Kann die elektronische Gesundheits­karte Leben retten, Herr Rütz?

Nachgefragt Als Ärztevertreter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein wollen Sie die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte stoppen. Warum? Die ...

Als Ärztevertreter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein wollen Sie die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte stoppen. Warum?
Die elektronische Gesundheitskarte ist völlig überflüssig. Sie bringt überhaupt keinen Vorteil in der konkreten Abwicklung der Patientenbehandlung und macht die bürokratischen Abläufe sogar teurer und umständlicher.

Können sich Ärzte mit der eCard nicht einen schnellen Überblick über wichtige Daten eines Patienten verschaffen?
Das wird zwar behauptet, ist aber nicht der Fall. Bislang ist völlig ungeklärt, wer dafür zuständig ist, was auf der Karte gespeichert wird. Wenn ich einen Patienten behandle, nützen mir solche Daten allenfalls als vage Vorinformation.

Aber können nicht zum Beispiel Notfalldaten auf der Karte Leben retten?
Das bezweifle ich. Ich war selber als Notfallarzt unterwegs und im akuten Notfall sucht niemand lange nach irgendwelchen Papieren oder Karten, dann muss der Arzt erstmal handeln. Selbst für den Fall, dass gesichert wäre, die Karte könnte im Notarztwagen eingelesen werden, wissen Sie nie wie aktuell die Daten sind.

Viele Ärzte befürworten die eCard, weil sie den Informationsfluss unter den Ärzten verbessert. Das sei ein Vorteil für die integrierte Versorgung. Was halten Sie dem entgegen?
Das ist ein großes Märchen, das den Kollegen da vorgegaukelt wird. Wenn ich mit einem Kollegen auf elektronischem Weg kommunizieren will, brauche ich nicht die eCard, sondern den elektronischen Heilberufsausweis und auf beiden Seiten die entsprechenden Geräte. Es sind ja noch lange nicht alle Praxen, Kliniken oder sonstigen medizinischen Einrichtungen darauf ausgerichtet. Die eCard für Patienten verhilft in erster Linie den Krankenkassen zu einer besseren Übersicht über ihre Versicherten.

Der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein und der Chaos Computer Club loben das Verschlüsselungssystem der Karte. Kann man dem dann nicht vertrauen?
Es geht nicht um den Schlüssel, sondern um die Entscheidung, wer den Schlüssel benutzen darf. Und die wird von der Politik getroffen und kann heute so und morgen so ausfallen. Ich habe kein Vertrauen in die Politik, dass die Daten dort bleiben, wo sie hingehören. Da verweise ich auf aktuelle Presseberichte, was mit sensiblen persönlichen Daten geschehen kann.

Das Gespräch führte Connie Uschtrin

Lothar Rütz ist Arzt für Allgemeinmedizin in Köln und Ärztevertreter in der KV Nordrhein.

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00:00 18.12.2008

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