Dorothea Dieckmann
16.02.2010 | 21:35 31

Jüngstes Trauma der Kritik

Frauenopfer Der Literatur­betrieb läuft heiß und verheizt eine Debütantin: Der Fall der Helene Hegemann – eine Missbrauchsgeschichte

Jetzt wird im Literaturbetrieb der Literaturbetrieb gegeißelt. Neu ist auch das nicht. Seine Protagonisten haben noch jede Phase im Prozess der Boulevardisierung des Radio- und Zeitungsfeuilletons mit rituellen Krokodilstränen begleitet. Intern beklagen sie mit kulturkritischem Vokabular die quantitative und qualitative Schrumpfung der Formate (etwa von der Kritik zum Buchtipp), während sie dieselbe unter Berufung auf Sachzwänge exekutieren.

Ebenso verhält es sich mit der inhaltlichen Öffnung der Kritik hin zur fernsehkompatiblen Trivialliteratur. Die Produkte von Charlotte Roche oder Helene Hegemann sind da immerhin schräge Extreme; andere preisgekrönte Bücher haben ihr Mittelmaß mit mehr literarischem Firlefanz kaschiert. Statt dergleichen Phänomene konsequent als Symptome einer entfesselten Aufmerksamkeits- und Profitmaschinerie zu betrachten, werden weiterhin literarische Kriterien auf sie angewandt, sprich geopfert.

Wie oft wünschte man sich da, dass jemand den Mut aufbrächte (oder das Forum bekäme) für jenen Ausruf, der in „Des Kaisers neue Kleider“ zu einer paradiesischen Erkenntnis führte: „Er hat ja gar nichts an!“ Abweichler aber – man denke nur an die Judith-Hermann-Hysterie vor gut zehn Jahren – wurden als Spielverderber beiseite gedrängt und auf die Orden verwiesen, die Dero Deutungshoheiten der Autorin angeheftet hatten. Erst beim zweiten Buch durfte sich Kritik breitmachen – mit dem Unterton der Häme.

Helene Hegemann liefert gleich selbst den Grund für das Große Siehste. Die FAS verteidigte sich trotzig und die Süddeutsche Zeitung, die ihrerseits mit einem Hohelied aufgewartet hatte, holte zur Kritikerkritik aus und verzichtete dabei nicht auf die (Auto-)Suggestion, das Feuilleton hätte Einfluss auf die Verkaufszahlen: „Die Lobeshymnen der Literaturkritiker bugsierten das Romandebüt ‚Axolotl’ der 17-jährigen Helene Hegemann auf die Bestsellerlisten. Dann kam raus: Plagiat! Was sagen die Damen und Herren jetzt?“

(Auch) ich habe den Hype bedient wie viele abhängige Rezensenten, die für eine dreistellige Summe über Hegemann schrieben, die derweil eine mindestens achtstellige Summe anschafft. (Auch) ich habe dem Buch Positives, nämlich „Intelligenz und Stil“ und nebenbei eine interessante Cut-up-Technik bescheinigt. Die Tatsache, dass darin der eine oder andere Blog verwurstet ist, ändert für mich nichts, denn den Sampling-Charakter hatte ich in meiner Ausgangsthese benannt und weiterverfolgt: „Angeführt von der Fraktion der ‚linken, durchsetzungsfähigen Arschlöcher überdurchschnittlichen Einkommens’, promotet die schuldige Vätergeneration gerührt und fasziniert die gesampelten Schreie der nackten, ausgesetzten Kinder.“ Für mich war ausschlaggebend, dass Hegemanns Alter Ego Mifti klagte, keine eigene Sprache zu haben, und eine physische Vernichtung empfand, als ihr Geschriebenes in fremden Händen landete.

Die Elternpose

(Auch) ich habe mich also mit Axolotl beschäftigt – weil die NZZ, für die ich schreibe, es für nötig befand, und das wiederum, weil das Buch beim Riesen Ullstein erschien und nicht da, wo es doch hingehörte: in einen Undergroundverlag wie der des Bloggers Airen. Zu Ullstein führten der Ophüls-Preis für Hegemanns Film Torpedo (schon das eine Ausbeutung des Jugendfaktors) und das Umfeld eben jener „linken, durchsetzungsfähigen Arschlöcher“, dem der Theaterdramaturg Carl Hegemann angehört, für den seine Tochter offenbar den Wert einer Schlingensiefschen Live-Installation hat, jedenfalls hat er sie nicht vor dem Betrieb geschützt. Kurz: Das Mädchen wurde verheizt.

