Kältewelle

Berliner Abende Kolumne

Berlin, 20 Uhr 30, minus 15 Grad Celsius, die Frisur sitzt nicht. Ich jogge. Normalerweise laufe ich quer durch den Volkspark Friedrichshain, doch der ist momentan eine einzige Eisfläche und sogar für Hardcore-Jogger ein Todesparcours. Nicht, dass das Trottoir um den Park herum keine Herausforderung wäre, denn die Stadt hat es auch hier offenbar nicht nötig, den Streudienst einzusetzen. Na Hauptsache, die Straßen sind frei, damit rüpelhafte Mercedes-Fahrer nette, kleine Omis als Galionsfiguren aufgabeln können. Verdammt, denke ich, während ich frontal mit einer übergewichtigen Radfahrerin zusammenpralle, wofür zahle ich eigentlich Steuern?

Ist aber auch wirklich scheißkalt heute. Dabei trage ich schon zwei Lagen Sportunterwäsche, die sich von normaler Unterwäsche deutlich unterscheidet, wenngleich nur im Preis. Ich ärgere mich: Statt der Premier Motion Control Running-Schuhe, die sich auch auf unebenen Strecken gut machen sollen, habe ich blöder Geizhals nur die Flexible Gel Foundation II gekauft, die zehn Euro billiger sind und mich dafür jetzt locker an den Rand meines frühzeitigen Ablebens bringen. Glücklicherweise habe ich nicht zu den Allegro Classic Racer Plus gegriffen, da hätte ja sonst was passieren können! Meine Running-Schuhe sehen gottlob todschick aus, und entgegenkommende Läufer erblassen vor Neid und erröten vor Scham über ihr eigenes schnödes Schuhwerk. Nur gegen diese Kälte hilft nichts. Das Laufen nicht, nicht mal das gelenkige Überspringen festgefrorener Hundehäufchen, die um diese Uhrzeit wie Schoko-Spritzgebäck auf einer riesigen Eistorte aussehen. In meinen Ohren dudelt die ganze Zeit Ravels "Bolero" als MP3, welcher ausgezeichnet zum rhythmischen Mitlaufen geeignet ist. Mein MP3-Player ist inzwischen schon an meinem Oberschenkel festgefroren und setzt immer wieder aus, was mich zwar wahnsinnig macht, ich aber nicht ändern kann, da meine Designer-Handschuhe nicht dafür gedacht sind, kleine Player-Tasten zu bedienen, um dem Grauen ein Ende zu bereiten.

Wenig Menschen sind unterwegs, kein Wunder. Es haben bei den Temperaturen wohl nicht so viele eine ähnliche Todessehnsucht wie ich. Um den Märchenbrunnen herum ist der Fußweg so glatt wie ein frisch geölter Babypopo, und mit letzter Kraft halte ich mich an einer Laterne fest, um nicht direkt unter die Räder des 200er-Busses zu geraten, der hier entlangfährt.

Der Schweiß, der mir trotz Mütze noch vor kurzem über die Stirn tropfte, hat sich in kleine Stalaktiten verwandelt. Mir fällt die alte Frau ein, die neulich auf dem Weg zu ihrem Briefkasten gestürzt und erfroren ist. Was hatte sie wohl für Post bekommen? Schwupps, jetzt knalle ich auch noch gegen einen Bullenwagen, der in der Nähe des Märchenbrunnens parkt. Man nennt die Insassen dieses Gefährtes auch Bärenjäger, weil sie große, haarige Lebewesen, die im Winter auf der Suche nach ein wenig kuscheliger Wärme durch das Dickicht des Friedrichshains streifen, gnadenlos zur Strecke bringen - abgesegnet von ihrem Bürgermeister, der aus derselben Höhle kommt. Warum eigentlich nicht gestreut wird, frage ich die uniformierten Herren, zumal ich mit täglichem Joggen auch das Gesundheitssystem auf lange Sicht entlaste - ganz besonders natürlich, wenn ich mir dabei den Hals breche.

Ich soll doch tatsächlich meine Papiere vorzeigen, die ich leider nicht dabei habe, da ich zum Joggen vor die Tür gegangen bin und nicht um einen Zweitwohnsitz anzumelden. Während die Beamten noch beraten, ob sie mich gleich mitnehmen, ergreife ich die Flucht. Was sollen sie auf dem Untergrund schon machen. Mich einholen?

Plötzlich bin ich ein Gejagter, ein Outlaw, ich bin Clyde Barrow in Running-Schuhen, und die Frisur sitzt plötzlich wieder. Das Laufen hat endlich einen Sinn bekommen. Nie habe ich mich freier gefühlt, ich reiße mir beim Laufen die edlen Klamotten vom Leib. Die Kälte empfängt mich jetzt rundum, ich spüre die Natur. Weg sind die Schuhe, die Sportunterwäsche, das ganze lästige Zeug. Ich laufe, also bin ich. Ich habe Lust, spontan den Mond anzuheulen, als ich über einen liegen gelassenen Nordic-Walking-Stock segle und mit dem Kopf gegen einen nah am Wegrand aufgestellten Bauchmuskeltrainer aus Stahl knalle. Alles dreht sich, hart schlagen meine nun ungeschützten Knie auf die Eisfläche. Wie eine gefällte Eiche breche ich zusammen. Die Bärenjäger haben gesiegt. Dies ist mein ganz persönliches Stalingrad. Ich liege im Schnee, Blut sammelt sich um mich herum, die Kälte kriecht in alle Körperöffnungen und betäubt den Schmerz. Ich drehe mich auf den Rücken, während Knochensplitter aus meinem Kopf rieseln und betrachte die Sterne. Eine klare Nacht bricht an. Keine Kraft um nach Hilfe zu rufen, und wozu auch? Ich bin eins mit der Natur. Schlafen, vielleicht auch träumen. Eine Feuerbestattung, ach, das wäre jetzt schön.


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00:00 10.02.2006

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