Kampf der Symbole

Es brennt auch in den Paradiesen Schockwellen erschüttern die Schweiz

Von New York spricht in der Schweiz zur Zeit kaum jemand, und Afghanistan ist in weite Ferne gerückt, wohin keine Swissair-Flüge mehr führen. Spielten sich die entsetzlich ästhetischen Bilder am 11. September vor aller Augen nur im Fernsehen ab, sind Angst und Schock inzwischen in nachbarschaftliche Nähe gerückt.

Am 26. September stürmte ein schwer bewaffneter Mann in den Parlamentssaal des "Steuerparadieses" Zug und feuerte wahllos unter die versammelten Volks- und Regierungsvertreter. 14 Menschen, darunter drei von sieben Regierungsmitgliedern, wurden getötet, 14 weitere teils schwer verletzt. Danach richtete der Täter sich selbst.

Ein 57-jähriger Einheimischer vollzog rambolike seine einsame Rache. In einem Brief, den er auf sich trug, verhieß er "Tage des Zorns für die Zuger Mafia". Seit Jahren hatte er mittels Anklagen und Aufsichtsbeschwerden versucht, Gerechtigkeit für einen banalen und wohl selbst angezettelten Wirtshausstreit zu erhalten. Trotz Vorstrafen und einem laufenden Verfahren wegen Waffenmissbrauchs soll er mehrere Waffenerwerbsscheine besessen haben.

Die Schweizer Gesetzgebung macht es möglich, dass der Anspruch auf eine Waffe gewissermaßen als Freiheitsrecht gilt, dem öffentliche Schutzinteressen hintangestellt sind. Nicht zufällig wirbt die Vereinigung der Waffenlobbyisten Pro Tell mit dem helvetischen Symbol der Wehrhaftigkeit - oder des Terrorismus, je nach Lesart.

Abgesegnet durch eine liturgische Formel (Dies irae) und im Schutz dieses Anachronismus streckte der Zuger Amokschütze gleichsam ein nationales Symbol nieder: Die Volkstümlichkeit der Schweizer Politik. Tatsächlich rühmt sich diese, dass sich selbst ihre höchsten Repräsentanten ohne Leibwache in der Öffentlichkeit bewegen. Derlei steht in Gefahr, nicht erst seit jüngstem. Die politische Diskussion hat sich in den letzten Jahren auch hierzulande verschärft - nicht argumentativ, sondern emotional, demagogisch bis an die Grenze zur platten Verleumdung. Es sind denn auch die Talebans der rechten Heimatliebe, die den Waffengebrauch so "freiheitlich" wie möglich reglementieren.

Wenige Tage später ereilte die Schweizer Öffentlichkeit eine weitere Unglücksbotschaft. Die Swissair, Symbol von Präzision und Kundenservice, seit längerem jedoch von Turbulenzen ergriffen, stellte vorübergehend den Flugbetrieb ein. Der Sprit war ausgegangen und das Geld, um solchen zu ordern. Eine stolze Flotte von Fluggeräten, mit weißem Kreuz auf rotem Flügel, dümpelte wie Baudelaires Albatros plump am Boden. Für viele ein schmerzhafter Anblick.

Vorausgegangen war dem Absturz ein Coup der beiden Banken UBS und Credit Suisse, die im Handstreich zu günstigen Konditionen eine Tochtergesellschaft der Swissair (Crossair) aufgekauft hatten, um aus ihr eine profitable Airline zu machen. Weil unter dubiosen Umständen der ausgehandelte Preis nicht rechtzeitig vom einen aufs andere Konto geschaufelt wurde, blieb die Rumpf-Swissair, nunmehr Konkurrentin, auch real "gebodigt".

Ein Geschäft nach allen Regeln der neoliberalen Taktik, allerdings keine Ruhmestat im Ansehen der frustrierten Öffentlichkeit. Der scheinbar leichtfertige und wohl kalkulierte Sturz eines nationalen Symbols ließ selbst aus bürgerlichen Kreisen Klassenkampfrhetorik à la "Lasst die Banken wanken" vernehmen. Und nicht genug der Farce, zu guter Letzt verkündete der UBS-Chef höchstpersönlich zur Rechtfertigung bankgeheimnisvoll, die Swissair hätte noch Millionen auf dem Konto gehabt.

