Kachelkick

Sportplatz Nein. Rasen ist das nicht. Tore stehen da, aber Strafraum und Mittelkreis fehlen. Es gibt auch kein Seitenaus. Stattdessen verlaufen lange schwarze ...

Nein. Rasen ist das nicht. Tore stehen da, aber Strafraum und Mittelkreis fehlen. Es gibt auch kein Seitenaus. Stattdessen verlaufen lange schwarze Linien parallel von einem Ende des Feldes zum anderen, auf denen die Spieler wild durcheinander einem Ball hinterher jagen. An allen vier Seiten des Spielfeldes stehen zwei Meter hohe Wände. Es sind die Wände eines Schwimmbeckens. Und wo man den Rasen vermisst, sind Kacheln. Sie waren mal hellblau, aber die Farbe ist vom Chlorwasser abgewaschen. Im Pool spielen acht junge Männer - vier pro Team - um den Ball. Versuchen ihn in das gegnerische Tor zu treten.

Rudi Völler würde sich die Locken raufen. Ein Spiel dauert nur acht Minuten, trotzdem fallen bis zu zehn Tore pro Spiel. Es könnte Hallenfußball sein. Da spielt man schließlich auch über Bande. Plakate, die überall in der Halle hängen, zeigen den leeren Pool mit dem in großen Lettern gedruckten Bekenntnis: "Ich bin ein Fußballplatz". Die Schiedsrichter sehen aus, als seien sie direkt nach Dienstende im Hallenbad hergekommen: Sie tragen schwarze Shorts und weiße Hemden, haben Flip-Flops an. Hoch konzentriert stehen sie am Spielbeckenrand und observieren das Geschehen im Pool, wie es sich für einen Lifeguard gehört.

Das Schwimmbad ist nicht mehr in Betrieb, aber noch völlig intakt. Am Beckenrand steht ein Gitterschrank, in dem Schwimmbretter, Badelatschen und Hula-Hoop-Reifen verstaut sind. Im "Fundbüro" des Schwimmbades liegen noch Massen an Kram: Haargummis, Dosen für Zahnklammern und sogar ein Teddy. Niemals abgeholt. Überlassen dem Schicksal und einer ungewissen Zukunft. Seit zwei Jahren ist das Schwimmbad geschlossen. Die Gegenwart sieht so aus: Einmal in der Woche kommt ein Hausmeister und schaut nach dem Rechten. Er überprüft die Technik und lässt ab und zu das leere Schwimmbecken säubern.

Manchmal aber erlöst ein Prinz den Pool aus seinem Dornröschenschlaf: Sponsor des heutigen Events ist Adidas. Großzügig hat der Konzern das Schwimmbad mit Hilfe einer PR-Agentur zur Multifunktionsarena frisiert und die Spieler mit Trikots beglückt. Neben dem Schwimmbecken thront ein DJ und jagt fette Hip Hop-Beats durch die Boxen. Das "Pool-Soccer"-Turnier ist das zweite Sportereignis dieser Art. Vorher hatte es bereits ein Basketballturnier gegeben. Auf dem Dach eines Hochhauses. Denn Adidas hat sich zum Ziel gemacht, Sportevents für Jugendliche an besonders ausgefallenen Plätzen Berlins zu veranstalten. So steht´s in der Presse-Mappe der PR-Agentur. "Your City - Your Arena".

Auch die Stars von Gute Zeiten, schlechte Zeiten sind anwesend und haben sich zu einem Kick in den Pool begeben. Sie verweisen bei der Frage, was hier denn gespielt werde, kühn auf das Turnier-Plakat. Einer der Soap-Schönlinge fügt noch hinzu: "Fußball in der Halle ist Hallenfußball. Am Strand heißt es Beach-Soccer und im Schwimmbad Pool-Soccer." Danke.

Schwimmbadfußball hat weniger Regeln als reguläres Kicken, und auch die hat sich Adidas ausgedacht. Einwurf gibt es nicht. Wäre Verzögerung, wenn die Spieler immer zum Beckenrand hochklettern müssten. Torwarte gibt es auch nicht. Wird das Leder gegen die Decke der Schwimmbadhalle geschossen, bekommt die gegnerische Mannschaft einen Freistoß. Karten, gelbe wie rote, werden nicht verteilt. Ein Novum in der Kickerwelt ist der "Flugball". Bei Handspiel oder grobem Foul folgt kein Elfmeter, stattdessen wird versucht, vom eigenen Tor aus den leeren Kasten des Gegners zu treffen. Dabei darf der Ball nach Abschuss und vor der gegnerischen Torlinie den Boden nicht mehr berühren. Leicht ist das nicht. Von den ersten vier "Flugbällen" landet nur einer regelgerecht im Netz.

Zwei Tore, zwei Mannschaften, ein Ball. Es wird getreten, gemeckert und böse Worte fallen auch außerhalb des Beckens. Am Ende des langen Turniertages setzen sich bei den 14- bis 17-Jährigen die "Neuköllner" durch. In der Altersgruppe 18 plus gewinnt die Mannschaft "Klaus United". Beide Siegerteams gehen mit einer Tasche voll Adidas-Utensilien und einem Silberring am Finger vom Platz. Zum Abschied bedanken sich Sponsor und PR-Agentur, die Gewinner ziehen feierlich die gewonnenen T-Shirts über. Manchem wird der Kopf noch etwas nachdröhnen. Nicht nur wegen der Musik, sondern auch im Gedenken an den Spieler, der sich eine Gehirnerschütterung zuzog, als er mit dem Kopf ein Loch in den Poolboden stoßen wollte. Kacheln sind eben doch härter als Gras.

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00:00 22.11.2002

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