Jurys

A–Z Nach akribischer gemeinsamer Prüfung empfehlen die Experten uns das Bedeutsame. Das klappt oft gut, aber nicht immer. Dann kommen sie selbst auf den Prüfstand
Redaktion | Ausgabe 25/2017 2

A

Aufregung Jurys und umstrittene Entscheidungen gehören ein Stück weit zusammen (➝ Zoff). Seit Anfang Juni können auch die Juroren des Alternativen Medienpreises auf einen solchen Aufreger in der eigenen Geschichte verweisen. Denn kurz vor der Verleihung des Preises verkündete das Projekt „Kein Raum für Rechts“, es werde seine Auszeichnung nicht annehmen.

Grund war ein anderer Preisträger, Norbert Fleischer, der bei „NuoViso.TV“ arbeitet und für seinen Film Ramstein – Das letzte Gefecht ausgezeichnet wird. In einer Erklärung des Teams von „Kein Raum für Rechts“ heißt es, „NuoViso.TV“ sei ein „rechtes Blog“, über das „sozialer Unfrieden, Hass und Demagogie verbreitet“ würden. Auch das Nürnberger Bündnis Nazistopp kritisierte die Auszeichnung. Und „NuoViso.TV“? Findet die Vorwürfe pauschalisierend und einer Faktenbasis entbehrend. Benjamin Knödler

C

Casting Es meint jeder, eine Vorstellung davon zu haben, wie Castings ablaufen. Schließlich hat man solche Veranstaltungen schon zigmal im Fernsehen verfolgt. Rar ist das Format ja nicht. Aber dortige Superstar- und Model-Suchen sind inszenierte Dramen, die die Zuschauer bei der Stange halten sollen. Um das ernsthafte Finden eines Talents geht es höchstens tertiär. Das ist aber Ziel eines echten Castings, wo jemand für die Besetzung einer Rolle, der Position in einem Orchester gesucht wird. Der Casting-Quatsch im Fernsehen ist so real wie das so genannte Reality-TV. Klar, die Bewerber sind echt, aber da wird dann bei den Vor-Casts schon geschaut, wer sich für welches Szenario eignet. Wen kann man zum Sternchen pushen?

Wer ist so schräg oder peinlich, dass er zum öffentlichen Abservieren – Beleidigungen inklusive – taugt? Und auch die Jurymitglieder werden hauptsächlich hinsichtlich ihres Krawallpotenzials und möglicher Emotionserzeugung ausgesucht. Tobias Prüwer

F

Früh übt sich Ich bin im Berliner Stadtteil Kreuzberg aufgewachsen. Dank meiner italienischen Staatsbürgerschaft konnte ich als Teenager über mehrere Jahre hinweg einmal die Woche einen vom örtlichen italienischen Kulturinstitut finanzierten Sprachkurs besuchen. Ich ging gerne hin. 2002, ich war 15, gab es die Möglichkeit, beim Filmfestival in Giffoni Teil der Kinder-Jury zu sein und für die zehn Tage des Festivals bei einer Gastfamilie unterzukommen. Ich war natürlich gleich Feuer und Flamme.

Giffoni ist ein kleines Dorf bei Salerno in der Nähe von Neapel. Dort findet ein angeblich ziemlich bekanntes Kinder- und Jugendfilmfestival statt, von dem jedoch niemand, den ich kenne, je gehört hat. Salerno liegt an einem steilen Abhang. Wenn du nicht aufpasst, stolperst du direkt ins türkisblaue Meer. Statt am Meer verbrachte ich die Tage aber im Kino. Erinnern kann ich mich zum Beispiel an einen Liebesfilm, der mich sehr beeindruckt hat. Am Ende des Films rasen zwei verliebte Jugendliche in einem Auto von einer Brücke in die Tiefe. Ich lernte Pizza mit Nutella kennen und lief stolz mit der offiziellen Tasche des Filmfestivals Giffoni rum. Keiner der von mir favorisierten Filme gewann allerdings am Ende. Johanna Montanari

Fußball Dass es nicht nur einen Bundestrainer gibt, sondern derer über 80 Millionen, ist eine Binsenweisheit. Die kollektive Bewertung gehört einfach zum Fußball dazu. Ob in der Kurve, wenn die Fans Schulter an Schulter zu Juroren werden und Spieler wie Schiedsrichter instantan beklatschen oder auspfeifen, oder an den Stammtischen. Klar, dass dieser dem Fansein inhärente unbedingte Wille zur Beurteilung vom Hochglanzprodukt Fußball einverleibt worden ist. So wählen Fans dann gerne mal den „Man of the Match“ oder das „Tor des Monats“ und bescheren uns so den Anblick verdatterter Fußballer, die mit dieser Auszeichnung wenig anfangen können. Benjamin Knödler