Derart dilettantisches Vorgehen lässt erahnen, dass auch die helvetischen Primärtugenden: ökonomische Klugheit wie moralische Tugend, im Sinkflug begriffen sind und als sakrosankte nationale Maßstäbe ausgedient haben könnten. Angesichts dessen wirkt es wie ein schlechter Witz, wenn ausgerechnet die Credit Suisse derzeit großflächig in deutschen Zeitungen mit dem Spruch wirbt: "etwas mehr Schweiz könnte auch Ihrem Leben nicht schaden".

Beide Ereignisse schockierten und verdrängten New York aus den Schlagzeilen. Innerhalb kurzer Zeit hat die Schweiz zwei ihrer identitätsstiftenden Symbole verloren und obendrein ein paar Illusionen. Doch im Unterschied zu den Attentaten in den USA wurde dieser Schock nicht durch äußere Kräfte ausgelöst, auch wenn die Swissair für ihren Absturz die gegenwärtige Flugflaute mitschuldig macht.

So vorgeschoben dieses Argument ist, die Geschehnisse in der Schweiz werfen doch auch ein schwaches Licht zurück auf den 11. September. Durch den Terroranschlag in New York wurde ein globales Symbol zerstört. Davon stehen geblieben ist das allgegenwärtige Bild von den brennenden Twin Towers. Symbolische Gewalt bricht die Gewalt der Symbole. Je weiter entfernt und indirekt betroffen die Betrachtenden von den tatsächlichen Ereignissen sind, umso stärker halten sie sich an diese Bilder. Schock und Ängste sind in ihnen aufgehoben, die realen Opfer bleiben darunter verschüttet. Ohne sichtbare Opfer und ohne greifbare Täterschaft, die zur Verantwortung gezogen werden kann, rufen jene Bilder aber auch nach symbolischer Vergeltung.

Auf dieser sinnbildlichen Ebene treffen sich Ereignisse, die im Grunde wenig gemeinsam haben. Die Attentate in den USA wirkten wie ein Verstärker auf die nachfolgende Amoktat in Zug, diese wiederum auf den Absturz der Swissair. Real sind die Ereignisse nicht zu vergleichen, die Differenz aber mag aufschlussreich sein. In Zug mordete ein Einzelner aus paranoidem Hass. Dazu können Psychologen einiges sagen, und vielleicht steckt in ihren Urteilen mehr ursächliche Einsicht in Bezug auf die Anschläge vom 11. September als in der peinigenden Ratlosigkeit der Strategieexperten.

Die Amoktat von Zug demonstriert, dass die Gewalt in unserer Mitte erzeugt wird, hervorgerufen durch Gefühle der Frustration, Missachtung und Geringschätzung. Im äußersten Fall entlädt sie sich mit schrecklicher Gewalt, die von den Tätern durchaus für legitim erachtet wird. Es versteht sich, dass dabei oft Religionen mitspielen, weil diese Legitimation bieten im Sinn einer höheren Gerechtigkeit. Der Deckmantel der transzendentalen Heilsgewissheit erlaubt eine fanatische Rechtgläubigkeit, die respektlos über die Rechte der Anders- beziehungsweisen Ungläubigen hinwegschreiten darf. Nur die Beweggründe für die Gewalt sind real.

Um sie zu verstehen, hilft der viel beschworene "Clash of Civilizations" allerdings wenig. Was momentan weit stärker verunsichert, ist ein "Clash of Symbols". Es gibt keine Sicherheit mehr weder im Realen noch im Symbolischen. Der Zusammenbruch der Symbole kommt einer realen Katastrophe gleich. Die Selbstgewissheit verfliegt. Es brennt auch in den Paradiesen. Darin liegt der schockierende symbolische Sündenfall.

Anstatt sich mit neuerlicher Gewalt auf einen "Clash of Civilizations" zu fixieren, der lediglich die eigene Prophezeiung zu erfüllen droht, wäre es vielleicht besser, hinter die einebnenden und mitunter effektvoll inszenierten Symbole zu blicken. Hier erst lassen sich womöglich die wirklichen Ursachen für den Hass, die Gewalt entdecken und verstehen.

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00:00 12.10.2001

Ausgabe 43/2021

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