Natürlich sind die Kritiker mitschuldig, die das Buch reif geredet haben für die Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse, was auch ohne Plagiat eine erbärmliche Farce darstellt. Keine(r) hat die manifesten (und zumindest dem Airen-Blog nicht entlehnten) Symptome – die an den Motiven von Zerfließen und Enthäuten ablesbare Traumatisierung oder den masochistischen Exzess am Schluss des Buches – von dem bequemen Fiktionsvorbehalt ausgenommen. Axolotl Roadkill liefert das Stichwort selbst, und die Zeit hat den Roman durchaus als „Entladung eines traumatisierten Bewusstseins“ gelesen. Doch niemand hat ausgesprochen, dass sich hier eine Halbwüchsige aus pathologischen Gründen ausliefert.

Der Klau bestätigt das. Wer von „(großer) Literatur“ faselte, rettet sich jetzt in eine wütende oder begütigende Elternpose. Wer nicht, der ahnt vielleicht, was Hegemann dazu brachte, ausgerechnet diese Sprache zusammenzuklauben.

Was nicht geklaut ist: Miftis Mutter ist so tot wie die von Helene Hegemann. Miftis Vater ist kein Vater, sondern ein spätpubertärer linker Kulturfuzzi, dem seine Kinder wurscht sind; für Helene Hegemann ist ihr linkskulturell aktiver Vater ein cooler, großartiger Typ, dem sie ihre Schreib-Innereien als erstem unterbreitet hat. Diese familiäre Unterwerfungsgeste ist nicht nur der Beginn, sondern ein Strukturmerkmal der traurigen Obszönität, der sie sich nun ausgesetzt sieht. Man braucht nicht viel Psychoanalyse, um im Hass auf die tote Mutter und in der Selbstentblößung vor einem gleichgültigen, abwesenden Vater, hinter dem eine ganze gleichgültige, abwesende Gesellschaft steht, die Verbindung zwischen Helenes/Miftis Mädchenschicksal und dem Wahnsinn zu sehen, der über der Autorin hereingebrochen ist. Es gibt einen sprechenden und völlig unübertragenen Ausdruck für das, was ihr im übertragenen Sinn geschehen ist: Sie ist gefickt worden. Sie wird gebraucht, mißbraucht, verbraucht, konsumiert. Das überlebt kein rebellischer Impuls. Also ist sie (wieder mal) gehorsam.

Adorno nannte es Verblendungszusammenhang. Marcuse sprach von repressiver Entsublimierung. Foucault entdeckte, zumal im öffentlichen Gerede über den Sex, Dispositive der Macht. Pasolini hatte einen plakativeren, aber analytisch fruchtbaren Begriff für die kulturelle Funktionsweise des Kapitalismus: Konsumfaschismus. „Kein faschistischer Zentralismus“, schrieb er 1973, „hat das geschafft, was der Zentralismus der Konsumgesellschaft geschafft hat.“ Jeder Widerstand, jedes Tabu ist geeignet, seinen Machtbereich zu erweitern. Das geht nicht ohne Opfer, vorzugsweise Frauenopfer. Wer Hegemann beispielsweise bei Harald Schmidt gesehen hat, weiß, was ich meine. Vor dem netten Spötter, der Sperma, Pisse, Arschfick etc. zitierte, saß eine beschämt kichernde, dauernickende Schülerin, die vor den Kameras einen kümmerlichen Rest Eloquenz und Renitenz zusammenkratzte. (Und irgendwie passt es, dass man zwischendurch den Theater-Peymann live vorschlagen hörte, man möge doch Hartz-IV-Empfänger zum Eishacken befehlen). Wer hat sie bloß da hingeschickt? dachte ich, statt mich zu fragen, wer das denn nicht hatte verhindern wollen.

Willfährige Besserwisser

Mit einem Mal hieß es, das unbeholfene „Fräulein“ sei selbst schuld, denn wer so weit geht, der ist – Plagiat hin oder her – vogelfrei. Willfährige Besserwisser des Literaturbetriebs fielen über Hegemann her. Man fand, Herr Schmidt habe sie nicht hart genug angefaßt. Der Literaturbetrieb, das sind nämlich nie wir selbst, das sind immer die anderen – die „Allgemeinheit“, die sich noch eine Weile mit Hegemann „befassen wird. Bis die nächste Autorin vor der Türe stehen wird, die ‚ungeahnte’ Einblicke in ihr oder anderer Leute Intimleben gewährt“ (süddeutsche.de).

