Kalkulierter Anstoß

Im Kino "Battle in Heaven" des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas war der Skandalfilm der vergangenen Festival-Saison

Ein Grund dafür, Battle in Heaven anzuschauen, liegt im Prinzipiellen: Filme wie dieser, reine Arthouse-Ware, haben es zunehmend schwerer, den Weg in die Kinos zu finden. Wenn man ihn gesehen hat, weiß man auch wieder, warum das so ist: Der Film verletzt in vielerlei Hinsicht das, was man den guten Geschmack nennt, und bereitet dabei keineswegs jenes vernunftvergessene Vergnügen, das die Kulturindustrie heutzutage gerne unter dem Label Trash oder gar guilty pleasure vermarktet. Die Zusammenstellung von pornographischen Elementen und hölzernem Laienschauspiel, von hoch-artifizieller Kameraarbeit und dokumentierten Szenen über Katholizismus und Fußball in Mexico City, dazu eine Handlung, die man mehr erahnen muss als dass sie erzählt wird - das alles machte den Film des Mexikaners Carlos Reygadas letztes Jahr in Cannes zum anstößigsten, das heißt zum meist diskutiertesten Werk des Festivals. Und diese Auszeichnung, die Gemüter in Wallung gebracht zu haben, sollte denn auch kein offizieller Preis mehr eintrüben.

Was sich an Handlung erzählen lässt aus Battle in Heaven, ist folgendes: Ein unansehnlicher Chauffeur in Mexico City hat zusammen mit seiner sehr beleibten Frau ein Kind entführt, um von den keineswegs besonders reichen Eltern etwas Geld zu erpressen. Das Kind sei gestorben, teilt ihm die Frau mit, die an einem provisorischen Stand in der U-Bahn Uhren und kleine Gadgets verkauft. Die Schuldgefühle dringen wie ein langsam wirkendes Gift in die Seelen der Gefilmten ein. Der Chauffeur entwickelt gleichzeitig ein obsessives sexuelles Begehren für die schöne junge Tochter seines Chefs, die wiederum versucht ihre existentielle Betäubung zu bekämpfen, indem sie sich nächtens in einem Bordell verdingt. Wenn sie sich schließlich auf den Chauffeur einlässt, weiß man nicht, ob das aus Gnade geschieht, aus weiblicher Großzügigkeit oder wegen des Thrills der Mesalliance. Die Ungewissheit versucht der Chauffeur schließlich durch einen Mord zu beenden. In der langen Schlusssequenz sieht man ihn bei der Selbstgeißelung in einem Pilgerzug; Hoffnung auf Erlösung gibt es kaum; Mexico City erscheint als gänzlich gottverlassener Moloch.

Battle in Heaven ist ein beunruhigender Film - und er hat durchaus die Ambition zu verstören. Es gibt eine Menge Details, über die man die Gefühle des Unwohlseins, die der Film auslöst, abreagieren kann: Die schlechte Haut der Laiendarsteller, ihre hässlichen Körper, ihre ausdruckslosen Gesichter, das alles sind Dinge, die im Kino befremden, das heißt: die man üblicherweise nicht sehen will. Reygadas durchbricht mit Kalkulation die Sehgewohnheiten, die etwa vorschreiben, dass hässliche Körper sich auf der Leinwand asexuell zu geben haben. In Battle in heaven sind alle sexuelle Wesen, die übergewichtige Frau des Chauffeurs ganz genau so wie die berückend schöne Tochter des Generals. Vielleicht steckt ja eine Spur zu viel der Kalkulation darin, wie Reygadas die üblichen Hierarchien von Rasse, Geschlecht, und Klasse mit Sorgfalt durchkreuzt. In der gefilmten Perversion tritt eine ästhetische Strategie zutage, die fast zwanghaft Hässliches und Schönes, Dick und Dünn, Heiliges und Profanes in einem Bild zusammenbringt. Trotzdem gerät dem mexikanischen Regisseur nie sein eigentliches Ziel aus den Augen: nichts Geringeres als über Schuld und Sühne und die Grundlagen der menschlichen Existenz nachzudenken. Bei aller Verstörung, bei aller kalkulierten Anstößigkeit bleibt unterm Strich als herausragende Qualität des Films diese Ernsthaftigkeit, die im Autorenkino immer seltener wird.


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00:00 21.07.2006

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