Kalorien auf den Tisch, nicht in den Tank

Öko-Kolonialismus Während reiche Wüstenstaaten Anbauflächen in Afrika pachten, sind dort Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. Was an Flächen bleibt, dient oft der Spritgewinnung

Den Letzten beißen bekanntlich die Hunde, und das sind in der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise die Entwicklungsländer, auch wenn die Verluste für die Staaten im Norden keinesfalls bestritten werden sollen. Es dürfte gar nicht mehr lange dauern, dann werden auch hier die Einbußen in den Kassen der privaten und öffentlichen Haushalte zu spüren sein.

Doch in Asien sind schon jetzt 9,6 Billionen Dollar verbrannt, bilanziert die Asiatische Entwicklungsbank. Das ist ungefähr der Wert des Bruttosozialprodukts eines Jahres. Mit anderen Worten, ein ganzes Jahr lang haben die Menschen auf diesem Kontinent umsonst gearbeitet. Die Weltbank dramatisiert zusätzlich: In 94 von 116 Entwicklungsländern, sagt sie, werden die Wachstumsraten ein negatives Vorzeichen haben, die Industrieproduktion sinkt 2009 um 15 Prozent. Die Arbeitslosigkeit steigt überall und damit auch der Zulauf zum informellen Sektor prekärer Arbeitsverhältnisse mit Niedriglöhnen und ohne sozialen Schutz.

Nahezu alle Länder der Dritten Welt haben seit Jahrzehnten dem „Konsens von Washington“ folgen müssen – einer Strategie der Öffnung zum Weltmarkt, die ihnen Weltbank und Internationaler Währungsfonds, die großen US-Banken an der Wall Street und die Regierungen der OECD-Staaten bei Umschuldungen aufgezwungen haben. Dieses neoliberale Entwicklungsmodell hinterließ ein Trümmerfeld. Man kann es besichtigen: Schrumpfende Einkommen, ­Verfall der Preise von Exportprodukten, die erzwungene Rückkehr von vielen Arbeitsmigranten in ihre Heimatländer, verbunden mit dem Verlust ihrer Überweisungen, von denen selbst Großfamilien gelebt haben. Hinzu kamen der Verfall der Wechselkurse und steigende Schulden in fremder Währung. Selbst Hartleibigen in den internationalen Organisationen wird klar, dass dieses Modell am Ende der Sackgasse an die Wand fährt, denn der Welthandel schrumpft erstmals seit Ende des Zweiten Weltkrieges. So etwas hat es bislang nicht gegeben. Mehr und nicht weniger Menschen werden hungern müssen. Das Millenniumsziel von 2000, den Hunger innerhalb eines Jahrzehnts zu halbieren, gilt als unerreichbar.

Ist es Ausdruck von Realismus oder von Zynismus, wenn man in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung liest, dass in Afrika „Hunderttausende verhungern werden“? Die Ökonomie ist Schicksal, und das spielt für viele Menschen ein sehr böses Spiel. Anderen bietet die schwere Krise auch hübsche Chancen. Zum Beispiel transnationalen Konzernen, die dabei sind, sich Afrikas beste Ackerflächen unter den Nagel zu reißen. Auch Regierungen wie die einiger Golfstaaten und Chinas sind gerade dabei, Nahrungsflächen für die eigene Bevölkerung in Afrika zu pachten. Auf 99 Jahre. Das geht nur, wenn die dortigen Regierungen mitspielen, entweder weil die Scheckbücher der fremden Usurpatoren dick und sie selbst korrupt oder weil sie so verzweifelt sind, dass sie keine andere Wahl haben, als ihren Landsleuten die Quellen der Ernährung zu entziehen.

Was an Flächen bleibt, wird obendrein dafür verwandt, nicht Mehl, sondern Sprit für die Tanks von Automobilen zu erzeugen. So wird der Preis von Zucker, Weizen oder Mais von der Preisentwicklung fossiler Brennstoffe bestimmt. Wenn der Ölpreis sinkt, kommen Weizen oder Mais auf den Markt. Steigt er wieder, landen Weizen und Mais nicht auf dem Tisch, sondern im Tank. Hier zeigt sich unser aller Abhängigkeit vom Automobil in seiner perversesten Form. Weltbankpräsident Zoellick warnte jüngst vor einer ökonomischen Katastrophe für die Entwicklungsländer. Die ist längst da – nicht nur in den Industriestaaten, sondern vorrangig in den armen Ländern Afrikas, Lateinamerikas, Asiens und inzwischen auch Osteuropas. Jenseits der Ökonomie zeichnen sich die Umrisse einer humanitäre Tragödie ab. Wir sollten sie nicht übersehen und uns endlich dazu durchringen, sie vom Spielplan zu nehmen.

05:00 19.03.2009

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