K

Klischee Verschleiert, stumm, gehorsam – Filme wie Nicht ohne meine Tochter prägen das westliche Bild von iranischen Frauen. Dass das einseitig ist, machte die Internationale Mathematische Union deutlich. Wer sollte 2014 die Fields-Medaille, die weltweit bedeutendste Auszeichnung im Fach, bekommen? Das Komitee, dessen Mitglieder außer dem Vorsitzenden bis zur Preisvergabe nicht bekannt gegeben werden, wählt vorzugsweise vier Empfänger aus, die eine Vielfalt von Gebieten in der Mathematik repräsentieren. Unter den Preisträgern 2014: Maryam Mirzakhani – die erste Iranerin und überhaupt die erste Frau, der diese Ehre zuteilwurde. Behrang Samsami

L

Luxus Einmal verkaufte ich meine Seele für ein berühmtes Werbefestival, das alljährlich in Cannes stattfindet und die besten Spots eines Jahres kürt. Ich teilte das Londoner Büro mit der Jurymanagerin L., die zur Vorbereitung auf die beliebten Partys in den Luxus-Villen im Hinterland vorher schon Selbstbräunerduschen nahm, um auch optisch gerüstet zu sein. Ihr Job: An- und Abreise sowie Hotels der Juroren koordinieren (inklusive aller Extrawürste). Der boss of it all war ein herrischer Mann, vor ihm hatten alle Angst.

Und kaum in Cannes, dachten wir auch schon: Das war’s. Jedes Jahr nämlich kriegte die Jury eine kleine Aufmerksamkeit, bewährt hatte sich ein Hermès-Strandtuch mit Gravur. Idee vom Boss. L. hatte die alten aus dem Lager mit den neuen durcheinandergebracht. Auf jedem zweiten Sterne-Bett musste also ein Vorjahreshandtuch platziert sein! Meine Schuld war, dass ich auch in Cannes mit L. das Büro teilte und auf ihren Zähnen Haare wuchsen. Wir würden gemeinsam untergehen. Ein Nervenkitzel, der nur mit dem Sturz kopfüber in einen der fünf Millionen Pools im Ort bewältigt werden konnte. Katharina Schmitz

N

Nobelpreis Die Jury des Literaturnobelpreises ist ein erratisches Gebilde. Sie besteht aus 18 Mitgliedern der Schwedischen Akademie für Sprache und Literatur, die groteskerweise auf Lebenszeit ernannt werden, was in einer Industrienation naturgemäß zu einem gerontokratischen Problem führt.

Über die Arbeit der Jury ist schon alles gesagt worden. Neben der Tatsache, dass sie (bis auf wenige Ausnahmen) den größten Schriftstellern ihrer jeweiligen Generation den Preis konsequent verweigert hat – der allergrößte unter ihnen, James Joyce (➝ Paris), wurde nicht einmal vorgeschlagen –, zeichnete sie sich über viele Jahre durch eine gewisse Amerika- und Populärkulturfeindlichkeit, aber vor allem durch vollständige Humorlosigkeit aus. Dies änderte sich 2016 mit einem gekonnten Witz: Statt den bedeutendsten amerikanischen Autor, Erfinder eines eigenen Genres und Meister des skurrilen Humors, Thomas Pynchon, auszuzeichnen, vergaben sie den Preis einfach an einen Musiker: Bob Dylan. Tilman Ezra Mühlenberg

P

Paris Es begab sich zu einer Zeit, als das Wünschen noch half (➝ Zoff) und die Götter des Olymps selig tafelten. Einzig Eris war zu einem Feste nicht geladen. Sie zürnte und warf einen Goldapfel ins Gelage, worauf in feinen Lettern prangte: Der Schönsten. Aphrodite, Athene oder Hera? Wer aber wollte das entscheiden? Der Godfather des Bergs duckte sich, obwohl sonst der Lust nicht abgeneigt, und überließ die Wahl einem Sterblichen. Dem trojanischen Prinz Paris nämlich, dessen Mutter Hekabe träumte, sie gebäre eine brennende Fackel. Männer sind von weiblicher Schönheit leicht verführbar, daher als Juror oft ungeeignet.

