht fest. Der Film stellt die Frage nach Gesetz oder Gnade, Strafe oder Vergebung. Er ist ein Appell gegen die Todesstrafe. Über seine Zeit in der Zelle sagt der Todeskandidat: „Ich lese, dann vergesse ich mich ganz. Die Handlung nimmt mich gefangen, und ich leide mit dem Helden. Dann erwache ich, greife zum nächsten Buch. Dann nehmen die Träume überhand und ich kann nicht mehr lesen. Ich habe Angst. Schrecken suchen mich heim, alles erdrückt mich. Die Situation, in der ich bin, und was geschehen wird mit mir. Natürlich glaube ich nicht an Gott, ich habe auch keine Angst vor dem Tod an sich, aber vor dem Urteil, dem ich dort begegne. Kein Richterspruch oder Gott. Es ist was anderes. Wohl das, was man Gewissen nennt.“

Ein Verbrecher sprach über sein Seelenleben! – Heute stehen Prozessberichte in jeder Zeitung, es wird über die Psychologie von Tätern geredet und gerätselt. Damals war das außergewöhnlich. Schon dass der Knast und die Zelle gezeigt wurden, empfand ich als Sensation. Der Film griff ein Tabu auf. Er sah und sagte, was ist. Nicht, was sein sollte oder verlautbart wurde. Er war aufrichtig.

Der Oberste Gerichtshof und der Streifen 10 Minuten älter zeigen, wozu der Dokumentarfilm unter den Bedingungen der Zensur fähig gewesen ist. Der eine übernahm die Rolle, die dem Journalismus zusteht, die der jedoch kaum erfüllte: eine Öffentlichkeit herzustellen, Glasnost. Der andere ist – Kunst. Heute, ohne Zensur, haben sich die Dinge merkwürdigerweise kaum geändert. Viel Journalismus ist unter dem Label Dokumentarfilm zu sehen. Sehr selten Kunst. Dafür sorgt unser Allmächtiger, der Markt, dafür sorgen die ebenso gottgleichen Fernsehsender und – zugegeben – das uns mangelnde Talent.

Salziges Brot

Herz Frank, nach einem Jurastudium zunächst Fotoreporter, kam 1959 als Werbefotograf zum Filmstudio in Riga. Er beobachtete, was die Filmleute dort trieben, schrieb eigene Skripte, die zu Kurzfilmen wurden, wurde selbst Regisseur. Er drehte etwa 40 Filme. 1976 veröffentlichte er ein Buch, Die Karte des Ptolemäus, in dem er seine Arbeitsweise beschreibt.

Zum Beispiel, wie der Dokumentarfilm Salziges Brot 1964 zustande kam, seine erste selbstständige Arbeit. Ohne Titel zunächst, auch ohne klare Idee, ohne Drehbuch. „Eines Tages schlug man mir Neuling vor, fürs Fernsehen eine Dokumentarskizze über Fischer zu drehen. Ich war einverstanden, obgleich ich keinerlei Vorstellungen von so einem Film hatte, außer (aber ich schämte mich, das zuzugeben) verworrenen Erinnerungen an ein Nebelhorn, das ich im Jahr zuvor auf dem Leuchtturm des Kolk-Kaps gehört hatte. Uh-uh-uh! Uh-uh-uh!“

Frank fährt ans Meer und mit den Fischern zum Fang hinaus. Er fotografiert, ohne Bilder zu sparen, Porträts und Szenen. „Doch am meisten fotografierte ich, wie man fischt – über 300 Fotos! Die breitete ich zu Hause auf dem Fußboden aus und begann zu suchen, wo man einhaken könnte.“ Schnell wird ihm klar, dass in dem Film weniger Fisch, sondern vor allem Menschen vorkommen sollten. „Wir brauchten eine Geschichte, die Geschichte eines Menschen.“ Er fährt zurück, fotografiert und filmt Frauen, Mütter und Bräute, die die Männer am Hafen begrüßen und verabschieden. Die Fischer beim Fang in der Kälte, im Dunkeln, bei Sturm und bei Windstille. Die Verabschiedung der Alten in den Ruhestand. Die Namensfeier für die Kleinsten. Parallel zum Dreh läuft die Fotorecherche weiter. Und dann findet er endlich seinen Protagonisten: „Ich sah den Alten am Hafen, in Arbeitskleidung, mit einer Ankerkette auf der Schulter. Zuerst hatte er mir einfach gefallen, dann erinnerte ich mich, das war doch derselbe, der in der ersten Reihe saß, als man die alten Fischer in die Pension verabschiedete, da trug er allerdings einen Anzug…“ Sie filmen ihn zu Hause, begleiten ihn zum Hafen. „Er schaute mit Sehnsucht und Zärtlichkeit aufs Meer. So sieht ein alter Mann seine Frau an …“

Es ist die Arbeitsweise der „Rigaer Schule des poetischen Dokumentarfilms“, die Herz Frank in diesem Film zu entwickeln beginnt, und als deren Gründer und Meister er bis heute gilt. Falls Sie ihm ein Stück näher kommen wollen, empfehle ich einen Trip nach Riga. Es gibt im Filmmuseum eine Ausstellung über ihn, genannt Ein Mensch an der roten Linie. Die läuft noch bis 12. Mai.

Karsten Laske schrieb hier zuletzt über den Erfinder der Comedian Harmonists

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10:00 22.01.2012

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