Nur, wie hoch ist wohl die Dunkelziffer der Schreibschülerinnen, die zum intimen Outing aufgefordert werden? Und wird man sich an solche Klugscheißereien erinnern, wenn wirklich die nächste auftaucht? Richtig, sie wird wieder weiblich – doch ich fürchte, nicht siebzehn, sondern dreizehn sein. Und wenn wir Pech haben, ist sie so pfiffig und beliefert nicht das spießige Bildungsgenre der Literatur, sondern das der Performance und inszeniert ein öffentliches Autodafé. Papa und Mama werden natürlich nichts geahnt haben. Ob wir dann noch applaudieren oder es schon immer besser gewusst haben, wird dann auch egal sein.

Dorothea Dieckmann lebt als Schriftstellerin und Kritikerin in Hamburg. Zuletzt erschien im Frühjahr von ihr der Roman Termini

Kommentare (31)

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Ehemaliger Nutzer 18.02.2010 | 13:27

Das Riesentheater, das jetzt um Frau Hegemann veranstaltet wird, lässt sie mir nicht unsympathisch werden, sondern lässt mich eher über die staunen, die erst das Gehype und dann das Gedisse mitmachen.
Ich hab bis vor kurzem noch nie von Helene Hegemann gehört und würde mir ein solches Urteil wie Sie, Frau Dieckmann, es schreiben: "Man braucht nicht viel Psychoanalyse, um im Hass auf die tote Mutter und in der Selbstentblößung vor einem gleichgültigen, abwesenden Vater, hinter dem eine ganze gleichgültige, abwesende Gesellschaft steht, die Verbindung zwischen Helenes/Miftis Mädchenschicksal und dem Wahnsinn zu sehen, der über der Autorin hereingebrochen ist. Es gibt einen sprechenden und völlig unübertragenen Ausdruck für das, was ihr im übertragenen Sinn geschehen ist: Sie ist gefickt worden." -
sowas würde ich mir nicht herausnehmen, ohne sie kennengelernt und mit ihr gesprochen zu haben...

Magda 18.02.2010 | 15:20

Ja, ich finde , es wird ja schon wieder viel gedeutet.

Aber ich hatte eine schönes Bildungsbriefing:

"Adorno nannte es Verblendungszusammenhang. Marcuse sprach von repressiver Entsublimierung. Foucault entdeckte, zumal im öffentlichen Gerede über den Sex, Dispositive der Macht. Pasolini hatte einen plakativeren, aber analytisch fruchtbaren Begriff für die kulturelle Funktionsweise des Kapitalismus: Konsumfaschismus."

Sowas ist für welche wie mich die reine Nachhilfe-SMS.

"Angeführt von der Fraktion der ‚linken, durchsetzungsfähigen Arschlöcher überdurchschnittlichen Einkommens’, promotet die schuldige Vätergeneration gerührt und fasziniert die gesampelten Schreie der nackten, ausgesetzten Kinder.“

Danke, dass Sie die Aufmerksamkeit darauf gelenkt haben. Da kann man sich neue Schimpfkanonaden zusammensamplen. Klasse.

Mir tut Helenchen nicht so Leid. Die wird das schon hinkriegen.

Neunvoltwunder 18.02.2010 | 16:00

Das ist doch auch schon wieder halbgar ... m.E. gibt es nur einen Text, der überhaupt je das Wort Moral in den Mund genommen hat, der lief im Deutschlandradio (wie ja überhaupt auffällt, dass es vor allen Dingen eine Zeitungsschlacht ist, die müssen ja alle Auflage machen um jeden Preis). Wie heute die Zeit, die kriegen die Fresse nicht voll.

www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1126026/

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tomgard 18.02.2010 | 17:08

Im Unterschied zu Ihnen, Frau Dieckmann, mag ich der Helene Hegemann nicht persönlich nahe treten. Ich erzähle Ihnen gewiß nichts Neues, wenn ich erinnere, daß jede Art von "Mißbrauch" der Kräfte einer Person (= ein anderer, als vorgesehener Gebrauch!) damit anhebt, das Opfer zum Opfer zu erklären bzw. zu stilisieren. Sie werden vielleicht einwenden, just dieses sei nicht geschehen, solang die junge Autorin gehypt wurde. Ich bestreite das. Die Autorin stilisierte sich selbst in ihrem Text zu einer kompetenten Sprecherin jugendlicher Sozialfälle im Randbereich psychischen Grenzgängertums. Ihr Sampling von Proben, die ihr passend erschienen, aus der zugehörigen Abteilung der Popkultur, die seit etwa 15 Jahren auch in Europa institutionellen Charakter hat, ist eine durchaus konsequent zu nennende Umsetzung davon, und das Vorhaben gelang.
Es gelang, knapp und banal gesagt, weil die Psychologisierung sozialer Reibungen und Reibungsflächen, mithin der Sozialisation in toto und folglich die Verhandlung und Entsubjektivierung eines jeden Subjektes als eines psychologischen Falles in den spätkapitalistischen Metropolen die Religion darstellt, die, ergänzt um esotherische Remedien, in die hergebrachte Religiösität weitgehend eingetreten ist. Die Jugend einer Helene Hegemann ist deshalb ein zunehmend unverzichtbares Accessoire der zugehörigen Abteilung des Kulturbetriebs, sie spiegelt den Lesern einen beträchtlichen Teil eigner, jugendlicher wie erwachsener Drangsale, in deren Licht ihre jeweiligen sozialen Erfolge, ob eingebildet oder zählbar, den Heilgenschein einer höchst persönlichen, hoch individuellen Leistung erhalten.

