KÄFFCHEN?

Berliner Abende Einst in blonder Vorzeit, ich schlürfte meinen morgendlichen Kaffee, überdachte, wo ich wohl meine Studien weiter treiben könnte. Da reichte der ...

Einst in blonder Vorzeit, ich schlürfte meinen morgendlichen Kaffee, überdachte, wo ich wohl meine Studien weiter treiben könnte. Da reichte der Postbote einen Brief durchs Fenster. "Bin in Berlin. Berlin ist super. Es ist lange nach Mitternacht. Sitze im Café und trinke einen Cappuccino". So las ich. Das war stark. Einen veritablen Cappuccino. Nach Mitternacht. Mit dieser frohen Botschaft wurde die Mauer zweitrangig. Ich überlegte nicht. Ich fuhr gleich los. Denn der Italiener war eben schon da, mitsamt seiner blitzenden Espressomaschine. Hinter dem antifaschistischen Schutzwall hockten wir nun im Schwarzen Café, besetzten Stammplätze im Café am Steinplatz und Kaffeehaus Einstein. Die dickflüssigen goldbraunen Tropfen verfolgten wir nachdenklich auf ihrem Weg in die Tassen. Das liebliche Geräusch aufschäumender Milch im Ohr, Zimt- oder Kakaogeruch in der Nase, je nach Gusto, diskutierten wir politische Notwendigkeiten. Mussten wir uns mit dem Kaffee nicaraguanischer Kooperativen Barschaft und Magenwände solidarisch ruinieren? Wenn vor dem Zagato der Wirt prüfend die Nase in den Wind hielt, sie krauste, sich ob der Luftfeuchtigkeit so seine Gedanken über den ein bisschen gröber zu mahlenden Espresso hin und herschob, verdünnte sich die Moral mit der Durchlaufgeschwindigkeit des duftenden Kaffees.

Dann kam Special Agent Cooper, der das verbrecherische Geheimnis von Twin Peaks in seinen Träumen ergründete. Er notierte in sein Tagebuch: "Vier chinesische Doughnuts, eine Tasse Kaffee, und ich bin unterwegs. Ein neuer Anfang ... und ein Ende. Ich bin bereit." Er liebte den Kirschkuchen der mörderischen Hinterwäldler und beschrieb ihren endlos auf der Heizplatte geschmurgelten Kaffee, als "eine Mischung aus Sägespänen, Tannenrinde und etwas Geheimnisvollem, das beim besten Willen nicht zu identifizieren ist. Diane, erinnern Sie mich bitte vor meinem nächsten Flug daran, eine Thermoskanne mit Kaffee aus dem Büro mitzunehmen." Mit FBI-Agent Dale B. Cooper fanden karierte Holzfällerhemden, fetttriefende Doughnuts und die blasse Ahnung original amerikanischen Kaffees ihren Weg über die Luftbrücke ins Innere Westberlins. Dank ihm legten wir unsere Animositäten auf Eis und flogen nach Gods Own Country. Leider hatten wir unsere Thermoskanne mit Kaffee vergessen. Je weiter wir ins Land vordrangen, desto niederschmetternder wurden die Geschmackserlebnisse. In Jim´s, Susie´s oder Margie´s Diner schwenkten vor Fröhlichkeit berstende Bedienungen Kannen mit einer den lieben langen Tag vor sich hin schmurgelnden Brühe, die Coopers Tagebuchaufzeichnungen noch konterkarierten. Manchmal übernachteten wir in Motels, die sich glichen bis aufs Haar im Waschbecken. Egal wo der Amerikaner hinfährt: Er weiß immer, wo er hingehört, wo die Seife liegt, sein Bett steht und der gechlorte Swimmingpool sein Gift ausdünstet. Dann ist die Welt in Ordnung.

Unterdessen war die Mauer gestürmt. Es gab finstere Orte vom Westen aus zu entdecken. Am Marx-Engels-Platz in Klammern Börse schien der große vaterländische Krieg just zu Ende gegangen. Aber liebenswerte Menschen stellten eine Espressomaschine auf. Gott erhalte Haus Schwarzenberg! Bald lachten wir vor unserem Cappuccino hinter Dick und Doof im Café Cinema. Alles war gut, ach, bestens. Rechts und links wurde verschönert, abgerissen, kritisch dekonstruiert. Das Pflaster wurde aufgerissen. Man sah erstaunt: Hier schlägt das Herz der Stadt. Das ist die neue Mitte der Hauptstadt. Von Deutschland. Ach, sagen wir von Good Old Europe.

Dann kam Mister Schultz. Mister Schultz hatte einst in Milano den Duft von 100 Prozent Arabica eingesogen, womöglich einen Espresso getrunken und war bekehrt. Fortan hatte Howard Schultz eine Mission. Er machte sich auf die Suche. Er fand sie, er stahl, nein kaufte und röstete sie, die beste Bohne der Welt. Von Alaska bis Texas von Australien bis Shanghai verordnet er uns seine Bohne, seinen Kaffee und seine Gemütlichkeit. Er klagt über Kaffee-Missverständnisse, predigt von Mahlzeiten für Messermahlwerke und sein nom de guerre ist "Starbuck". Schultz nimmt den Erweckungsdienst im Tchibo-Beste-Bohne-Land sehr ernst: "Hier ist der Ort der Leidenschaft für den Kaffee. Ein Ort, wo Kaffee zum Erlebnis wird."

Ich habe diesen Ort besucht, Mister Schultz. Träumerisch strich ich durch die verordnete Gemütlichkeit. Und der Innenbereich des Starbucks Coffee House war sauber. Ich kreuzte Ja an und prüfte den Außenbereich. Wollte die beste Bohne genießen. Und bestellte einen Café Americano. Erschüttert sah ich dem Barista zu. Er bedeckte den Becherboden mit Espresso, dann goss er heißes Wasser zu und goss und goss. Der Informationsminister von Starbucks sagte lächelnd: "America has best coffee in the world. If you don´t believe me, you are sick in your brain".

00:00 09.05.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare