Kann gründlich daneben gehen

Effekte Die neuen Drogen fürs Hirn versprechen viel. Manchmal übertreffen sie alle Erwartungen. Vielleicht nimmt sie deshalb keiner

Gehirndoping. Das Wort hat Glamour. Es klingt verboten und gefährlich, klingt nach Betrug. Zugleich verheißt es Größe, Rekord und Sieg. Vor allem aber suggeriert dieses Wort, dass es da draußen bereits Drogen der Zukunft geben muss. Pillen und Kapseln, die mich klüger, kreativer und leistungsfähiger machen.

Dass das nicht einfach so passieren wird, ohne Debatte, ist klar. Forscher und Experten haben ihre Gedanken dazu im vergangenen November veröffentlicht (siehe Kasten). Alles ehrenwerte bioethische Überlegungen – nur dass bislang das Problem fehlt, für das die Wissenschaftsweisen hier vorauseilend Lösungen diskutieren. Ganz entgegen dem Medientenor ist nämlich weit und breit kein gesellschaftsübergreifender Trend zur kosmetischen Psychopharmakologie oder zum kollektiven Leistungsdoping auszumachen.

So hat die Untersuchung einer deutschen Krankenkasse zu Doping am Arbeitsplatz ergeben, dass gerade mal ein bis zwei Prozent der Erwerbstätigen während der Arbeit ohne ärztliche Weisung rezeptpflichtige Psychopharamaka einnehmen. Und weniger als ein Prozent der Angestellten hat nach eigenen Angaben schon mal gezielt Stimulanzien gegen Müdigkeit oder zur Verbesserung der Konzentration geschluckt. Für alle anderen müden Krieger des Büroalltags ist wohl immer noch der Kaffeeautomat die Anlaufstelle in der Not.

Calvin hemmt

In den USA mag es da schon mehr Hirndoper geben. Gerade die notorisch experimentierfreudigen College-Studenten greifen in Zeiten verschärfter Prüfungsvorbereitung schon mal zu amphetaminartigen Psychostimulanzien wie Ritalin oder Adderall. Das haben wir vor 20 Jahren an der Uni aber auch schon so gemacht.

Der breiten Akzeptanz leistungssteigernder Pharmaka steht außerdem unser christlich-pietistischer Kulturhintergrund im Weg. Selbst wenn die Entwicklung völlig nebenwirkunsfreier Neuro-Enhancer gelänge, würde doch weiter das Prinzip des pharmakologischen Calvinismus gelten: Erfolg hat man sich durch harte Arbeit zu verdienen. Einfach so durch das Einwerfen von Pillen eine bessere Leistung zu erzielen, empfinden die meisten von uns als Betrug – ganz unabhängig davon, ob das Doping per se gefährlich ist oder nicht.

Zielt die Debatte vielleicht auf fundamentale pharmakologische Innovationen, die unterhalb des Radars der Öffentlichkeit gerade aus den Labors der Pharmaindustrie entlassen werden? Auch hier kann Entwarnung gegeben werden. Selbst die akademische Forscherelite dopt sich nämlich, wie wir aus einer Leserumfrage des Wissenschaftsmagazins Nature wissen, noch immer mit Altbewährtem – was sicher nicht der Fall wäre, gäbe es neueres, besseres. Amphetamine und Amphetamin-ähnliche Substanzen wie Ritalin lassen uns bei der Arbeit zwar wacher, motivierter und ausdauernder werden. Die pharmakologisch übersteigerte Angetriebenheit hat allerdings seinen Preis. Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit stellen sich ein. Außerdem ist der Produktivitätsschub häufig nur ein subjektiv gefühlter. Zusammen mit der Selbstüberschätzung nimmt nämlich auch die Fehlerrate zu. Und der Überblick geht leicht verloren, wie die Journalistin Birgit Schmid nach einem Selbstversuch mit Ritalin protokolliert: „Es fällt mir beim Schreiben viel leichter, Entscheidungen zu treffen. Die Worte vermehren sich ungebremst. Andererseits denke ich weniger zusammenhängend. Ich hafte an den Abschnitten, bringe sie nicht in einen großen Zusammenhang. Das Denken ist wie ein Laser, zu konzentriert, als dass es bis zum nächsten Abschnitt reicht.“ Werden Stimulanzien über einen längeren Zeitraum genommen, kann es zu paranoid-psychotischem Erleben kommen. Wahrscheinlich ist dies der Grund, warum das Militär mittlerweile die Finger von seinen „Go-Pillen“ lässt. Immer wieder sind mit Speed gedopte Soldaten nämlich auf die eigenen Leute losgegangen. US-Soldaten im Irak und in Afghanistan wurden längst auf das besser verträgliche Modafinil umgestellt.

An diesem einzigen neuen Wirkstoff der vergangenen Jahrzehnte hat sich die Diskussion überhaupt erst entzündet. Modafinil wirkt anders als Amphetamine, welche direkt und messbar Dopaminsignale zwischen den neuronalen Kontakten im Gehirn verstärken. Der Modafinilmechanismus ist dagegen weit komplexer und nur in Teilen verstanden. Er verbessert die Konzentration, macht wacher und aufmerksamer. Die hektische Getriebenheit unter Amphetaminen und das nervöse Herumgezittere nach zu viel Kaffee bleiben aus. So kommt das Modafinil dem Anforderungsprofil an eine alltagstaugliche Arbeitsdroge wohl am nächsten. Aber auch Modafinil macht uns nicht klüger oder kreativer – sondern bestenfalls ausdauernder und motivierter. Dafür hat es vergleichsweise geringe Nebenwirkungen.

Crux unter der Schädeldecke

Legitimiert die Existenz eines einzigen halbwegs brauchbaren leistungssteigernden Dopingmittels die gegenwärtige Dauerdiskussion über eine bevorstehende „Optimierung des Gehirns“? Der Medizinhistoriker Nicolas Langlitz sieht das anders: „Die Diskussion pharmazeutischer Phantasmagorien rührt nicht nur unfreiwillig die Werbetrommel für Produkte der Pharmaindustrie, deren Langzeitfolgen noch nicht ausreichend erforscht sind“, schreibt er in der FAZ. Sie nähre im Publikum auch noch das Gefühl, in einen permanenten Konkurrenzkampf verstrickt zu sein. „Schon die Wortschöpfung ,Hirndoping‘ suggeriert, dass Alltag und Arbeitsleben den Regeln des Hochleistungssports unterworfen sind.“

Womit wir zu der tatsächlich relevanten Frage kommen, wie viel und welche Leistung wir denn eigentlich haben wollen. Kann es das Ziel sein, die Arbeitsproduktivität immer weiter zu steigern? Dann wird es eines Tages wohl nicht mehr ohne Hirndoping gehen. Unwahrscheinlich allerdings, dass uns die Pharmaindustrie bis dahin Brauchbares anzubieten hat. Nicht etwa bioethischer Skrupel wegen. Mit der systematischen Medikation von Gesunden lässt sich schließlich viel Geld verdienen. Die Crux liegt vielmehr direkt unter der Schädeldecke. Auch wenn uns oft Gegenteiliges suggeriert wird: Das Gehirn ist komplex und es ist funktionell noch so wenig verstanden, dass man keinem Pharmakon zutrauen sollte, in absehbarer Zeit gezielt in kognitive Prozesse einzugreifen. „Ich, nur besser“ wird schlicht noch lange nicht zu kaufen sein.

Felix Hasler forscht an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich und ist Gast des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin

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11:02 09.07.2010

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