Sie schreiben:
Jeder Widerstand, jedes Tabu ist geeignet, seinen Machtbereich (gemeint ist "Zentralismus der Konsumgesellschaft zu erweitern.
und unterstellen der Autorin eine Pendelei zwischen "Gehorsam" und "rebellischem Impuls".
Doch was bleibt, Ihrem eignen Text nach, von "Tabu" und "rebellischem Impuls" eigentlich sachlich übrig?
Richtig! Daß die Autorin 16 Jahre zählte, und die Nächste, die in die gleiche Kerbe haut, möglichst 14 sein sollte ...
Weshalb halten Sie sich nicht daran und versuchen stattdessen an Helene Hegemann zu adeln, was sie am Kulturbetrieb verreißen?
Mir will scheinen, es geschieht, weil Sie in Wahrheit von Ihrem "rebellischen Impuls" sprechen wollen, bzw. dem, was gemäß Ihrem Selbstbild nach Abzug Ihrer Autorentätigkeit davon noch verbleiben soll, dem, was Sie von einem Typen, wie Hegemanns Vater unterscheiden soll. Der Hype, das Wohlwollen des Publikums war ein bestimmungsgemäßer Gebrauch des Textes von H.H., einen Mißbrauch betreiben eher Sie, obwohl auch Ihre Art des Gebrauchs auf einer Metaebene vorgesehen war.

Ich will durchaus nicht gegen Ihre Hypothese sprechen, die Stilisierung des Ich - Kerns des erzählerischen Subjektes in "Axolotl Roadkill" zu einem gehäuteten Lurch entspreche zumindest teilweise dem originären Selbst- und Lebensgefühls der Autorin. Doch diese originäre Form ist, vom Standpunkt kulturellen Anspruchs besehen, höchst banal, ist es nicht so? Es handelt sich doch um eine Elementarform eines Leidens darunter, daß der Endzweck spätkapitalistischer Sozialisation eine nahezu rückstandslos selbstreferentielle Assimilation ist. Ihr optimales Resultat, eine gelungene Subjektivität, besteht aus Tugenden und rassistisch angedichteten Fähigkeiten, die dem zukünfigen Konkurrenzsubjekt, falls es nicht der Unterschicht angehört, gewöhnlich spätestens ab dem fünften Lebensjahr abgefordert werden. Sie müssen nur an das Material adaptiert werden, an dem sich "erwachsene" Tugenden und "Fähigkeiten" zu bewähren haben.
Es stimmt auch, daß dem weiblichen Gender in der damit verbundenen Verkindlichung der Kultur eine Sonderrolle zugewachsen ist, doch auch dies hatte Helene Hegemann offenkundig mehr oder minder begriffen und umgesetzt. Ihre Gestaltung dieser Beobachtung und Einsicht, nicht diese selbst, hebt sie aus der Masse weiblicher Teenager heraus, wie man in der Blogger-Szene unschwer studieren kann.
Die Integration rebellischer Impulse der vorliegenden Art ist in ihnen selbst vorgesehen, es handelt sich um einen Vorschuß, auf den sie gleichsam "auf Teufel komm 'raus" berechnet sind, und dies ist um so unmißverständlicher der Fall, wenn das Produkt einem entsprechenden Verlag ausgeliefert wird. H.H., Sie zitieren das, hat auch das begriffen und es einer Metaebene des Selbstbildes einverleibt. Sie ist Täterin, nicht Opfer. Daß sie schwerlich überblickt, was sie tut und welche Folgen das möglicherweise eine beträchtliche Zeit haben kann, ändert daran nichts, in diesem Sinne ist praktisch jeder von uns Opfer und Täter zugleich.

Ich schreibe so ausführlich, weil mir, ausgehend von Ihrem Text, nur ein kleiner Schritt erforderlich zu sein scheint, die Inhalte, derer sich Helene Hegemann bemächtigt hat und somit auch sie selbst ernst zu nehmen, statt die Angelegenheit unter Zuhilfenahme einer vorklinischen Diagnose über die Autorin in ein Phänomen der Dynamik des Kulturbetriebes zu verflüchtigen, um anschließend denselben Betrieb dafür anzuklagen: Haltet den Dieb!

mfg
TomGard

dschun 19.02.2010 | 12:18

Ich weiß, es ist sehr sehr weit hergeholt, aber heißt es nicht, dass Skandale die beste Marketingstrategie für ein künstlerisches Projekt sind?