One man, one vote: Wie der Wettstreit ausging, ist bekannt. Aphrodite versprach die schönste Frau Griechenlands. Paris, noch verheiratet mit Oinone, nahm sie: ein viel schöneres Weib, Helena, verheiratet mit Menelaos. Als ob es an Verwicklungen nicht reichte, zog das griechische Heer gen Troja. Es begann ein Krieg, der zehn Jahre dauerte. An dessen Ende stand das brennende Troja, aber immerhin auch die Gründung Roms sowie drei bedeutende Epen des Abendlandes. Und im Jahre 1922 n. Chr. ein Roman, der an einem einzigen Tag in Dublin spielt (➝ Nobelpreis). Man kann darüber streiten, ob Paris als Juror klug wählte. Augen auf also bei der Partnerwahl – besonders, wenn Göttinnen im Spiel sind. Lars Hartmann

Plagiat „Eine Theatertreffenjurorin übt sich in der Kulturtechnik des Abschreibens“: Unter dieser Überschrift krachte der Jury-Eklat auf dem Berliner Theatertreffen 2014 in die Öffentlichkeit. Das Theater-Portal Nachtkritik hatte aufgedeckt, dass Jurorin Daniele Muscionico geschummelt hatte. Bei der Begründung, warum Frank Castorfs Reise ans Ende der Nacht-Inszenierung auf das wichtigste deutsche Theaterfestival eingeladen wurde, fiel ihr wohl nicht viel ein. Also schaute die Theaterkritikerin, eines von sieben Jurymitgliedern, einfach im Programmheft des Münchner Residenztheaters nach und ließ sich inspirieren.

So sehr gefiel ihr der Text, dass sie Passagen wortwörtlich übernahm, vielleicht ein paar Worte umstellte. Das Theatertreffen bedauerte den „Fauxpas“ (O-Ton Daniele Muscionico), entschuldigte sich. Als ein weiteres Plagiat aus einer Vorjahresbegründung bekannt wurde, musste Muscionico die Jury verlassen. Klauen von Sätzen ist kein Verbrechen, aber auch keine reine „Peinlichkeit“, wie die Zeitung Die Welt meinte. Immerhin stellte es Kompetenz und Unabhängigkeit der gesamten Jury in Frage (➝ Zoff). Dumm war das Plagiieren sowieso: Die Programmhefte lagen auf den Festivals aus. Wer wollte, konnte die Texte leicht vergleichen. Hätten die Festivalmacher eigentlich auch machen können. Tobias Prüwer

R

Reue Die Kritik ist weiterhin aktuell. Im Sommer 2010 lehnte Judith Butler den Zivilcouragepreis des Berliner Christopher Street Day ab. Ein Eklat. Sie thematisierte Homorassismus und Homonationalismus und die Kommerzialisierung des CSD. „Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, dass unsere schwul-lesbisch-queere Freiheit geschützt werden muss, und wir sind gehalten zu glauben, dass der neue Hass gegen ImmigrantInnen nötig ist, um uns zu schützen.“

Die Philosophin argumentierte, den Preis hätten Organisationen verdient, die sich sowohl für die Rechte von Queers als auch gegen Rassismus, Nationalismus und Gewalt einsetzten wie GLADT, LesMigraS, SUSPECT und ReachOut. Die Jury fühlte sich respektlos behandelt (➝ Zoff). Butler verzichtete nach Ablehnung auf die Flugkosten, die der CSD eigentlich übernehmen wollte. Die Jury spendete die 1.400 Euro ganz im Sinne der Forderung nach Weiterreichung des Preises an die genannten Organisationen. Johanna Montanari

Z

Zoff Die Sitzung „auf den Nimmerleinstag“ zu verschieben und die Stadträte an die frische Luft zu schicken, zu einem Picknick am Rhein, empfahl Peter Handke im Juni 2006 Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin. Der Poet hatte den Heine-Preis der Stadt zugesprochen bekommen. Ein Eklat (➝ Aufregung)!

Im Jugoslawien-Konflikt stehe er auf Seiten Serbiens und sei des Preises nicht würdig, meinten manche. Jurymitglieder traten zurück. Handke winkte ab, wollte keine Unterstützung. „Warum beauftragt man eine unabhängige Jury, um deren Entscheidung vor jeder ernsthaften Diskussion mit fadenscheinigen Argumenten auszuhebeln?“, schrieb Erwin an den Dichter. Ja warum? Mladen Gladić

06:00 26.07.2017

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