Kann das jetzt weg?

1990 In Berlin-Kreuzberg wird überlegt, wie sich das künstlerische Vokabular ostdeutscher Künstler*innen nach der Wende veränderte
Kann das jetzt weg?
Ausschnitt aus einem GIF von „... oder kann das weg?“

»Fallstudien zur Nachwende: Stasisauna« © Elske Rosenfeld, Suse Weber, Wolfgang H Scholz

Im Ausstellungsraum der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) in der Berliner Oranienstraße wird noch gehämmert und gesägt, die Konturen der Ausstellungsarchitektur sind bereits in Schemen sichtbar. Es ist Ende August und Elske Rosenfeld, Anna Voswinckel und Suse Weber haben sich zwei Wochen vor Eröffnung der von ihnen kuratierten Ausstellung „... oder kann das weg? Fallstudien zur Nachwende“ im Hof des 1969 in West-Berlin gegründeten, basisdemokratisch organisierten Kunstvereins zum Hintergrundgespräch eingefunden. Die beiden anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe, Bakri Bakhit und Wolfgang H. Scholz, sind aus Termingründen nicht anwesend. Weiter vorne im Gebäude fehlt ebenso: die gerade vom Hauseigentümer zum Umzug gezwungene Buchhandlung Kisch & Co., durch die das Publikum die Ausstellungsräume der nGbK für gewöhnlich erreichte. Nun wird man die Ausstellung über den Hof betreten, was, wie Suse Weber erklärt, die geplante Ausstellungsszenografie zwar leicht verändert, aber nicht zum Nachteil. „Raumklappen“ hat die Künstlerin konzipiert, Holzsegmente, um die acht thematischen „Fallstudien“ der Ausstellung gleichzeitig voneinander zu trennen und miteinander zu verbinden.

Ein zweijähriges Forschungsprojekt mündet nun also in dieser Ausstellung und der Arbeitsgruppe geht es insbesondere darum, wie ostdeutsche Künstler*innen in der Situation nach der Wende agierten, wie sich ihr künstlerisches Vokabular veränderte. Vor allem nämlich durch ein aus westdeutscher Sicht geprägtes Verständnis, bei dem schematisch westdeutsche Kunst als eine auf den White Cube – den angeblich neutralen und dabei kommerziell konzipierten oder anschlussfähigen Ausstellungsraum – gerichtete Kunst definiert wurde, während das ostdeutsche Pendant als Black Box, also abgeschlossenes Terrain, verstanden worden sei. Und es seien nicht nur viele Arbeiten ostdeutscher Künstler*innen aus der Wahrnehmung der gesamtdeutschen Öffentlichkeit verschwunden, sondern auch die damit verbundene künstlerische Praxis, etwa die Autoperforationsartistik.

Das meint zum einen, dass viele in der DDR entstandene Arbeiten ab 1990 schlichtweg in Depots verschwanden (etwa die staatliche Auftragskunst, im Kunstarchiv Beeskow) oder, wie die Kunst der „zweiten Öffentlichkeit“ (Angelika Richter), vom Kunstmarkt oder der westdeutsch geprägten Kunstkritik meist gar nicht wahrgenommen wurden. Das „kann das weg?“ beziehen die Kurator*innen in ihrem analytischen Rückblick also nicht nur auf die verstauten Arbeiten, sondern auch auf den Umbruch von Biografien, Eigen- und Fremdzuschreibungen oder das Funktionieren sozialer Zusammenhänge.