Es ist schon bewundernswert und bedenklich, wenn man sich vor Augen führt, dass in den Qualitäts-Feuilletons zumeist das Spektakuläre, der Firlefanz hochstilisiert oder darüber lang und breit befunden wird.

So oder so, die Werbeleute reiben sich erfreut die Hände (und kassieren kräftig).

Justin Time 19.02.2010 | 14:05

Der Satz "(Auch) ich habe den Hype bedient wie viele abhängige Rezensenten, die für eine dreistellige Summe über Hegemann schrieben, die derweil eine mindestens achtstellige Summe anschafft" zeigt doch das ganze Elend der deutschen Literaturkritik – und in diesem Fall speziell von Frau Dieckmann.

Abgesehen davon, dass (a) sie damit eine 17jährige in die Nähe der Prostition rückt ("anschafft"), (b) der unverhohlene Neid (die arme Journalistin die nur eine dreistellige Summe erhält) unangenehm wirkt, ist es (c) vor allem der absurde Fehler, der lächerlich wirkt: Wenn Hegemann mindestens eine achtstellige Summer erhielte, hieße das, dass sie mindestens 10 Millionen Euro erhält. Wenn man davon ausgeht, dass davon aus dem Buchverkauf etwa 50% kommen (was unrealistisch ist, da die Zahl höher sein wird), kommt man auf folgende Rechnung: HH erhält pro Buch etwa 1,50 Euro (was Dieckmann, die selbst Buchautorin ist, wissen sollte). Wenn sie die Hälfte von "mindestens" 10 Mio. erhält, würde sie 5 Mio. erhalten. Das heißt, sie müsste über 3,3 Mio. Bücher verkaufen, um 5 Mio. "Anschafflohn" zu erhalten - was vollkommen absurd ist. (Zum Vergleich: "Ich bin dann mal weg" gilt laut Wikipedia "mit mehr als drei Millionen verkauften Exemplaren als erfolgreichstes deutschsprachiges Sachbuch seit 'Götter, Gräber und Gelehrte'".)

(Überdies: "Mindestens"? Besteht die Wahrscheinlichkeit, dass HH eine 9stellige Summe für Ihr Buch erhält? Kauft sie bald Google auf?)

Der Dieckmann-Fehler (der so offenkundig ist, dass der Radatz'sche – der dessen Ruf nachhaltig ruiniert hat – dagegen wie ein Flüchtigkeitsfehler wirkt) scheint mir das eigentliche Problem bei der ganzen Hegemann-Geschichte offenzulegen: Weniger hehres Streiten gegen die böse Plagiaristin, als vielmehr purer Neid gegen die (natürlich implizit "unverdient" und nur durch geschickte und finstere PR-Kampagnen) erfolgreiche Jungautorin.

DDieckmann 19.02.2010 | 14:42

Na, endlich geht es mal um die wichtigen Sachen. Ich gebe zu, ich hab's nicht so mit den Zahlen. Völlig richtig, es wird keine acht-, sondern eine sechs- bis siebenstellige Summe sein, für (! - ebenfalls richtig) die Hegemann anschafft. Die Rezensenten dagegen? a) Wie kommen Sie auf 75 Zeilen? Die NZZ-Rezension hatte 140 Zeilen à 45 Anschläge. b) Die NZZ zahlt in Franken.
Vielleicht könnte man sich mal auf das Verhältnis konzentrieren, um das es hier geht. M.E. ist kaum je auf diesen vordergründigen, scheinbar unerheblichen, aber im Einzelfall entscheidenden Aspekt des großen Geschäfts hingewiesen worden.

Gersprenz 19.02.2010 | 14:44

Dorothea Dieckmann, sie schreiben:

"Doch niemand hat ausgesprochen, dass sich hier eine Halbwüchsige aus pathologischen Gründen ausliefert."

Ohne das Objekt ihrer Überlegungen persönlich befragt zu haben stellen sie eine Ferndiagnose, mit der sie die Autorin für krank erklären, genauer, -so aus dem Kontext zu entnehmen-, als psychisch krank.

Verstehe ich das so richtig? Und sie haben eine entsprechende medizinische Ausbildung absolviert, die es ihnen erlaubt, so kategorisch über die geistige Verfassung der Autorin zu urteilen.

Was für ein groteskes Verständnis von Meinungsfreiheit, und ich denke auch nicht in Einklang mit den Menschenrechten der Autorin.

DDieckmann 19.02.2010 | 14:56

Dazu würde ich die Lektüre des Blogs von Ingo Arend über die "Homestory" (Link auf dieser Seite) empfehlen ... Hier geht es nicht um ein persönliches Verhältnis zur Person der Autorin, sondern um eine Analyse des Buchs (vgl. meine Rezension) und des Geredes, das um den Komplex Person/Text entstanden ist (mein Artikel hier). Die reale Person ist eine Fiktion (sie jetzt, unter den Bedingungen des Geredes, "kennenzulernen", würde daran nichts ändern), allein der fiktive Text hat Realität.

DDieckmann 19.02.2010 | 15:09

Zu den Zahlen siehe oben. Das "ganze Elend der Literaturkritik" auf einen solchen Irrtum zurückzuführen, ist rührend und zeigt, was einfache Gemüter bewegt und zu endlosen Gedankenspielen motiviert: eben Geld. Das Neidargument - die primitivste und beschränkteste Interpretation des von mir angesprochenen Geldverhältnisses - ist einer der ältesten Hüte und fällt fast immer auf den zurück, der es verwendet.

DDieckmann 19.02.2010 | 16:17

Daß es Hegemann in ihrem Rahmen gelungen sein könnte, als kompetente Sprecherin ihrer (kurz gesagt) "Generation" aufzutreten, will ich nicht bestreiten; es steht allerdings nicht im Widerspruch zu meiner Diagnose, daß es sich um den Selbstauslieferungsgestus einer Beschädigten handelt. Das ist in vielen, wenn nicht den meisten literarischen Texten der Fall; hier aber kommt der Faktor der Jugend und jener der exzessiven Vermarktung hinzu. Im Hype zeigt sich, wie auch in dem (dadurch) bekannten Tochterverhältnis zu einem ausgewiesenen "Kulturbetriebler", eine mangelnde Differenzierung zwischen Jugend und Erwachsensein bzw. zwischen den familiären Generationen. (Auch die mangelnde Differenzierung zwischen Literatur bzw. Kunst und Nichtkunst gehört dazu).
Hier setzt das Opfer-Täter-Thema ein, das übrigens in "Axolotl" klug thematisiert wird. Wieso sollte ich dem Irrtum erliegen, der Hype mache Hegemann weniger zum Opfer als die Plagiats-Beschimpfungen? - Ich bestreite, daß Mißbrauch erst mit der Stilisierung des Opfers als Opfer beginnt. Durch ein Buch, zumal unter diesen Bedingungen (Ullstein und die Folgen, die wir jetzt beobachten) setzt man sich aktiv, also in tätiger Form, Instrumentalisierungen und Projektionen aus, auf die man keinen Einfluß hat: eine masochistische Struktur, die in "Axolotl" auch inhaltlich manifest wird. Am Masochismus, in dem Anpassung und Rebellion zusammenfinden, läßt sich hervorragend ablesen, wie Opfer und Täter eins werden. Das meine ich mit Selbstauslieferung. Vor dieser, finde ich, hätte dieses zu junge Mädchen geschützt werden müssen. Das Gegenteil ist eingetroffen. Die rebellischen Impulse fallen spätestens dann in sich zusammen, wenn die Person - siehe der Auftritt bei Harald Schmidt (der ja nur der Anfang ist) - in einer Weise vorgeführt wird, die ihrem Selbstbild - siehe "Axolotl" - diametral widerspricht.
Mein Text handelte (im Gegensatz zur Rezension, in der es um die Inhalte des Buchs ging) wissentlich und absichtsvoll eben von der Dynamik des Kulturbetriebs, und daß er selbst Teil dieser Dynamik wird - der Dieb schreit "Haltet den Dieb!" -, ist ein Paradox, das darin ebenfalls angedeutet wurde. Gemäß dieses - zumindest in diesem Medium unauflöslichen - Paradoxes wird meine Stellungnahme, ja meine These vom Mißbrauch, in der Tat Teil des übergeordneten Mißbrauchs. Derselben Struktur unterliegt jede zugelassene Kritik an gesellschaftlichen Systemen oder Subsystemen, ebenso wie jeder zugelassene "rebellische Impuls".

zelotti 19.02.2010 | 16:19

Wäre es nicht besser nur den Text zu betrachten? Ob die Hegemann nun wirklich... ist doch nur gossip-Schwachsinn.

Warum werden tolle Sachbücher und tolle Literatur nicht besprochen, wenn sie aus kleinen Verlagen kommt? Verlage wie Blumenbar aus München, SuKuLTuR, gerade der mit seinen kreativen Vermarktungsstrategien am schmierigen Bahnhofsautomaten.