Brüche und Linien

Über 30 Künstler*innen sind nun in der Ausstellung vertreten, zumeist ostdeutsch sozialisiert, mit Ausnahmen wie Harun Farocki. Allerdings sind nicht (mehr) alle in der DDR geboren. Vielmehr sind es drei Generationen, wie die Künstlerin und Autorin Elske Rosenfeld betont, geboren in den 1950er bis 1990er Jahren, die sich in der Ausstellung – durch auch erst für die Ausstellung entstandene Arbeiten – mit dem Begriff der Nachwende auseinandersetzen. Teils sind die Kurator*innen auch selbst als Künstler*innen beteiligt: So nimmt Rosenfeld (*1974) in einem einwöchigen Arbeitsprozess, der in der Ausstellung nachverfolgt werden kann, auf die frühen Dokumentarfilme von Wolfgang H. Scholz (*1958) Bezug, die in der späten DDR Körperlichkeit etwa anhand von Bodybuilding thematisierten. Tina Bara (*1962) zeigt die nach ihrer Ausreise nach West-Berlin von ihr erstellten Fotoporträts anderer in den Westen übergesiedelter Frauen. Nadja Buttendorf (*1984) den mittlerweile dritten Teil ihrer Robotron betitelten DIY YouTube sci-fi soap opera, in dem ihre Familiengeschichte und die Entwicklung von Computertechnologie in der DDR verbunden werden, und die Arbeit des Performancekünstlers Minh Duc Phams (*1991) nimmt Bezug auf seine ostdeutsch-vietnamesische Familiengeschichte.

Ausschnitt aus einem GIF von „... oder kann das weg?“

© Gina Pietsch und Heide Bartholomäus, Sabine Reinfeld, Susanne Huth

Entscheidend für die Ausstellung ist die Setzung des kuratorischen Teams, nach der der Begriff der Nachwende bis heute Gültigkeit habe. Nach Brüchen und Linien solle gesucht werden, und dazu zähle nicht nur, die AfD oder den NSU als Teil der Nachwende zu thematisieren, sondern auch Forschungen wie die der Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan zum Vergleich ostdeutscher und migrantischer Erfahrungen. Ein Buch wie das 600 Seiten dicke Das Jahr 1990 freilegen, 2019 von Jan Wenzel bei Spector Books in Leipzig herausgegeben, das aufgrund der Fülle des gefundenen Materials als Archiv eines Jahres so fabelhaft funktioniert, stellt in diesem Zusammenhang ein weiteres Beispiel für das Auffinden solcher Brüche und Linien dar; Rosenfeld selbst hatte an dem Buch mitgewirkt.

Der Gedanke der Ausstellung als Archiv ist zentral, darüber wird im Hof des Kunstvereins immer wieder gesprochen. Mit diesem Prinzip wird sowohl dramaturgisch als auch szenografisch gearbeitet. So befinden sich zunächst alle Arbeiten in einem einseh-, aber nicht betretbaren „Depot“ im hinteren Ausstellungsbereich, aus dem sie nicht nur temporär als Hängungen, sondern teils auch als dauerhafte Überklebungen in die vorderen Ausstellungsbereiche hervorgeholt werden. Dort sind die erwähnten „Raumklappen“ installiert, die sieben im Lauf der Ausstellungszeit nacheinander bespielte Themenbereiche – die „Fallstudien“ – definieren (mit Titeln wie Ossiwerdung, Marlboro Man oder Stasisauna). Lediglich eine der Fallstudien wird sich während der Ausstellungsdauer nicht verändern: Anna Voswinckel untersucht hier die Rolle, die die nGbK selbst in den Wendejahren im Zusammenhang mit Kunst aus Ostdeutschland einnahm.

... oder kann das weg? Fallstudien zur Nachwende sei, das betonen die Kuratorinnen, keine Überblicksausstellung, sondern eine „Stichprobenentnahme“ mit exemplarischer Funktion. Um den Umgang mit DDR-Kunst gehe es in diesem Sinn emblematisch, zudem greife die Ausstellung nicht nur ostdeutsche Themen auf. Dass ... oder kann das weg? auch in einer Kunstinstitution im Westen Deutschlands Interesse gefunden hätte oder finden würde, halten die Kuratorinnen allerdings für unwahrscheinlich. Oft, hieße es, fehle dort das Publikum für ein solches Thema. Neben Orten im Osten Deutschlands gäbe es für derlei Themen jedoch durchaus Interesse in Osteuropa, in Österreich oder in Großbritannien. So lange gilt wohl für Westdeutschland die Frage: „... oder kann das her?“

Die Ausstellung „… oder kann das weg? Fallstudien zur Nachwende“ läuft vom 16.9. bis 7.11. in der nGbK, Berlin

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06:00 13.09.2021

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