Zu den Zahlen: Werden Rezensenten von den Verlagen geschmiert?

www.satt.org/sukultur/strobo-presseerklaerung.html

DDieckmann 19.02.2010 | 23:25

Bevor Sie hier austeilen, M. Boulevard Pecuchet, hätten Sie vielleicht doch das fragliche Buch - und den obigen Artikel ein zweites Mal lesen sollen. Bei ersterem hätten Sie Material zu den Thesen zur Vater- und Mutterfigur entdeckt, bei letzterem eine Menge Selbstreflexion - ob ironisch oder nicht, bleibt Ihrem Geschmack überlassen -, sowie ein Fräulein, das in Anführungszeichen steht, weil es sich dabei um ein Zitat handelt. Ich habe Hegemann bei Schmidt in der Tat als unbeholfen und verlegen erlebt, im Kontrast zu ihrem Schreiben, dessen Intelligenz ich beschrieben habe, und zwar detailliert (nochmal: Lesen hilft!).
Bleibt die Frage, ob die Umarmung Hegemanns durch ältere Damen und Herren weniger "paternalistisch" ist als der Ruf nach Schutz vor der Entfremdung ihrer Person durch die Formatierung in den Medien - vgl. der Aberwitz in der jüngsten ZEIT -, und die, warum der Reflex so ungeheuer populär ist, Zweiflern Mißgunst als Motiv zu unterstellen.
Wenn ich's richtig sehe, haben Sie allerdings der Mißgunst selbst ein Armutszeugnis ausgestellt, worin ich Ihnen nur zu gern folge.

Ceester 20.02.2010 | 17:57

Der Fall Hegemann zeigt vor allen Dingen eins: Ein 17 jähriger Backfisch, der einen Roman zusammenschmiert, der sich kräftig aus dem Worteimer der Fäkalerotik bedient, kitzelt auch aus dem biedersten Feuilleton-Bergarbeiter die schmutzige Fantasie eines verklemmten Chauvinisten heraus. Im Grunde sagt die ganze Debatte um das Büchlein mehr über den bedauernswerten Zustand der selbst ernannten Kulturelite zwischen Rhein und Oder aus, als es den einfältigen Feuilletonisten Land auf, Land ab lieb sein könnte. Denn Hand aufs Herz: Wer hat sich ernsthaft die Mühe gemacht, den Text zu lesen und „Axolotl“ zu reflektieren? Stattdessen braust eine Westerwelle durch die Blätter und misst diesem Werk eine Bedeutung bei, die – unter uns gesagt – den Roman nicht gerecht wird. „Axolotl“ ist eine beliebige Mischung aus Christiane F., Feuchtgebiete, Larry Clark’s „Kids“ und pseudointellektuellem Geschrubbel, die in den Augen weh tut. Wer ernsthaft die These vertritt, dieses Buch sei hohe Literatur, soll sich mit solcher erstmal beschäftigen.

Dennoch möchte ich dem Ullstein Verlag gratulieren. Gratulieren zu einer PR-Kampagne, die schon heute zu den Erfolgreichen im Vorfeld eines Debütromans in Deutschland zählen dürfte. Der Marketing Manager, der dieses Projekt zu verantworten hat, darf sich auf eine saftige Bonuszahlung freuen. Ich hoffe, er oder sie rafft sich in ein paar Jahren auf und schreibt ein Buch über die Vermarktung eines Literatur-Hypes. Dies wiederum wäre ohne jede Frage lesenswert.

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tomgard 21.02.2010 | 13:09

Danke für die ausführliche Antwort, die mir einiges klarer zu stellen scheint, dennoch mag ich noch einmal daran anknüpfen.

Sie schreiben:
Daß es Hegemann in ihrem Rahmen gelungen sein könnte, als kompetente Sprecherin ihrer (kurz gesagt) "Generation" aufzutreten, will ich nicht bestreiten; es steht allerdings nicht im Widerspruch zu meiner Diagnose, daß es sich um den Selbstauslieferungsgestus einer Beschädigten handelt. Das ist in vielen, wenn nicht den meisten literarischen Texten der Fall; hier aber kommt der Faktor der Jugend und jener der exzessiven Vermarktung hinzu.
Einen Widerspruch habe ich nicht konstruieren wollen, sondern darauf bestehen, das, was Sie "Selbstauslieferungsgestus" nennen (ich verwerfe die Psychologisierung des folgenden Argumentes halber), sei Bestandteil der Kultur, an die der Text "ausgeliefert" wurde - Sie sagen ja auf Ihre Weise dasselbe. Doch da HH das bewußt ist - wie zahlreichen Äußerungen zu entnehmen, ich kokettiere nicht nur mit meiner Jugend sondern ebenso kokettiere ich mit dieser Koketterie - wird der "Selbstauslieferungsgestus" mit der Überantwortung des Textes an den Kulturbetrieb etwas anderes, als er, Ihrer Vermutung folgend, in der Sozialisation der Autorin in Gestalt einer "Beschädigung" gewesen wäre. Er wäre nicht mehr Prädikat des Textes, sondern Prädikatenprädikat der Veröffentlichung. Klingt wie Erbsenzählerei? Weiter unten setzen Sie fort:
Durch ein Buch, zumal unter diesen Bedingungen (Ullstein und die Folgen, die wir jetzt beobachten) setzt man sich aktiv, also in tätiger Form, Instrumentalisierungen und Projektionen aus, auf die man keinen Einfluß hat: eine masochistische Struktur ...
Für den Schluß von einem kulturellen Vorgang auf eine pathologische (?) "Struktur" haben Sie, soweit ich erkennen kann, nur ein Argument, nämlich ausgerechnet die Jugend der Autorin ...:
Am Masochismus, in dem Anpassung und Rebellion zusammenfinden, läßt sich hervorragend ablesen, wie Opfer und Täter eins werden. Das meine ich mit Selbstauslieferung. Vor dieser, finde ich, hätte dieses zu junge Mädchen geschützt werden müssen.
"Zu jung" - das ist hier das Argument! Die Erbsenzählerei stand dafür, daß Sie außerstande sind, zu unterscheiden, was an der "Pathologie" eine "masochistische Struktur" auf Seiten der Autorin ist und was eine Kultivierung solcher "Strukturen" im literarischen Betrieb, der sich HH mehr oder minder berechnend anschließt. Sie sagen es selbst, nämlich in objektivierender Form, sobald sie HH aus dem Blick nehmen:
Auch die mangelnde Differenzierung zwischen Literatur bzw. Kunst und Nichtkunst gehört dazu.

Andersherum:

Nehmen wir an, HH sei "beschädigt", das Kind im Brunnen. Woher wollen Sie die Sicherheit beziehen, es sei besser für HH, den Deckel 'drüber zu tun (oder zu lassen)? Der Text ist auf dem Markt, er steht - auch und gerade für die Autorin - nicht mehr für die "Beschädigung", sondern für deren Vermarktung und die Formen des öffentlichen Umgangs damit. Wenn die Veröffentlichung nicht schon mindestens teilweise ein "Befreiungsschlag" gewesen sein sollte - immer die Diagnose unterstellt, die ich nicht teile - so könnte HH ein sachgerechter Umgang mit der Reaktion des Publikums dazu verhelfen, daß es einer werde. Eben das läßt Ihre Pathologisierung nicht zu: 'husch ins Körbchen' - welches bitte??! - bis Du erwachsener bist'.
Deshalb - ganz ohne Vorwurf gesagt - besteht für mich kein Zweifel, Frau Dieckmann, daß Ihre Berufung auf den Schutz HH's eine unbewußte Heuchelei ist, Ihnen geht es umgekehrt um den Schutz Ihres Bildes von Kultur, Literatur und Kunst vor Figuren und Phänomenen, wie "Helene Hegemann". Das ist m.E. der eigentliche Kern Ihrer auf unsichere Füße gestellten Ferndiagnose.
mfg
TomGard

bisu 21.02.2010 | 20:01

na, hier ist ja was los...welch zum teil unschöner schlagabtausch...vielleicht sollten sie lieber noch ein buch lesen...wie z. B. das, an das mich jenes, um das es hier geht, stark erinnert: king kong theorie von virginie despentes. ich hoffe für frau hegemann, dass es nicht mehr, als die ein oder andere äußere parallele (beide verarbeiteten teile ihres lebens in einem film und schrieben danach noch ein buch, auch zum thema)gibt...zumindest der altersunterschied von 23 jahren ist erheblich.

a.t.o. 24.02.2010 | 14:23

vielen dank frau dieckmann auch von mir für ihren artikel! zu beginn des hypes vor ca. 2wochen lief auf arte der film MAGNOLIA-die helene-axolotl-geschichte hätte sehr gut eine weitere episode des films sein können - verbindendes thema im film: allgemeiner missbrauch von und an kindern.
ps.ein ähnlicher kommentar in der ZEIT wurde nicht für veröffentlichswert gehalten, wahrscheinlich weil ich das zum schluss schrieb:
VATER IHRER IN DER HÖLLE, ENTHEILIGT WERDE SEIN NAME.
a.t.o. / a.t.o.@web.de